Ist Kanada jetzt ein Fussball-Land? «Das haben wir der Welt gezeigt»
Während der WM-Spiele werden auf den Bildschirmen immer wieder die berühmten Fans der Teams im Stadion eingeblendet. Bei den Engländern schaute beispielsweise David Beckham zu, bei Brasilien Ronaldo. Beim letzten Auftritt der Kanadier war dagegen auf der Ehrentribüne der Arena von Houston Wayne Gretzky zu sehen – die Eishockey-Ikone. Berühmte ehemalige Fussballstars muss der Mitgastgeber erst noch aufbauen.
«Dass wir es bei dieser Weltmeisterschaft unter die 16 besten Mannschaften geschafft haben, ist grossartig – für das Land und für diese Mannschaft», sagte Mittelfeldspieler Stephen Eustaquio nach dem WM-Aus durch das 0:3 gegen Marokko im Achtelfinal. «Aber genau dort müssen wir jetzt ansetzen. Das muss unser neuer Massstab sein.»
Insgesamt 13 Spiele dieses Turniers wurden nach Toronto und Vancouver vergeben. Drei ihrer fünf Partien durften die Kanadier als Heimteam bestreiten, ehe sie nach der Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz in die USA dislozieren mussten. In den Ausrichterstädten wurde kräftig für den Fussball geworben, in Vancouver etwa die bekannte Science World in einen riesigen WM-Ball verwandelt.
Das Hoffen auf den WM-Effekt
Aber eine Fussballnation? «Dieses Turnier war voller Premieren. Darauf werden wir mit grossem Stolz zurückblicken», sagte Alistair Johnston. Für den Abwehrspieler seien es vor allem die Bilder aus Kanada, die in Erinnerung blieben. «Die Menschenmengen, die Strassen voller Fans, die gemeinsam zu den Spielen gezogen sind», sagte der 27-Jährige. «Wir haben der Welt gezeigt, dass Kanada ein echtes Fussballland ist.»
Er habe immer gewusst, dass diese Leidenschaft existiert. «Aber ich glaube nicht, dass der Rest der Welt, und vielleicht nicht einmal alle Kanadier, wusste, wie gross die Fussballbegeisterung in unserem Land tatsächlich ist», sagte Johnston, der auf einen besonderen WM-Effekt hofft: Dass die Teenager von heute zugesehen haben und in vier Jahren dabei sein wollen. Für die WM 2030 wird sich Kanada – anders als in diesem Sommer als Gastgeber – qualifizieren müssen.
Noch auf dem Rasen in Houston hatte Trainer Jesse Marsch, ein US-Amerikaner, seine Spieler auf die Zukunft eingeschworen. Das 0:3, das am Ende klarer war, als es hätte sein müssen, schmerzte. Der Einzug in die Achtelfinals allein war aber schon so viel besser als jedes WM-Erlebnis zuvor. Bei den zuvor einzigen beiden WM-Teilnahmen 1986 und 2022 war Kanada punktlos in der Vorrunde ausgeschieden.
"I'd rather be us than them."
— ESPN FC (@ESPNFC) July 4, 2026
Jesse Marsch after Canada was eliminated from the World Cup vs. Morocco 🗣️ pic.twitter.com/eM7jHlQwi1
«Jesse hat uns gesagt, dass das wahrscheinlich die beste erste Halbzeit war, die er mit uns je erlebt hat», sagte Eustaquio. «Wir müssen einfach weiter an uns glauben und weiter hart arbeiten. Das war wohl seine wichtigste Botschaft. Er ist sehr stolz auf die Mannschaft. Und jetzt beginnt die Arbeit für morgen, wir müssen gemeinsam die Vorbereitung auf die nächste WM in Angriff nehmen.»
Die Sorgen um den Bayern-Profi
In vier Jahren ist der bislang mit Abstand bekannteste kanadische Nationalspieler 29 Jahre alt – bei dieser WM war Bayern-Profi Alphonso Davies auf dem Platz jedoch kein Faktor. Den 25-Jährigen plagten muskuläre Probleme am Oberschenkel, nach einem Kreuzbandriss war er zuvor schon lange ausgefallen.
«Ich wollte der Mannschaft keine Last sein. Deshalb habe ich mich in dieser Situation entschieden, zu pausieren», sagte Davies. «Jedes Mal, wenn ich spiele, möchte ich mein Bestes geben. Vor dieser Partie konnte ich das wegen der Verletzung einfach nicht mit der nötigen Freiheit tun.»
Davies habe das Team «auf jede Art unterstützt, die ihm möglich war», sagte Eustaquio. «Wenn er uns noch mehr hätte helfen können, hätte er das getan.» In ein paar Jahren wird Davies wahrscheinlich auch der erste kanadische Ex-Nationalspieler sein, der auf der Videowand im Stadion von allen Zuschauerinnen und Zuschauern erkannt wird. (abu/sda/dpa)
