«Torhüter finden das richtige Timing nicht»: Das Problem mit WM-Ball «Trionda»
An dieser Weltmeisterschaft kommt es auffällig oft zu Distanztoren. Schon über dreissig Mal landete der Ball nach einem Schuss von ausserhalb des Strafraums im Netz. Da kommen bei einigen Fussballfans gleich wieder Erinnerungen auf an den WM-Ball 2010 «Jabulani». In Südafrika kam es damals zu einigen Flatterbällen, mit denen die Torhüter ihre liebe Mühe hatten.
Der damalige italienische Nationaltorhüter Gianluigi Buffon motzte: «Ich glaube, dass es eine Schande ist, ein so wichtiges Turnier mit solch einem Ball zu spielen.» Immer wieder kam es vor, dass die Schlussmänner einen haltbar scheinenden Ball nicht parieren konnten.
Auch bei der laufenden Weltmeisterschaft steht der Ball plötzlich wieder im Fokus. Doch «Trionda» kann nicht mit «Jabulani» verglichen werden. Das Problem für die Torhüter ist nicht wie beim WM-Ball 2010 die Flugstabilität, sondern die späte Geschwindigkeitssteigerung. Diese sorgt dafür, dass die Torhüter zwar oft mit den Fingerspitzen am Ball dran sind, dieser aber trotzdem im Tor einschlägt.
Dies ist für den ehemaligen Torhüter Joe Hart sehr ungewöhnlich. «Wie oft sieht man auf diesem Niveau, dass ein Torwart den Ball berührt und das Ding trotzdem im Tor landet?», fragt der Engländer bei BBC und liefert die Antwort gleich selbst: «Sehr selten, denn die Keeper sind so gut, dass sie den Ball, wenn sie ihn berühren, meist zur Seite abwehren.»
Besonders mit schulterhohen Schüssen, welche nicht angeschnitten sind, haben die Torhüter bei diesem Turnier zu kämpfen. Hart nannte als Beispiel das Tor von Kylian Mbappé gegen den Irak. Der Torhüter habe den Ball zwar im Blick, aber bei der Flugbahn des Balls sei auffällig, dass sich dieser nicht bewege. «Die Torhüter scheinen bei diesem Ball einfach nicht das richtige Timing zu finden», bilanziert Hart.
Eine wissenschaftliche Studie von südkoreanischen und japanischen Aerodynamik-Forschern gibt Hart recht. In dieser wurde «Trionda» aus sechs verschiedenen Winkeln durch einen Windkanal geschossen. Dabei wurden die Wirkung der aerodynamischen Kräfte und das Flugverhalten gemessen. Während der Flugbahn des Balles kommt es zu einer «Drag Crisis». Dabei handelt es sich um einen Fall, in dem ein Objekt in der Luft einen Punkt erreicht, an dem es von einem glatten zu einem turbulenten Zustand übergeht. Durch eine turbulente Störung kann sich das Objekt schneller bewegen. Dies führt dazu, dass die Bälle eher schneller statt langsamer werden und die Torhüter Mühe haben, dies einzuschätzen.
Auch der mittlerweile zurückgetretene Schlussmann Kasper Schmeichel, welcher seit der Freigabe im Oktober 2025 mit dem «Trionda» trainiert, kommt zu einem ähnlichen Entschluss: «Wenn man das mit den unterschiedlichen Wetterbedingungen und der Luftdichte kombiniert, entsteht weniger Luftwiderstand beim Ball, was bedeutet, dass er sich nicht so stark dreht, aber es bedeutet auch, dass er einen Sekundenbruchteil schneller ist.»
Hart findet derweil, dass die Geschwindigkeitssteigerung des Balls dazu führt, dass es für die Torhüter zu einem Ablauf kommt, welcher nicht dem entspricht, was sie für gewöhnlich erleben. Der Engländer geht aber davon aus, dass sich dies in der K.-o.-Phase ändern wird: «Sobald sie an die Schnelligkeit dieser WM-Bälle gewöhnt sind, werden wir sehen, dass solche Schüsse gehalten werden.» (riz)
