«Ich lebe mit dauernder Angst», sagt Bencic über nächtliche Besuche von Dopingjägern
Es ist kurz nach fünf Uhr morgens. In der Wohnung ist es noch still, der Kaffee noch nicht aufgebrüht. Dann klingelt es an der Haustür. Einmal. Zweimal. Kurz darauf klingelt auch das Handy. Eine unbekannte Nummer. Ihre Tochter Bella weint, als Belinda Bencic aufwacht. Sie hat fünf Anrufe in Abwesenheit. Vor der Tür steht eine Fremde mit einem grauen Koffer.
Solche Besuche gehören für Belinda Bencic zum Alltag als Profisportlerin. Die Frau stellt sich als Dopingkontrolleurin vor und weist sich aus. Wer wie Bencic zur Weltspitze gehört, muss der International Tennis Integrity Agency (ITIA) für jeden einzelnen Tag mitteilen, wo sie sich aufhält. Dazu gehören: Adresse, Trainingszeiten, Reisen, Hotels – und ein tägliches 60-Minuten-Zeitfenster, in dem man garantiert an besagtem Ort anzutreffen ist. «Wir Spielerinnen, auch ich, leben mit einer dauernden Angst», sagt Bencic.
Rund um die Uhr verfügbar
Nicht etwa vor einem positiven Test, sondern davor, Fehler zu machen. Zu vergessen, nachzutragen, dass sie früher vom Turnier abgereist ist, weil sie bereits ausgeschieden ist. Angst davor, dass die Dopingjäger etwa in einem Hotel in Paris vorbeikommen, obwohl sie wieder Zuhause in Bratislava ist. «Ich habe überhaupt kein Problem damit, getestet zu werden. Aber wenn du alleine Zuhause bist, ist das einfach unangenehm», sagt die 29-Jährige.
Kontrollen sind jederzeit möglich – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, überall auf der Welt. Entscheidend ist jedoch die gemeldete Stunde: Dann muss Bencic am angegebenen Ort sein. Drei sogenannte «Whereabout-Failures» innerhalb von zwölf Monaten genügen, um eine Sperre von bis zu vier Jahren zu riskieren – selbst wenn nie Doping nachgewiesen wurde.
Alarm erinnert Bencic an Pflichten
Deshalb legt Bencic das Zeitfenster jeweils auf den frühen Morgen. «Immer von sechs bis sieben Uhr», erklärt sie. Das schränke den Tagesablauf am wenigsten ein – selbst wenn das bedeutet, dass sie regelmässig aus dem Schlaf gerissen wird. «Mein Telefon ist nachts immer auf laut. Ich habe jeden Tag einen Alarm, damit ich nicht vergesse, meine Angaben zu aktualisieren.» Bencic lebt seit anderthalb Jahrzehnten mit dieser Sorge.
Noch härter sind die Konsequenzen, wenn ein Test verweigert wird. Das zeigt der Fall von Marketa Vondrousova. Im Dezember des vergangenen Jahres erschien eine Kontrolleurin unangekündigt vor ihrer Wohnung – ausserhalb des gemeldeten Zeitfensters, was zulässig ist. Die Tschechin verweigerte den Test. Sie habe aus Angst gehandelt, als eine fremde Person am späten Abend bei ihr geklingelt und sich nicht ausgeweisen habe. Vondrousova sagt, sie leide unter einer diagnostizierten Angststörung.
Bencic: «Diese Sperre ist unfassbar»
Drei Tage später wurde die Wimbledon-Siegerin von 2023 und Olympia-Zweite von 2021 (Finalniederlage gegen Bencic) erneut kontrolliert und negativ getestet. Für die ITIA spielte das allerdings keine Rolle. Sie sperrte Marketa Vondrousova für vier Jahre, weil sie einen Test verweigert hatte.
Bencic sagt, sie kenne nicht alle Details und räumt ein, dass Vondrousova den Test nicht hätte ablehnen sollen. Dennoch findet sie klare Worte, als «Schweiz heute» sie in Wimbledon auf den Fall anspricht. «Ich finde es absolut lächerlich und unfassbar, dass sie vier Jahre gesperrt worden ist.»
Der Vergleich mit Sinner und Swiatek
Für Unverständnis sorgt bei Bencic vor allem der Vergleich mit anderen prominenten Fällen. Während Vondrousova ohne positiven Dopingtest für vier Jahre gesperrt wurde, mussten Jannik Sinner und Iga Swiatek trotz nachgewiesener verbotener Substanzen deutlich kürzer pausieren. Bei Sinner gelangte diese angeblich bei einer Behandlung durch seinen Physiotherapeuten und ohne sein Wissen in den Körper. Der Italiener wurde für drei Monate gesperrt. Swiatek erklärte den Befund mit einer verunreinigten Tablette und musste lediglich einen Monat aussetzen.
Noch ist nicht bekannt, ob Vondrousova das Urteil an den internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne weiterzieht. Die Solidarität mit ihr ist aber gross. Auch Bencic hat sie kontaktiert und ihre Hilfe angeboten. «Es ist extrem hart für Marketa und ich habe enorm grosses Mitleid mit ihr.»
Dopingregime ist alternativlos
Doch das Dopingregime lebt von diesen unangekündigten Kontrollen. Nur so lässt sich verhindern, dass verbotene Substanzen gezielt kurz vor einem Test abgesetzt werden oder die Einnahme kaschiert wird. Für die Integrität des Sports ist dieses Vorgehen deshalb alternativlos. Auch wenn das für Sportlerinnen heisst, dass sie niemals richtig abschalten können.
Auch Belinda Bencic schläft nie ganz unbeschwert. Ihr Handy bleibt nachts auf laut, jeden Tag erinnert sie ein Alarm daran, ihren Aufenthaltsort zu aktualisieren. Und wenn nachts jemand bei ihr klingelt, weiss sie: Vor der Tür könnte wieder eine fremde Frau mit einem grauen Koffer stehen. (schweizheute.ch)

