Ein Fluchwort, eine Höchstnote und einige Muntermacher – das sind die Nati-Noten
Gregor Kobel, keine Note
Seitdem er die Schweiz an der WM zum Achtelfinal-Sieg im Penaltyschiessen über Kolumbien gehext hat, wissen wir: Kobel ist so richtig angekommen in der Nati. Ob er auch in Skopje angekommen ist, dem Spielort dieser ersten Schweizer Nations-League-Partie, muss offen bleiben. Ganz einfach, weil er während 90 Minuten keinen einzigen Ball halten muss. Fazit darum: Wir sind überzeugt, Kobel hätte einen Ball, der auf sein Tor geflogen wäre, mirakulös pariert. Ob mit oder ohne WM-Bonus, dem Torhüter nach so einem Spiel eine Note zu geben, wäre etwas abenteuerlich.
Zachary Athekame, Note 5,5
Nach dem Rücktritt von Silvan Widmer erhält er die Chance zur Bewährung als rechter Aussenverteidiger. Wie der 21-Jährige diese nutzt, ist beeindruckend. Gut, auf der anderen Seite stehen elf mässig starke Nordmazedonier. Trotzdem steht in seiner Bilanz des Abends: zwei Tore vorbereitet. Er tut das, weil er sich immer wieder in die Angriffe einschaltet, manchmal auch im gegnerischen Strafraum steht. Athekame hat bereits Präsenz. Die grosse Frage lautet nun: Wie wirkt sich das auf sein Spiel aus, wenn er auch defensiv gefordert wird?
Nico Elvedi, Note 5
Einer der grossen Gewinner der WM. Nach schwierigen Jahren in der Nati spielt er nun plötzlich so, als wäre er seit jeher der Abwehrboss. Gegen Nordmazedonien geht sein Hoch einfach weiter. Gewinnt jeden Zweikampf. Leitet zwischendurch das 2:0 ein. Strahlt ein unermessliches Selbstvertrauen aus. Die gute Form hat er offensichtlich auch an den neuen Schaffensort mitgenommen. Nach dem Transfer von Mönchengladbach zu Leeds hat er sich auch in der Premier League gut eingefügt.
Manuel Akanji, Note 4,5
Führt in Absenz von Granit Xhaka die Nati als Captain aufs Feld. Er ist genauso wenig gefordert wie seine Teamkollegen in der Abwehr. Auffällig sind die vielen sofortigen Balleroberungen noch bevor sich der Gegner richtig sortieren kann. Sorgt Anfangs zweiter Hälfte für die grösste Aufregung im Lager der Nordmazedonier, als er Elvedi den Ball an den (angelegten) Arm schiesst. Einmal wird er noch von einem Ellbogen getroffen. In der Summe ein Länderspiel, an das er sich kaum bis ans Ende des Lebens erinnern wird.
Ricardo Rodriguez, Note 4
Suchte trotz toller Leistungen an der WM lange nach einem neuen Verein. Ist schliesslich bei seinem Ex fündig geworden. Entsprechend hat der mittlerweile 34-Jährige erst 17 Spielminuten in den Beinen. Und kann dies nicht kaschieren. Ein Lob gibt es trotzdem: Er konzentriert sich auf das Einfache und macht dabei keine Fehler.
Ardon Jashari, Note 5
Ohne Xhaka sind viele Augen auf ihn gerichtet. Jashari zeigt, dass er damit umgehen kann. Er hat von Beginn an viel Präsenz, reisst das Spiel an sich, geht immer wieder mit nach vorne. Ganz so, als wäre er bereits seit einiger Zeit der Dirigent des Schweizer Orchesters. In der zweiten Hälfte bekundet er etwas Mühe mit der energischeren Deckung des Gegners. Zum Ende steigert er sich nochmal. Und haben wir seine tollen langen Bälle schon erwähnt? Ein Muntermacher sowohl für ihn persönlich wie auch für das Team.
Remo Freuler, Note 4,5
Es gab unzählige Nati-Spiele, nach denen man festhalten durfte: Freuler hat so viel Gutes getan für das Team, das aber für viele Beobachter unsichtbar ist. Nun steht für einmal etwas im Fokus, das jeder sieht: sein Tor. Das 1:0 nach 22 Minuten kommt zum perfekten Zeitpunkt, noch bevor man sich fragt, ob die ganze Schweizer Dominanz eigentlich ins Nichts führt. In der Summe weniger auffällig als auch schon. Und eben doch so wichtig wie eh und je. Während der WM hat er die Frage, wie lange er der Nati noch erhalten bleibt, auch schon selbst erörtert. Die Lust ist offensichtlich auch nach dem Wechsel zu Olympiakos Piräus noch da – und das ist eine gute Nachricht für Trainer Yakin und die Fans.
Fabian Rieder, Note 4
Ist zusammen mit Torhüter Kobel einer von nur zwei verbliebenen Bundesligisten. Beim FC Augsburg hat er sich bis zum Captain emporgearbeitet. Und spielt mittlerweile auf einer leicht defensiveren Position als früher – jener des Spielgestalters vor der Abwehr, die im Nati-Verbund von Freuler, Jashari (und natürlich Xhaka) besetzt werden. Darum ist es nicht überraschend, wenn er sich als Offensivposten an der rechten Seitenlinie nicht pudelwohl fühlt.
Johan Manzambi, Note 5
Himmel Herrgott, warum nur hat er gegen Argentinien gefehlt? Dieser Gedanke kommt einem während der Partie mehrfach. Spielt, als hätte es diese *setzen-Sie-ihr-eigenes-Fluchwort-ein* Knieprellung nie gegeben. Wirblig, wendig, gute Antritte, Zug zum Tor, tolle Abschlüsse. 20 Jahre jung ist Manzambi für die nächsten zwei Wochen noch. Aber schon jetzt ist klar: Er lässt uns daran glauben, dass es in der Schweizer Fussball-Geschichte nicht bei einem WM-Viertelfinal bleiben muss.
Dan Ndoye, Note 5
Tempo gut. Technik gut. Tore fast gut. Er scheitert mehrfach ganz knapp am persönlichen Erfolg. Mal müsste er mehr aus einer Chance machen. Mal fliegt Torhüter Stole Dimitrievski richtig schön durch die Luft. Das alles bleibt eine Randnotiz, weil der Sieg nie in Gefahr ist. Und auch, weil die Kombinationen und die Harmonie in der Schweizer Offensive ziemlich viel Lust auf die Zukunft machen.
Zeki Amdouni, Note 6
Es hatte etwas von einem Raketenstart, als er frisch in die Nati kam. Fast in jedem Spiel ein Tor, die Leichtigkeit des Seins im Schweizer Sturm schien endlich zurück. Doch bald schon folgten Enttäuschungen und Rückschläge. Mit dem negativen Höhepunkt eines Kreuzbandrisses. Seither kämpft Amdouni um den Anschluss. Sowohl bei seinem Verein Burnley in der zweithöchsten Liga Englands, wie auch in der Nati. Vielleicht werden wir im Rückblick erkennen, dass der Abend von Skopje eine Art Befreiungsschlag war. Was Amdouni nämlich zeigt, ist herausragend. Zwei tolle Tore, natürlich. Aber auch sonst viel Spielfreude, schöne Bewegungen, Ballstafetten, eine Torvorlage per Kopf. Auch die Bereitschaft zur Defensivarbeit ist jederzeit da. So steht plötzlich er im Fokus an jenem Abend, an dem die Schweiz auf das Debüt von Winsley Boteli wartete. Möge Amdouni wieder langfristig zur Leichtigkeit des Seins zurückfinden.
Einwechselspieler:
Sascha Britschgi: Kommt in der 63. Minute für Rodriguez. Fällt gleich mit einigen schwungvollen Vorstössen auf. Das Glück fehlt noch. – zu kurz für eine Bewertung.
Djibril Sow: Kommt in der 63. Minute für Manzambi. Unauffälliger Auftritt – zu kurz für eine Bewertung.
Michel Aebischer: Kommt in der 75. Minute für Ndoye. Engagiert, möchte das Spiel nochmals ankurbeln, trotzdem ohne prägende Momente in der Offensive – zu kurz für Bewertung.
Alvyn Sanches: Kommt in der 75. Minute für Rieder. Sein erstes Nati-Spiel endete mit einem Kreuzbandriss. Fügt sich nun beim Comeback mit einigen guten Aktionen ein – zu kurz für eine Bewertung.
Winsley Boteli: Kommt in der 86. Minute für Zeki Amdouni. Das ersehnte Debüt ist Tatsache. Und beinahe wäre er mit seinem Knaller in der Nachspielzeit auch gleich zum Torschützen avanciert. Interessant wird es, wenn er mehr Spielminuten erhält – zu kurz für eine Bewertung.

