Knapp zwei Wochen vor dem Start der Fussball-Europameisterschaft in Deutschland sorgt eine Umfrage im Gastgeberland für reichlich Diskussionsstoff. Laut einer vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Auftrag gegebenen Umfrage, wünscht sich jede fünfte Person in Deutschland wieder mehr weisse Nationalspieler. Aber alles von vorne.
Der WDR hatte die umstrittene Umfrage im Rahmen der Dokumentation «Einigkeit und Recht und Vielfalt – die Nationalmannschaft zwischen Rassismus und Identifikation» in Auftrag gegeben. In der Doku beleuchtet Reporter Philipp Awounou die Themen Rassismus und Inklusion im deutschen Fussball. Dabei kommen auch deutsche Nationalspieler mit Migrationshintergrund zu Wort, beispielsweise Leverkusen-Verteidiger Jonathan Tah.
Einer Umfrage zufolge fände es jeder fünfte Deutsche besser, wenn wieder mehr weiße Spieler im DFB-Team spielen würden. Joshua #Kimmich reagiert mit deutlichen Worten und spricht von „absolutem Quatsch“, schreibt Tobias Rabe. #EURO2024 #GERUKR https://t.co/ljrtlNLkVu
— FAZ Sport (@FAZ_Sport) June 1, 2024
Bei der Umfrage gaben 21 Prozent der Befragten an, dass sie es begrüssen würden, wenn wieder mehr weisse Spieler in der Nationalelf vertreten wären. 17 Prozent gaben zudem an, dass sie es schade finden, dass der derzeitige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft (Ilkay Gündogan) türkische Wurzeln hat.
Seit der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse am vergangenen Samstag hagelt es jedoch Kritik. Bei der Kommunikation der Ergebnisse läge der Fokus nicht auf der Inklusion, sondern dem Rassismus, so der Tenor. Beanstandet wird insbesondere der Titel auf der Website der «Sportschau». «Jeder Fünfte* will mehr ‹weisse› Nationalspieler», ist dort zu lesen. Anders formuliert, könnte man auch sagen: 66 Prozent der Befragten hatten sich positiv über die Zusammensetzung der DFB-Auswahl geäussert.
Die Umfrageergebnisse sind auch im EM-Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft ein Thema. Bayerns Joshua Kimmich bezeichnete die Fragestellung als «absurd und kontraproduktiv», gehe es an der EM doch darum, «das ganze Land zu einen und gemeinsam etwas zu erreichen und alle Menschen in Deutschland zu begeistern». Im Fussball, so Kimmich, gehe es darum, «wie man verschiedene Nationen, Hautfarben und Religionen vereinen kann».
Noch deutlicher drückte sich Bundestrainer Julian Nagelsmann aus: «Ich hoffe, nie wieder von so einer Scheissumfrage lesen zu müssen», sagte er auf der Pressekonferenz des DFB vor dem EM-Testspiel am Montag gegen die Ukraine. Er sei schockiert darüber, so Nagelsmann, «dass solche Fragen gestellt werden – und auch, dass Menschen darauf antworten». Sowohl Kimmich als auch Nagelsmann bezeichnen die Umfrage als «rassistisch».
Angesprochen auf die Kritik, meinte WDR-Sportchef Karl Valks:
Auch er selbst, so Valks, würde sich wünschen, dass die Umfrage anders ausgefallen wäre, doch die Ergebnisse seien auch Ausdruck «der gesellschaftlichen Lage im heutigen Deutschland. Der Sport spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle, die Nationalmannschaft ist ein starkes Vorbild für Integration».
Umfrageergebnisse hin oder her. Joshua Kimmich würde «viele Spieler sehr vermissen, wenn sie nicht hier wären». Und auch Jonathan Tah betont in der Doku die Einheit des Teams: «Wir sind eine Mannschaft und im Sommer spielen wir ein Turnier, auf dem wir gemeinsam für Deutschland erfolgreich sein wollen. Und ja, wir sind Müller, aber wir sind auch Tah und Gündoğan. Und wir verfolgen alle zusammen ein Ziel.»
(kat)
Ich bin nicht wirklich ein Fan des Deutschen Fussballs, aber kann man die Spieler nicht einfach mal in Ruhe lassen, dass sie sich mental auf die EM konzentrieren können?