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Julian Nagelsmann reagiert deutlich auf Rassismus-Umfrage des WDR

Bundestrainer Julian NAGELSMANN GER mit Joshua KIMMICH GER. Oeffentliches Training in Jena , Ernst Abbe Sportfeld. Deutsche Fussball Nationalmannschaft,Fussball / Trainingslager in Blankenhain /Thueri ...
Bundestrainer Julian Nagelsmann und Spieler Joshua Kimmich kritisieren die WDR-Umfrage.Bild: www.imago-images.de

Umstrittene Rassismus-Umfrage zur deutschen Nati – Nagelsmann übt scharfe Kritik

Heute Abend (20.45 Uhr) testet die Deutsche Nationalmannschaft gegen die Ukraine. Seit einer Umfrage des WDR beschäftigt sich das Team aber nicht nur mit Fussball, sondern auch mit Rassismus.
03.06.2024, 10:3603.06.2024, 14:35
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Knapp zwei Wochen vor dem Start der Fussball-Europameisterschaft in Deutschland sorgt eine Umfrage im Gastgeberland für reichlich Diskussionsstoff. Laut einer vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Auftrag gegebenen Umfrage, wünscht sich jede fünfte Person in Deutschland wieder mehr weisse Nationalspieler. Aber alles von vorne.

«Kontraproduktive» Fragestellung

Der WDR hatte die umstrittene Umfrage im Rahmen der Dokumentation «Einigkeit und Recht und Vielfalt – die Nationalmannschaft zwischen Rassismus und Identifikation» in Auftrag gegeben. In der Doku beleuchtet Reporter Philipp Awounou die Themen Rassismus und Inklusion im deutschen Fussball. Dabei kommen auch deutsche Nationalspieler mit Migrationshintergrund zu Wort, beispielsweise Leverkusen-Verteidiger Jonathan Tah.

Bei der Umfrage gaben 21 Prozent der Befragten an, dass sie es begrüssen würden, wenn wieder mehr weisse Spieler in der Nationalelf vertreten wären. 17 Prozent gaben zudem an, dass sie es schade finden, dass der derzeitige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft (Ilkay Gündogan) türkische Wurzeln hat.

«An der EM geht es darum, das ganze Land zu einen und gemeinsam etwas zu erreichen.»
Joshua Kimmich

Seit der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse am vergangenen Samstag hagelt es jedoch Kritik. Bei der Kommunikation der Ergebnisse läge der Fokus nicht auf der Inklusion, sondern dem Rassismus, so der Tenor. Beanstandet wird insbesondere der Titel auf der Website der «Sportschau». «Jeder Fünfte* will mehr ‹weisse› Nationalspieler», ist dort zu lesen. Anders formuliert, könnte man auch sagen: 66 Prozent der Befragten hatten sich positiv über die Zusammensetzung der DFB-Auswahl geäussert.

Die Umfrageergebnisse sind auch im EM-Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft ein Thema. Bayerns Joshua Kimmich bezeichnete die Fragestellung als «absurd und kontraproduktiv», gehe es an der EM doch darum, «das ganze Land zu einen und gemeinsam etwas zu erreichen und alle Menschen in Deutschland zu begeistern». Im Fussball, so Kimmich, gehe es darum, «wie man verschiedene Nationen, Hautfarben und Religionen vereinen kann».

«Ich hoffe, nie wieder von so einer Scheissumfrage lesen zu müssen.»
Julian Nagelsmann

Noch deutlicher drückte sich Bundestrainer Julian Nagelsmann aus: «Ich hoffe, nie wieder von so einer Scheissumfrage lesen zu müssen», sagte er auf der Pressekonferenz des DFB vor dem EM-Testspiel am Montag gegen die Ukraine. Er sei schockiert darüber, so Nagelsmann, «dass solche Fragen gestellt werden – und auch, dass Menschen darauf antworten». Sowohl Kimmich als auch Nagelsmann bezeichnen die Umfrage als «rassistisch».

Die Umfrage

Die Umfrage wurde im Rahmen der TV-Dokumentation «Einigkeit und Recht und Vielfalt – die Nationalmannschaft zwischen Rassismus und Identifikation» bei Infratest dimap in Auftrag gegeben. Sie wurde Anfang April unter 1304 zufällig ausgesuchten Personen durchgeführt. Die Umfrage offenbarte grosse Unterschiede je nach Parteizugehörigkeit der Befragten. Unter Anhängern der AfD wünscht sich 47 Prozent eine weissere Nationalmannschaft, unter BSW-Anhängern sind es 38 Prozent. Die Zustimmungswerte von Anhängern der Union (18 Prozent), der SPD (14 Prozent) und der Grünen (5 Prozent) fallen geringer aus.

WDR verteidigt sich

Angesprochen auf die Kritik, meinte WDR-Sportchef Karl Valks:

«Unser Reporter Philipp Awounou wurde in Interviews bei den Dreharbeiten zu der Dokumentation Einigkeit und Recht und Vielfalt mit der Aussage konfrontiert, dass zu wenige 'echte', hellhäutige Deutsche auf dem Fußballplatz stehen. Das wollten wir bewusst nicht anekdotisch wiedergeben, sondern auf fundierte Daten stützen.»

Auch er selbst, so Valks, würde sich wünschen, dass die Umfrage anders ausgefallen wäre, doch die Ergebnisse seien auch Ausdruck «der gesellschaftlichen Lage im heutigen Deutschland. Der Sport spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle, die Nationalmannschaft ist ein starkes Vorbild für Integration».

Leverkusen's Jonathan Tah pauses during a training session one day ahead of the Europa League soccer Final between Atalanta and Bayer Leverkusen at the Aviva Stadium in Dublin, Ireland, Tuesday,  ...
In der WDR-Doku meldet sich auch Jonathan Tah zu Wort. Bild: keystone
«Und ja, wir sind Müller, aber wir sind auch Tah und Gündoğan. Und wir verfolgen alle zusammen ein Ziel.»
Jonathan Tah

Umfrageergebnisse hin oder her. Joshua Kimmich würde «viele Spieler sehr vermissen, wenn sie nicht hier wären». Und auch Jonathan Tah betont in der Doku die Einheit des Teams: «Wir sind eine Mannschaft und im Sommer spielen wir ein Turnier, auf dem wir gemeinsam für Deutschland erfolgreich sein wollen. Und ja, wir sind Müller, aber wir sind auch Tah und Gündoğan. Und wir verfolgen alle zusammen ein Ziel.»

(kat)

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64 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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KenEck
03.06.2024 10:30registriert Mai 2023
Und die nächste Diskussion fängt passend vor einem grossen Event an, die die Deutschen Nationalspieler mitführen dürfen, alle 2 Jahre wieder.
Ich bin nicht wirklich ein Fan des Deutschen Fussballs, aber kann man die Spieler nicht einfach mal in Ruhe lassen, dass sie sich mental auf die EM konzentrieren können?
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Lektor1956
03.06.2024 10:43registriert Juni 2023
„Und immer wieder grüsst das Murmeltier“: Die Deutschen verfügen über das unbestrittene Talent, im Vorfeld von Fussballturnieren eine Stimmung zu erzeugen, die mit Fussball eigentlich wenig zu tun hat. Vor Katar war‘s die Captainbinde, heute die ARD-Umfrage. Als kleiner Schweizer würde ich ihnen raten, sich auf die wesentlichen Probleme zu konzentrieren. Denn diese sind in der - ehemaligen - „Lokomotive Europas“ in Hülle und Fülle vorhanden. Ein Schelm, der denkt, dass diese Umfrage den Politikern nicht ungelegen kommt….
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Bruno.is.back
03.06.2024 10:15registriert März 2022
Leider gibt es solche "Scheiss-Diskussionen" viel zu häufig auch in der Schweiz. Es ist absolut undankbar wie mit vielen Spielern umgegangen wird, welche voller Leidenschaft für die Nationalteams spielen und uns so viel Freude bereiten.
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