Es ist kalt. Aber vor allem ist es nass. Den ganzen Tag schon regnet es. Und zwar ziemlich heftig. Doch Marco Odermatt scheint das nicht zu stören. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht jongliert er mit Granit Xhaka, sucht im freien Passspiel immer wieder Xherdan Shaqiri. Der Ski-Held mitten unter Nati-Spielern. Dabei war er gar nie in einem Fussballklub. Doch Odermatt offenbart erstaunliche technische Fähigkeiten.
Einen Tag lang haben wir Marco Odermatt begleitet. Er besucht einen Sponsor. Er fährt zum CSIO nach St. Gallen, um einem anderen Sponsor die Ehre zu erweisen. Er lässt sich von Reitsport-Talenten und von Nachwuchs-Trainern interviewen. Und er teilt schliesslich seine Erfahrungen mit den Nati-Kickern, von denen hinterher einige um ein Selfie mit Odi bitten.
Bevor Odermatt kurz vor 10 Uhr im Hauptsitz von Sunrise in Opfikon vorfährt, hat er schon zwei Stunden Krafttraining hinter sich. Hellblaue Jeans, Käppi, helle Turnschuhe, beiger Pullover. Kumpelhaftes Abklatschen mit Sunrise-CEO André Krause. Wenn Odi im Haus ist, ist die erste Reihe im Publikum schnell besetzt.
Krause flachst: «Erstaunlich viele Menschen hier für einen Freitagmorgen.» Odermatt meint: «Es ist immer speziell, wann man an jene Orte kommt, an denen wirklich gearbeitet wird.» Erste Lacher. Danach stellt sich Odermatt den Fragen von Sunrise-Mitarbeitern und SRF-Kommentator Stefan Hofmänner.
«Ich bin nun schon die fünfte Woche im Training», verrät Odermatt. «Ich habe so früh begonnen wie noch nie, während andere das Training noch nicht aufgenommen haben.» Aber sind dann solche repräsentativen Verpflichtungen nicht störend? «Nein. Lieber verzichte ich im Sommer auf ein bisschen Spass. Dafür kann ich im Winter, nach Erfolgen, etwas mehr Spass haben als andere.»
Typisch Odermatt. Immer wieder drückt an diesem Tag durch, wie ehrgeizig, wie willensstark, ja vielleicht sogar wie verbissen er ist. Egal, wie viele Medaillen und Kristallkugeln der 27-Jährige schon gewonnen hat. Status quo bedeutet für ihn Rückschritt. Sich auf den Lorbeeren ausruhen? Keine Option. Stattdessen ist er bestrebt, sich mehr zu quälen, härter zu trainieren als die Konkurrenz. In dieser Hinsicht ist er so etwas wie ein Getriebener.
Warum haben Sie sich zuletzt aus den sozialen Medien zurückgezogen: «Im Sommer will ich meine freie Zeit nicht damit vergeuden. Im Winter hingegen habe ich immer wieder Zeit zum Herumlungern, dann kann ich wieder mal was auf Instagram machen.»
Nächste Frage bitte: Wie hoch ist Ihr Lohn? «Ich habe eine Firma, in die alles Geld fliesst, das ich verdiene. Aus dieser Firma bezahle ich mir einen Lohn von etwa 10'000 Franken pro Monat aus.»
Gehen Sie mit Ihrer Ernährung auch so locker um, wie Sie auf der Piste wirken? «Ich schaue nicht gross darauf. Mir ist wichtig, dass ich gut und genug esse. Mein Problem ist eher, dass ich die Kalorien, die ich im Sommer verbrenne, fast nicht zu mir nehmen kann.»
Der nächste Programmpunkt wartet: der Besuch beim CSIO in St. Gallen. Im Zelt von Longines empfängt ihn Springreiter Edouard Schmitz. Weil es unentwegt regnet, das Terrain zu weich und dadurch die Verletzungsgefahr für die Pferde zu hoch ist, fällt der Nationenpreis aus. Beim Essen witzelt er mit Schmitz: «Auf die Pferde nimmt man offensichtlich Rücksicht. Bei uns heisst es bei fast jedem Wetter: Fahrt einfach runter.»
Odermatt will von Schmitz wissen, wie stark der Einfluss von arabischen Ländern auf den Reitsport ist. Er will wissen, wie es um die Olympia-Chancen von Schmitz steht. Und vor allem will er wissen, ob es noch mehr zu essen gibt. «Zwei Kilo mehr verträgt es.»
Natürlich kriegt Odermatt Nachschlag. Als wir aufbrechen wollen, treten zwei junge Männer auf Odermatt zu. Der eine, Julian von Moos, spielte letzte Saison in St. Gallen. Der andere, Noël Wetz, beim FC Aarau. Sie kriegen ihr Selfie. Auf die Frage, wo sie nächste Saison spielen, sagt von Moos: «Ich wechsle zu Servette.» Und Wetz: «Ich gehe wohl ins Ausland.»
Auf Odermatt wartet der nächste Termin. Die grössten Reitsport-Talente der Schweiz warten voller Vorfreude auf den Ski-Star. «Ich war als Kind immer vorne dabei, habe aber selten gewonnen. Das war gut. Denn es hat mich motiviert, weiter dranzubleiben», erzählt Odermatt.
Um 15.40 empfangen ihn die Nachwuchstrainer des FC St. Gallen. Klubpräsident Matthias Hüppi, der nebenan sein Büro hat, lässt sich den hohen Besuch nicht entgehen. Er adelt Odermatt und hört danach aufmerksam zu, wie das Ski-Ass zum wiederholten Mal die gleichen Fragen über Druck, Erwartungen und Einstellung beantwortet, als seien sie ihm das erste Mal überhaupt gestellt worden.
Um 16.20 Uhr wird Odermatt im Hotel Säntispark erwartet, wo die Fussball-Nati residiert. Er wird in einen Besprechungsraum geführt. Murat Yakin, der das Treffen initiiert hat, begrüsst Odi herzlich. Übrigens: Yakin ist nicht nur ein glühender Ski-Fan, sondern hat bei einer Golf-Charity auch mal ein paar Ski von Odi ersteigert. Nach dem Treffen sagt Odermatt, es sei eine ungewohnte Situation gewesen, plötzlich vor Leuten zu sprechen, zu denen er hochschaut.
Doch das Hochschauen ist gegenseitig. Nachdem Odermatt über seine Erfahrungen spricht, die Nati-Kicker ihm 30 Minuten gebannt zuhören, bitten ihn einige um ein Selfie. Ein langjähriges Staff-Mitglied verrät hinterher: «Der Letzte, der die Spieler für so lange Zeit in seinen Bann gezogen hat, war Roger Federer.»
Was hat Odermatt den Nati-Spielern mitgegeben? «Ich muss ihnen keine Message vermitteln, weil alle mindestens gleich viel erreicht haben wie ich.» Was die Fussballer von Odermatt wissen wollen: Wie er mit Druck umgeht, was er im Starthaus denkt, welche Rituale er befolgt, wie er den Erfolg stets wiederholen kann.
Und, was erzählt Odermatt den Nati-Spielern? «Ich nehme mir vor, immer etwa zehn Sekunden vor dem Start zu lachen, damit ich in einen positiven Flow komme. Denn egal, welchen Sport man betreibt. Ohne Freude geht es nicht.»
Und was macht Odi in der freien Zeit während der Rennen, um auch mal abzuschalten? «Spazieren gehen, mit den Kumpels Karten spielen oder einfach mal gemütlich mit den Kollegen einen Kaffee trinken. Wir sind eher nicht so die Gamer. Wichtig ist, dass man sich im Team gegenseitig hilft, versucht, sich gegenseitig weiterzubringen.»
Und natürlich lässt Odermatt auch bei den Nati-Kickern durchblicken, dass er mehr und härter trainiert als die anderen. Da passt es doch wunderbar, dass es wie aus Kübeln schüttet, als er mit den Nati-Kickern auf den Trainingsplatz geht.
Odermatt wird während der EM nach Frankfurt fahren, um die Schweiz im Spiel gegen Deutschland zu unterstützen. Wahrscheinlich im Nati-Trikot mit der Nummer 10 und dem Schriftzug «Odermatt», das ihm Granit Xhaka überreicht hat.
Um 19 Uhr geht ein Arbeitstag in St. Gallen zu Ende, der kurz vor 7 Uhr in Stans begonnen hatte. Zwölf Stunden, in denen Odermatt viele Menschen inspiriert hat. Darunter auch abgebrühte Typen wie unser Nationalspieler. (aargauerzeitung.ch)