Pures Spektakel und Tränen nach dem letzten Spiel: So gar nicht typisch Deschamps
Nur mühsam kann Didier Deschamps seine Tränen zurückhalten. Der Baske aus dem Süden Frankreichs, der sonst immer eher reserviert und kontrolliert wirkt, zeigt für einmal Emotionen. Das spektakuläre 4:6 im Spiel um die Bronzemedaille gegen England war sein 185. und letztes Spiel an der Seitenlinie der Bleus.
«Ich möchte nicht vor euch weinen, aber ich könnte, weil ich so viele tolle Nachrichten bekommen habe», erklärt der 57-Jährige bei der folgenden Pressekonferenz. «Es ist das Ende einer Reise.» Eine Reise, die an einem Tiefpunkt des französischen Fussballs begann und zur erfolgreichsten Zeit wurde.
Spielintelligenz und taktische Vision
Deschamps zeigte bereits als Spieler die Qualitäten, die ihn zum herausragenden Nationalcoach machen sollten. «Dédé» brillierte als defensiver Mittelfeldspieler, führte Frankreich 1998 als Captain zum WM-Titel und gewann mit Marseille und Juventus Turin die Champions League. Eric Cantona bezeichnete Deschamps einst als «Wasserträger», der die Bälle holt und an talentiertere Mitspieler weitergibt. Solche wie Zinédine Zidane oder Alessandro Del Piero. Selber hatte er nicht die stupende Technik, aber eine Vision, Spielintelligenz und Disziplin.
Durch diese Eigenschaften zeichnete sich auch «sein» Nationalteam aus. Deschamps übernahm eine Equipe in Aufruhr. An der WM 2010 in Südafrika hatten die Spieler mit dem berühmten «Streik von Knysna» gegen Trainer Raymond Domenech unrühmliche Geschichte geschrieben und waren suspendiert worden. Domenechs Nachfolger Laurent Blanc warf nach nur zwei Jahren und einem Viertelfinalout bei der EM gegen den späteren Europameister Spanien den Bettel hin. Mit Deschamps ging es wieder aufwärts, er brachte wieder Struktur ins Team.
Gutes Gespür für die Stars
2018 wurde Frankreich Weltmeister, vier Jahre später scheiterte es im Final erst im Penaltyschiessen, dazu stand man 2016 im EM-Final und verlor in der Verlängerung gegen Portugal. Deschamps gelang die Kunst, sein mit hochbegabten Stars gespicktes Ensemble bei Laune zu halten und ihm Disziplin und Ordnung abzuverlangen. Bis zu dieser, seiner letzten WM.
Zum Teil war dem Südfranzosen vorgehalten worden, er lasse einen wenig spektakulären, erfolgreichen, aber etwas langweiligen Fussball spielen. Spektakel ist nicht sein Ding, das zeigte sich nicht zuletzt bei der Präsentation des WM-Kaders. Keine alberne Schnitzeljagd, keine spektakuläre TV-Show. Knochentrocken las Deschamps in der abendlichen Nachrichtensendung des Senders TF1 seine 26 Namen runter.
In Nordamerika sorgen seine Spieler aber für Spektakel. Deschamps nominiert stets vier klare offensive Künstler, Frankreich stürmt mit begeisterndem Fussball in die Halbfinals und macht sich zum Titelfavoriten – ehe man am spanischen Kollektiv zerschellt. Einem Team, das viel eher die Philosophie des französischen Selektionärs verkörpert, der schliesslich nur 30 km von der spanischen Grenze geboren wurde.
Er stand aber auch wegen eines persönlichen Schicksals, dem Tod seiner Mutter während der WM, mehr im Mittelpunkt, als er es üblicherweise wünscht. «Meine persönliche Situation, die ich niemandem wünsche, hat mich viel Energie gekostet», gibt Deschamps zu.
Nichts steht über Frankreichs Nationalteam
Es ist nicht das Ende, das er sich gewünscht hatte. Nicht ein dritter WM-Final in Folge und eine desolate Leistung seines Teams in der ersten Hälfte des unbedeutenden Spiels gegen England. Deschamps gibt sich aber versöhnlich und blickt mit Stolz und Freude zurück auf seine vierzehn Jahre. «Es endet etwas vom Schönsten, das es gibt im Leben», hält er fest. «Ich habe dieses Team über alles gestellt. Man kann Trainer jedes grossen Klubs der Welt sein, aber es gibt nichts, das über der Equipe de France steht.»
Nun reist Deschamps mit seiner Familie in die verdienten Ferien. Sein Nachfolger dürfte der ehemalige Teamkollege Zinédine Zidane werden. Er übernimmt mit guten Perspektiven, wie der Vorgänger findet. «Es ist alles da, was es braucht. Auch junge Spieler, die noch besser werden», so Deschamps. Er schliesst mit einem Aufruf an die Medien: «Denkt immer daran, das Wichtigste ist der Respekt. Man kann kritisieren, unterschiedlicher Meinung sein, aber der Respekt darf nie verloren gehen.» (riz/sda/afp)
