5716 Kilometer für die Nati: Dieser Aargauer fuhr mit dem Rennvelo quer durch die USA
Wohl noch nie nahm ein Fussballfan einen derart grossen Aufwand auf sich, um die Schweizer Nationalmannschaft live im Stadion zu sehen! Der Content Creator Peter Bolliger fuhr mit dem Rennvelo von Boston nach San Francisco – von der Ost- an die Westküste der USA. 28 Tage lang war der Aargauer unterwegs. In 261 Stunden strampelte er rund 5716 Kilometer und 45'600 Höhenmeter ab. Ganz nebenbei feierte er auf der Tour auch noch seinen 30. Geburtstag. Die gesamte Reise hielt er für seine Follower in Videos fest.
Ein kleiner Dämpfer am Ende der Reise
Und dann, nach seiner Ankunft in Santa Clara, das rund 80 Kilometer von San Francisco entfernt liegt, folgte die bittere Überraschung: Die Schweizer Nati kassierte im Levi's Stadium – das an der WM als San Francisco Bay Area Stadium firmiert – gegen Katar in der letzten Minute der Nachspielzeit noch den 1:1-Ausgleich. «Das war wie ein Stich ins Herz, eine gefühlte Niederlage», sagt der Aargauer Nati-Fan rückblickend.
Ein kleiner Dämpfer am Ende einer unfassbaren Reise für Bolliger. Das Stadionerlebnis im eigentlichen NFL-Tempel der San Francisco 49ers wird ihm dennoch in bester Erinnerung bleiben: «Zu Beginn gab es die Befürchtung, dass das Stadion nicht gut gefüllt sein könnte. Das war überhaupt nicht der Fall. Die Stimmung war fantastisch. Für mich war es zudem total surreal: Nachdem ich 28 Tage lang quer durchs Land gereist war, hörte ich plötzlich überall wieder Schweizerdeutsch.»
Glücklicherweise hatte Bolliger mit seiner Frau im Anschluss noch eine Woche Ferien eingeplant. So erhielt seine USA-Reise doch noch einen versöhnlichen Abschluss. «Wir haben gesehen, dass es noch Tickets für das zweite Schweizer Spiel in Los Angeles gegen Bosnien gibt. Zwar sündhaft teuer wegen der dynamischen Preise, aber wir dachten: once in a lifetime.» Weit über 1000 Franken kostete der spontane Abstecher für zwei Personen. Dafür wurden die Bolligers mit einem deutlichen 4:1-Sieg der Schweizer Nati belohnt.
Ein professioneller Hobbysportler
Dass Bolliger ein grosser Fan der Schweizer Nati ist, kommt nicht von ungefähr. Einst träumte er selbst von einer Karriere als Fussballer. Bei den Aktiven schaffte er es immerhin bis in den ambitionierten Amateurbereich. Zunächst spielte er mit dem SC Schöftland in der 2. Liga inter, später mit dem FC Sursee in der 1. Liga. Weiter nach oben ging es für ihn jedoch nicht – vielleicht auch, weil er sich ab 2018 auf seine Selbstständigkeit als Content Creator konzentrierte.
Seine Amateurfussball-Karriere endete beim Dorfklub FC Gontenschwil in der Aargauer 2. Liga, wo er noch bis 2023 spielte. «Das war eine geile Zeit. Eigentlich hatte ich mit dem Fussball abgeschlossen, aber viele Freunde von mir spielten damals noch in diesem Team. Deshalb schloss ich mich an. Tatsächlich konnten wir uns als kleiner Dorfklub ein paar Jahre lang in der höchsten Aargauer Liga halten.»
Wer sich die Challenges anschaut, die Bolliger in seinen Videos meistert, traut ihm durchaus zu, dass auch eine Karriere als Profisportler möglich gewesen wäre. An Biss und körperlicher Fitness mangelt es dem Kreativkopf jedenfalls nicht. Seine Inhalte treffen den Zeitgeist: Extremsportler wie Arda Saatçi, Kim Gottwald und Co. werden mit ihren Ausdauerprojekten zu Social-Media-Stars und ziehen Hunderttausende Follower in ihren Bann. Auch Bolligers Community wächst stetig.
Und er ist stolz darauf, wie sich alles entwickelt hat: «Ich habe mich kürzlich gefragt, wie ich meinen Beruf eigentlich bezeichnen würde. Früher wollte ich unbedingt Profisportler werden, heute bin ich professioneller Hobbysportler. Das ist wohl die passendste Bezeichnung. Ich lebe ein Stück weit meinen Traum und habe gleichzeitig viele neue Sportarten für mich entdeckt.»
Ein Training mit Langlauflegende Dario Cologna, ein Tag mit der Eishockey-Nati oder eine Einheit mit Tennisprofi Dominic Stricker: Bolliger hat sich bereits zahlreichen sportlichen Herausforderungen gestellt. Dahinter steckt jedoch ein grösseres Ziel. Er möchte so lange mit Sportlerinnen und Sportlern aus den unterschiedlichsten Disziplinen trainieren, bis er eines Tages zu einem Probetraining bei der Schweizer Fussball-Nati eingeladen wird.
«Vielleicht muss ich beim nächsten Mal den Globus umrunden»
Bei seiner Reichweite darf man davon ausgehen, dass der Schweizerische Fussballverband – insbesondere die Marketingabteilung der Schweizer Nationalmannschaft – bereits von seinen Plänen erfahren hat. Zu einer Kontaktaufnahme während der USA-Reise kam es allerdings nicht. Dafür hat der Content Creator jedoch vollstes Verständnis: «Ich hatte bereits ein bisschen Austausch mit den Verantwortlichen und wusste, dass es vor einem so wichtigen Turnier schwierig wird. Vielleicht muss ich beim nächsten Mal den Globus umrunden, damit es für ein Training mit der Nati reicht», sagt er scherzhaft.
Ob Bolliger, der sich inzwischen wieder in der Schweiz befindet, eines Tages tatsächlich mit Granit Xhaka und Co. auf dem Trainingsplatz stehen wird, ist offen. Aufgeben kommt für den Aargauer aber nicht infrage. Vorerst bleibt ihm nur, der Nati vor dem TV die Daumen zu drücken: «Ich denke, im Spiel gegen Bosnien hat sich der Knoten gelöst. Ich traue ihnen den Viertelfinal zu, vielleicht sogar den Halbfinal. Wir hatten noch nie eine so starke Mannschaft.» (car/schweizheute.ch)
