Blue-Chefin Claudia Lässer: «Ich würde SRF mehr Mut wünschen»
Claudia Lässer, am Sonntag findet der WM-Final zwischen Spanien und Argentinien statt. Was ist Ihr Tipp?
Claudia Lässer: 2:1 für Spanien. Spanien, weil sie über das ganze Turnier hinweg die konstanteste Mannschaft mit der besten Defensive waren. Aber gegen ein Team mit Messi und dieser argentinischen Mentalität würde es mich nicht überraschen, wenn das Spiel erst in der Verlängerung oder sogar im Penaltyschiessen entschieden wird.
Wie haben Sie den Schweizer Viertelfinal gegen Argentinien mitverfolgt, der um 03.00 Uhr in der Nacht angepfiffen wurde?
Zuhause mit meiner Tochter. Wir haben mitgefiebert und mitgelitten. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Trotz Enttäuschung waren wir gleichzeitig unglaublich stolz auf die Schweizer Mannschaft und ihre Leistung.
Was ging Ihnen bei der Schwalbe und der Gelb-Roten Karte gegen Breel Embolo durch den Kopf?
Schade, dass ausgerechnet dieser Moment die insgesamt so starke und historische WM-Kampagne der Schweizer Nati etwas überschattet. Im Zentrum sollte aus meiner Sicht stehen, was diese Mannschaft an diesem Turnier geleistet hat – darauf können wir in der Schweiz stolz sein.
Haben Sie das Spiel bei SRF geschaut?
Ja.
Die anderen Spiele auch?
Nein. Ich schaue aus professionellen Gründen auch bei der Konkurrenz. Einfach, um zu sehen, wie sie die WM umsetzen.
Welche TV-Station überzeugt Sie am meisten?
Magenta TV hat sehr gross aufgefahren. Sie verfolgen spannende Konstellationen in Kombination mit den öffentlich-rechtlichen. Magenta ist die Station, die von der «Bild» am häufigsten zitiert wird. Das liegt daran, dass sie Experten haben, die polarisieren und mit Fachkompetenz punkten. (u.a. Thomas Müller, Mats Hummels und Jürgen Klopp, Anm.d.Red.).
Wir haben geschrieben: SRF hat kein Herz für Fussball. Teilen Sie unsere Meinung?
Ich würde SRF mehr Mut wünschen und dass sie sich stärker am Markt orientieren. Ich würde es an ihrer Stelle mal von einer neuen Seite anschauen. Magenta setzt konsequent auf die Kombination aus Sport und Unterhaltung – das ist übrigens auch unser Ansatz. Fussball soll auch Entertainment sein.
Welche Note geben Sie SRF für die WM-Berichterstattung?
Ich verteile grundsätzlich keine Note (lacht).
Blue nennt sich Home of Football. Aber von der WM, dem wichtigsten Turnier, zeigt man keine Spiele. Wie sehr blutet Ihnen das Herz?
Gar nicht, denn wir sind komplett anders positioniert. Eine Fussball-WM gehört ins öffentlich-rechtliche Fernsehen. Wir wollen unsere Kunden mit Champions League, internationalen Ligen und Super League bestmöglich bedienen. Aber journalistisch verfolgen wir die WM selbstverständlich auf allen unseren Plattformen. Beispielsweise mit einem exklusiven Interview mit Nati-Trainer Murat Yakin. Weder wir noch unsere Kunden haben den Anspruch, dass wir die WM zeigen oder Ski alpin ins Pay-TV abwandert.
Für alles gibt es ein erstes Mal. Und Sie haben eben über Deutschland gesprochen, wo die WM auf ARD und ZDF, aber auch im Pay-TV-Kanal gezeigt wird. Ist Ihnen die WM zu teuer?
Nein, unsere Ausgangslage ist nicht mit jener in Deutschland vergleichbar. Wir haben eine viel stärkere Einstrahlung von ausländischen Sendern als in Deutschland. Bei uns kann man die WM auch im deutschen, österreichischen, französischen oder italienischen Fernsehen verfolgen. Deshalb macht die WM für einen Schweizer Pay-Anbieter wenig Sinn.
Eine EM oder WM wird man nie auf Blue sehen?
Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt. Aber aktuell ist es absolut nicht angedacht.
Ihnen gelang es, die Champions-League-Rechte bis 2031 zu verlängern. Wie existenziell ist das für Blue?
Die Super- und die Champions League sind unsere wichtigsten Assets. Dass wir von diesen beiden Wettbewerben alle Spiele zeigen können, ist einzigartig in Europa.
Hatten Sie schlaflose Nächte während den Verhandlungen?
Rechteausschreibungen sind immer sehr intensiv und aufregend. Da kann es schon mal vorkommen, dass man nicht zu genügend Schlaf kommt.
Die Champions League ist ein teurer Posten. Wird er auch immer teurer?
Der kommerzielle Wert der Übertragungsrechte an der Champions League hat sich weltweit von den frühen 2000er Jahren bis 2024 über 400 Prozent erhöht. Im aktuellen und auch im kommenden Rechtezyklus kommt nochmals ein Wachstum von jeweils rund 30 Prozent hinzu.
Also sind die Rechte auch für Blue um 400 Prozent teurer geworden?
Die Zahlen beziehen sich auf eine globale Entwicklung über sämtliche Märkte hinweg. Das lässt sich nicht eins zu eins auf die Schweiz herunterbrechen. Was man sagen kann: Die Rechte an der Champions League sind wohl die wertigsten im Fussball.
Wie lange kann sich Blue das noch leisten?
Das steht in den Sternen. Wir haben jetzt Planungssicherheit bis 2031. Das ist eine angenehme Situation.
Können Sie quantifizieren, wie viel die Champions League Blue kostet?
Über Zahlen reden wir nicht. Das war bisher unsere Haltung und daran halten wir auch künftig fest.
Die Super League ist Teil Ihres Kerngeschäfts, aber wenn die Schweizer Klubs international spielen, schaut man bei Blue ab 2027 in die Röhre.
Unser Fokus liegt auf Super- und Champions League. Ausserdem wird es für Schweizer Klubs auch immer schwieriger, sich für die Europa- und Conference League zu qualifizieren. Wir werden sehr wohl über die europäischen Auftritte der Schweizer Klubs berichten, auch wenn wir die Spiele nicht live zeigen können. Das Problem bei Europa und Conference League ist: Es gibt viele Sender, die in die Schweiz einstrahlen und diese Wettbewerbe frei zugänglich zeigen, wie RTL oder ORF.
Aber die zeigen nicht Basel oder YB.
Je nach Gegner eben schon.
Warum sind viele Ihrer Experten Deutsche? Können die uns den Fussball besser erklären?
Wir haben sehr viele Schweizer Experten. In der Super League setzen wir bewusst stark auf Schweizer Stimmen und Nähe zum hiesigen Fussball. In der Champions League suchen wir eher die Mischung aus internationaler Perspektive und Schweizer Expertise. Nehmen wir Marcel Reif: Er ist derart brillant, das sehen wir auch bei unseren Befragungen. Wir würden nie jemanden ins Studio stellen, der beim Publikum nicht gut ankommt.
Marcel Reif ist inzwischen Schweizer. Ihn meinten wir nicht. Befremdend fanden wir, wenn Didi Hamann im Studio zu Gast war, als YB in der Champions League spielte.
Didi oder auch Felix Magath haben wir etwa dreimal pro Saison im Studio. Die pointierte Art von Didi Hamann kommt bei unserem Publikum sehr gut an. Unterschiedliche Persönlichkeiten sorgen auch für unterschiedliche Dynamiken im Studio. Genau diesen Mix suchen wir bewusst.
Sind die Schweizer Experten zu langweilig?
Nein, überhaupt nicht. Mit Alex Frei, Marco Streller oder Mladen Petric haben wir starke Schweizer Stimmen im Studio. Gleichzeitig ergänzen internationale Gäste die Diskussion um andere Sichtweisen. Es soll mal etwas Unerwartetes passieren, auch im Dialog. Wir wollen nicht stromlinienförmig sein. Wir sind Pay-TV. Wir wollen, dass Diskussionen lebendig sind und auch mal überraschen. Fussball lebt schliesslich von Emotionen und unterschiedlichen Meinungen.
Aber die deutschen Experten sind sicher teurer.
Nein, das muss nicht so sein. Es gibt viele, die es einfach lässig finden, zu uns ins Studio zu kommen. Es sind alles Leute, die nicht mehr zwingend arbeiten müssten.
Weniger gut ist der Mix zwischen den Geschlechtern. Valentina Maceri und Katja Haas sind die einzigen Frauen, die wir auf Ihrem Sender sehen und hören.
Das stimmt nicht. In unserem Westschweizer Programm haben wir mit Elodie Crausaz eine Frau, die die grosse Kiste Champions League moderiert und auch Spiele kommentiert. Und das extrem gut.
Mit Verlaub.
Ich stehe für weibliche Power ein. Wir würden sehr gerne noch mehr Frauen einsetzen. Gleichzeitig merken wir, dass der Pool im Sportjournalismus – gerade im Bereich Kommentar oder Expertenrollen – noch relativ klein ist. Deshalb versuchen wir auch gezielt, Talente aufzubauen und auszubilden. Es darf sich jede Frau bei mir melden, die Interesse an einem Job als Kommentatorin hat.
Nach aussen wirkt es so: Home of Football – die Männerdomäne.
Valentina Maceri ist Moderatorin und Expertin in einem. In der Super League hatten wir lange Marisa Wunderlin als Expertin. Wir haben immer wieder Versuche gemacht.
Sie haben zuletzt viele Rechte verloren. Das Angebot bei Blue wird immer kleiner, aber der Abo-Preis steigt dennoch. Wie rechtfertigen Sie das?
Ich verstehe, dass Kunden sehr genau hinschauen, wenn Preise steigen oder sich Rechte verändern. Gleichzeitig sind Produktion- und Lizenzkosten in den letzten Jahren stark gestiegen. Wenn man vergleicht, was man in anderen Ländern für die gleiche Leistung bezahlt, sind wir sehr günstig unterwegs.
Nennen Sie bitte ein Beispiel.
Für die komplette Bundesliga-Abdeckung brauchen Sie in Deutschland zwei Abos: DAZN und Sky. Wenn man noch Champions League dazu nehmen will, braucht es künftig ein Abo bei Paramount und man muss bei Amazon einzelne Spiele beziehen. Wer in Deutschland Bundesliga und Champions League schauen will, braucht ab Sommer 2027 also vier Abos. Was man bei uns für 34 Franken monatlich erhält, kostet in Deutschland knapp 100 Euro. Und noch etwas ist bei uns einzigartig.
Was?
Mit nur einem einzigen Abo lassen sich die eigene, nationale Liga sowie die Champions League vollumfänglich verfolgen. Im Moment haben wir ein starkes Portfolio.
Einst konnte man Einzelspiele kaufen: Erst für 5 Franken, dann für 9.90 Franken. Jetzt muss man ein Angebot für 34.90 Franken kaufen. Wie lässt sich das rechtfertigen?
Wir leben in einer Welt, die teurer geworden ist. Heizkosten, Strom, Versicherung…
Das ist nicht das Thema…
Ich verstehe, dass viele Fans den Wegfall der Einzelspiele bedauern, gerade wenn man nur einzelne Matches schauen möchte. Die Lizenzkosten sind gestiegen, die Produktionskosten auch. Logischerweise können wir als wirtschaftlich denkendes Unternehmen nicht die Augen davor verschliessen. Wir reden hier von einer Erhöhung von fünf Franken in den letzten Jahren.
Aus Kundensicht waren die Einzelspiele enorm attraktiv.
Langfristig war das Modell wirtschaftlich schwierig. Gerade Fans, die regelmässig Einzelspiele gekauft haben, lagen preislich oft bereits in einem Bereich, in dem ein Monatsabo attraktiver wurde. Ein Abo-Modell erlaubt uns, Rechte und Produktionen langfristiger zu planen und gleichzeitig ein möglichst breites Angebot anzubieten.
Weshalb zeigen Sie nicht die Bundesliga?
Wir schauen uns jede Ausschreibung immer sehr genau an. Aber gerade bei der Bundesliga haben wir das Problem, dass die Rechte noch nie einzeln für die Schweiz ausgeschrieben worden sind. Diese werden immer nur für die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) vergeben. Solange die Rechte nur für den gesamten DACH-Raum vergeben werden, ist es für Schweizer Anbieter deutlich schwieriger, wirtschaftlich konkurrenzfähig zu sein.
Weshalb zeigen Sie Spiele aus Saudi-Arabien oder Japan? Das kostet doch Personal.
Das kostet uns keinen Personalaufwand, weil wir das über den Sender «Sportdigital» beziehen, der in unserem blue Sport Abo enthalten ist. In dessen Angebot sind kleinere Ligen, auf denen wir eine gute Nutzung haben. Es gibt auch Fans, die Produktionen aus der Challenge League mit nur einer Kamera schauen.
Ihre Mitbewerber setzen auf Kombimodelle. Sky kann gegen einen Aufpreis mit DAZN oder MySport kombiniert werden. Weshalb gibt es das bei Blue nicht?
Wir schauen sehr genau hin, was unsere Kundinnen und Kunden wünschen. Deshalb prüfen wir natürlich auch solche Modelle. Wir verstehen uns als Tor zur Welt des Entertainments – mit einem Erlebnis, das sich den Bedürfnissen der Nutzer anpasst.
Sie haben sich um die Eishockey-Rechte der National League beworben. Was waren die Überlegungen dahinter?
Wir schauen uns grundsätzlich alle Rechte an, die ausgeschrieben werden. Eishockey in der Schweiz ein Sport, der sich kommerzialisieren lässt. Deshalb haben wir mitgeboten.
Den Zuschlag bis 2035 erhalten hat die Sunrise mit ihrem Sender MySports. Dagegen haben Sie Beschwerde eingelegt bei der Wettbewerbskommission WEKO. Weshalb?
Wir waren und sind klar der Meinung, dass Sportrechte vier bis fünf Jahre vergeben werden, was uns die WEKO auch immer klar signalisiert hat. Entsprechend überrascht waren wir, dass die Rechte gleich für acht Jahre vergeben wurden. Wir wollen hier für uns alle Klarheit.
Skifahren ist enorm beliebt. Weshalb bewerben Sie sich nicht um diese Rechte?
Die Frage ist immer, wofür die Kundschaft bereit ist, zu bezahlen. Viele Events unterliegen einer Free-to-Air-Verpflichtung: Der Bund stuft sie als «Ereignisse von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung» ein und sie müssen im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt werden. Dazu gehören alle Weltcup-Rennen in der Schweiz. Hinzu kommen hohe Produktionskosten und der Umstand, dass Skirennen in Deutschland und Österreich ohnehin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Für uns als kommerziellen Pay-TV-Anbieter muss sich der Erwerb solcher Rechte wirtschaftlich lohnen.
Wie ist es beim Schwingen?
Schwingen ist ein tolles Produkt. Ich finde, das Schweizer Fernsehen bildet das grossartig ab. Aus unserer Sicht ist Schwingen aber kein Pay-Produkt. Aber auch hier gilt: Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest muss im Free-TV laufen. Dann stellt sich die Frage, wie man Abonnenten gewinnen will, wenn man die Filestücke nicht exklusiv zeigen kann.
Sie machen seit 26 Jahren Fernsehen …
… eine lange Zeit.
Worin liegt für Sie die Faszination des Fernsehmachens?
Mich motiviert bis heute die Idee, Menschen zuhause für ein paar Stunden in eine andere Welt mitzunehmen. Sport schafft Emotionen und gemeinsame Erlebnisse wie kaum etwas anderes. Die Welt da draussen ist nicht immer nur bunt und lässig. Einmal für drei, vier Stunden einzutauchen in diese Welt und alles drumherum zu vergessen, das kann nur der Sport.
Sie waren einst Miss Ostschweiz, Vierte bei der Miss-Schweiz-Wahl und haben gemodelt. Wie oft werden Sie heute noch darauf angesprochen?
Ich bin ehrlich gesagt froh, dass dieses Kapitel langsam etwas in den Hintergrund rückt und ich immer seltener darauf angesprochen werde. Gleichzeitig gehört es zu meinem Werdegang. Denn ohne die Wahl zur Miss Schweiz wäre ich wohl nie beim Fernsehen gelandet. Die Zeit im Modelbusiness war eine spannende und prägende Erfahrung, aber ich habe schnell gemerkt, dass meine eigentliche Leidenschaft woanders liegt. Mich hat nicht das Rampenlicht fasziniert, sondern die Möglichkeit, Inhalte zu gestalten, Weil ich etwas bewegen wollte, bin ich schnell ins Management gewechselt.
Sie haben einmal gesagt: «Ich wäre ja blöd, wenn ich mein Aussehen nicht als Kapital einsetzen würde.»
Ich würde das heute etwas anders formulieren. Aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass Wirkung wichtig ist. Dabei geht es nicht nur um das Aussehen, sondern um die gesamte Ausstrahlung, wie man auftritt, kommuniziert und Menschen erreicht. Das gilt für jede Berufstätige und jeden Berufstätigen: für eine Lehrperson, für jemanden im Verkauf oder für eine Führungskraft. Wir alle wirken auf unser Gegenüber. In der Medien- und Unterhaltungsbranche spielt Wirkung naturgemäss eine besonders grosse Rolle.
Was früher Models waren, sind heute die sozialen Medien und Influencer. Sie haben eine 12-jährige Tochter. Wie würden Sie reagieren, wenn sie sagt, sie wolle Influencerin werden?
Momentan sieht es nicht danach aus. Sie möchte wie ich Lehrerin werden (lacht). Ich würde ihr aber nie im Weg stehen. Mir ist wichtig, dass Kinder ihren eigenen Weg gehen und wir sie dabei als Sparringpartner begleiten. Wir sprechen über Vor- und Nachteile verschiedener Optionen – so, wie es meine Eltern mit mir gemacht haben. Ich habe mir mein Studium mit Modeln finanziert. Danach wollte ich aber nicht mehr mit meinem Aussehen Geld verdienen. (schweizheute.ch)

