Samuel Giger über den fehlenden Königstitel: «Das beschäftigt mich nicht»
Herr Giger, nach Ihrem Sieg am Kilchberger haben Sie gesagt, Sie müssten das alles erst ein paar Tage sacken lassen. Die paar Tage sind vorbei: Haben Sie inzwischen begriffen, was Sie da eigentlich gemacht haben?
Samuel Giger: Langsam kann ich es schon ein bisschen einordnen, wo dieser Erfolg hingehört. Es ist natürlich ein grosser Sieg, gerade nach den vergangenen Monaten (Anm. d. Red.: Giger fiel Anfang Juni verletzungsbedingt aus und verpasste fast die ganze Schwingsaison). Aber wirklich in Worte fassen kann ich das Ganze noch immer nicht so leicht.
Der Sieg war also vor dem Fest noch kein ernsthaftes Szenario in Ihrem Kopf?
Ich habe mir eigentlich gar nicht gross ausgemalt, was im besten Fall passieren könnte. Ich habe versucht, mich auf jeden Gang einzeln zu konzentrieren. Alles andere hätte mir in diesem Moment auch nicht viel gebracht.
Sie wussten aus den Trainings, dass die Schulter hält. Aber wussten Sie auch, dass Sie sportlich bereits wieder gut genug sind für ein Gipfeltreffen?
Eine Wettkampfbelastung ist natürlich nicht dasselbe wie eine Trainingsbelastung. Aber ich habe das grosse Glück, mit Leuten trainieren zu können, die selbst zur nationalen Spitze gehören. Das hat mir enorm geholfen. Man braucht dieses gegenseitige Fordern und Fördern im Training. Ohne starke Trainingspartner wird es ganz schwierig, dieses Niveau zu erreichen.
Was hat Ihnen Kilchberg über Samuel Giger gezeigt, das Sie vorher vielleicht noch nicht wussten?
Mir ist noch einmal bewusst geworden, wie viel mir mittlerweile meine Erfahrung bringt. Ich habe über die Jahre vieles erlebt, gute und schwierige Situationen. Daraus entsteht eine Sicherheit, die mir heute enorm hilft. Gerade in einer Situation wie vor Kilchberg.
Unmittelbar danach haben Sie den Sieg emotional mit Unspunnen 2023 verglichen. Gilt das mit etwas Abstand noch?
Mittlerweile würde ich sagen: mindestens. Für mich ist der Kilchberger mindestens gleichwertig. Wenn man einen Anlass mit eidgenössischem Charakter gewinnen kann, ist das immer etwas ganz Besonderes.
Was bleibt Ihnen von diesem Schwingersommer?
Die Gefühle sind durchwegs positiv. Während meiner Verletzung habe ich mir immer wieder gesagt: Es gibt in dieser Saison nur ein Schwingfest, das wirklich wichtig ist. Ich habe mich ganz darauf konzentriert. Das wollte ich einfach nicht verpassen. Die Situation konnte ich sowieso nicht ändern. Also musste ich nach vorne schauen und versuchen, das Bestmögliche daraus zu machen.
Gar nichts, was Sie wurmt?
Doch, das Berner Kantonale im Wankdorf hätte ich sehr gerne mitgemacht. Diese Kulisse war einmalig. Ich war als Zuschauer dort. Da hat es mich schon ein bisschen gezwickt, nicht selber im Sägemehl stehen zu können. Und natürlich auch das Schwägalp-Schwinget, das ist immer etwas Spezielles.
Plötzlich wurde über Staudenmann, Schlegel und König Orlik gesprochen. Hat das am Ego gekratzt?
Nein, null. Diejenigen, die gesund sind und schwingen, sollen im Fokus stehen. Ich weiss, wozu ich imstande bin. Und schlussendlich bringt es mich auch weiter, wenn es andere gibt, die drücken und auf einem ähnlichen Niveau unterwegs sind.
Das klingt fast ein bisschen zu gelassen. Vermisst man diese Aufmerksamkeit nicht?
Nein. Ich habe es mittlerweile geschafft, sehr gut bei mir zu bleiben. Und ich glaube, ich konnte die Situation in diesem Sommer wirklich so annehmen, wie sie war. Ich habe auch versucht, die zusätzliche Freizeit zu nutzen. Im Nachhinein war es eine spezielle Erfahrung. Vielleicht hat mein Körper diese Pause irgendwo auch gebraucht.
Sehen Sie sich wieder als Nummer eins der Schweiz?
Ich glaube, ich habe in Kilchberg gezeigt, wo ich stehe. Vor dem Fest wurde ich vielleicht nur noch zum erweiterten Favoritenkreis gezählt. Aber ich denke schon, dass ich, solange ich schwinge, immer zu den Favoriten gehören werde.
Wer ist denn momentan der beste Schwinger?
Es gibt eine Handvoll Leute, die jedes Fest gewinnen können. Wenn wir über die Konstanz der vergangenen Jahre sprechen, gehört Fabian Staudenmann sicher dazu. Er hat fast nie einen Hänger. Und wenn wir bei ihm von einem Hänger sprechen, bedeutet das vielleicht einmal zwei verlorene Gänge. Das ist Kritik auf einem sehr hohen Niveau.
Was kann Staudenmann besser als Sie?
Jeder hat seine Stärken und Schwächen. In der Summe würde ich sagen, dass wir ähnlich bis gleich unterwegs sind.
Das ist diplomatisch.
Natürlich unterscheiden wir uns als Schwinger. Aber ich finde es schwierig, einzelne Dinge gegeneinander aufzurechnen. Am Ende zählt das Gesamtpaket. Und dort sehe ich uns auf einem ähnlichen Niveau.
Auch Werner Schlegel ist während Ihrer Abwesenheit zeitweise zur grossen Figur der Nordostschweizer geworden. Gab es nie den Gedanken: Schön für Werner – aber der Beste hier möchte eigentlich schon noch ich sein?
Nein, dieser Gedanke ist mir tatsächlich nie gekommen (lacht). Ich habe mich sehr für Werner gefreut, gerade am Berner Kantonalen, als er für uns so vorgeprescht ist. Das war grossartig. Es wäre natürlich eine coole Atmosphäre gewesen, wenn wir beide dort hätten schwingen können. Wer weiss, was dann möglich gewesen wäre.
Ein bisschen Ego müssen Sie aber haben.
Natürlich, am Schluss schwingt man alleine. Aber man lernt über die Jahre, was es alles braucht, um im entscheidenden Moment abliefern zu können, und dazu gehört viel. Der Gedanke, besser als ein bestimmter anderer Schwinger zu sein, gehört für mich nicht dazu.
Sie sprechen auffällig häufig davon, bei sich zu bleiben. War das früher anders?
Es gibt definitiv Dinge, die ich heute besser ausblenden kann. Zum Beispiel Meinungen von aussen. Ich kann heute viel besser entscheiden, welchen Meinungen ich überhaupt Gewicht geben möchte. Es gibt Dinge, die dürfen mir schlicht unwichtig sein.
2019 und 2022 konnte man Ihnen an den Eidgenössischen teilweise ansehen, wie sehr Sie die Erwartungen beschäftigten. Heute sagen Sie: Was die anderen denken, interessiert mich nicht. Kann man das wirklich lernen?
Eine gewisse Lockerheit konnte ich sicher entwickeln. Eine Sportkarriere ist für mich ohnehin eine riesige Lebensschule, einfach auf eine relativ kurze Zeit komprimiert. Man erlebt unglaublich viel und entwickelt sich dadurch vielleicht in gewissen Bereichen schneller.
Sie waren 18, als Sie in Estavayer Zweiter am Eidgenössischen wurden. Wie hat Sie der frühe Erfolg geprägt?
Ich war schon immer ehrgeizig, besonders im Schwingen. Als junger Schwinger weiss man aber noch gar nicht richtig, was es alles braucht, um ganz vorne dabei zu sein: welchen Aufwand, welche Opfer. Und an wie vielen Details man arbeiten kann. Das lernt man erst mit der Zeit.
Nun haben Sie Unspunnen gewonnen, zweimal den Kilchberger, dazu zahlreiche Kranzfeste. Wie oft denken Sie an den Königstitel?
Das beschäftigt mich nicht. Ich stand schon im Schlussgang und habe die Feste für mich analysiert. Dabei bin ich zum Schluss gekommen: Ich habe wirklich mein Bestes gegeben. Ich war zu jenen Zeitpunkten die beste Version von mir selber. Das hilft enorm dabei, einen sportlichen Ausgang zu akzeptieren, der einem im ersten Moment vielleicht nicht leichtfällt.
Wie bringt man diese Gelassenheit mit dem unbedingten Willen zusammen, den es als Spitzensportler braucht?
Während einer Karriere macht man viele Learnings. Wenn man nur noch an Resultate denkt, setzt man sich extrem unter Druck. Und das ist am Ende nicht förderlich. Natürlich habe ich Ziele. Das Ziel ist auch, am Eidgenössischen 2028 in Thun wieder in einer Topverfassung anzutreten und dort mein Möglichstes zu tun.
Wann schwingt Sämi Giger eigentlich am besten?
Die Frage gefällt mir. Aber ich kann sie Ihnen nicht beantworten. Ich bin weiterhin auf der Suche nach dem absolut perfekten Zustand. Und das ist ja auch abhängig von ganz vielen Faktoren, und wahrscheinlich jeden Tag anders. Aber fragen Sie mich gerne nach der Karriere noch einmal, vielleicht habe ich bis dann die Antwort gefunden.
Vielleicht dann, wenn nicht alle auf ihn schauen?
Vielleicht. Dieses Jahr hat es so ganz gut gepasst, wenn andere ebenfalls im Fokus stehen und nicht der ganze Druck auf mir lastet. Das heisst aber nicht, dass ich unter Druck schlechter schwinge. Ich denke, auch das konnte ich mittlerweile zeigen.
In Kilchberg konnte man noch etwas anderes sehen: Ihr Offensivdrang kostet Sie gegen Michael Ledermann den Gang. Könnten Sie erfolgreicher sein, wenn Sie taktischer schwingen würden?
Michi hat diese Situation sicher sehr gut gelöst. Mein Fehler war wohl, dass ich zu wenig konsequent dagegengehalten habe. Vielleicht habe ich die Situation auch etwas unterschätzt.
Die eigentliche Frage war, warum Sie nicht taktischer schwingen.
Ich bin der Typ, der seine Gänge am liebsten selber entscheidet. Auch gegen Michi wollte ich den Gang für mich entscheiden. Im Schlussgang gegen Marcel Bieri war ich dann vielleicht auch ein bisschen in einem Flow. Man merkt schon, wenn man besonders gut drauf ist. Und dann will ich angreifen.
Obwohl Ihnen ein Gestellter zum Kilchberger-Sieg gereicht hätte.
Ja. Wenn man anfängt zu taktieren, hat das für mich auch nicht denselben Reiz. Ich will meine Gänge grundsätzlich gewinnen. Ausserdem kann man gerade an einem Fest wie dem Kilchberger rechnerisch schnell in eine Situation kommen, in der es mehrere Festsieger gibt.
Eine andere grosse Veränderung in diesem Jahr: Schwingen ist inzwischen Ihr Beruf. Ihr Bekenntnis zum Profitum hat für einigen Wirbel gesorgt. Wie haben Sie das erlebt?
Den Rummel um meine Person habe ich ehrlich gesagt gar nicht so intensiv verfolgt. Die Reaktionen, die mich direkt erreicht haben, waren durchwegs positiv. Ich liebe diesen Sport, und die Emotionen sind unvergleichlich. Deshalb war für mich klar, dass ich mir nach der Sportkarriere nicht vorwerfen möchte, nicht alles für meine Ziele getan zu haben. Für mich stimmt es so, wie es momentan ist. Und sollte ich irgendwann merken, dass es doch der falsche Weg für mich ist, kann ich mich immer noch umorientieren.
Fehlt Ihnen das Lastwagenfahren?
Ich fahre nach wie vor sehr gerne, von dem her ja.
Wie viel von Samuel Giger möchten Sie der Öffentlichkeit überhaupt zeigen?
Es ist enorm, welches Interesse mittlerweile am Schwingen besteht. Und das ist auch etwas sehr Schönes, ich erlebe im Alltag immer wieder tolle Momente. Trotzdem gibt es Dinge, die ich Privat halten möchte. Im Vergleich zu früher weiss ich heute vielleicht besser, wie ich damit umgehen möchte.
Im Sägemehl wirken Sie kompromisslos, daneben ausgesprochen ruhig. Welcher Giger ist näher an Ihnen?
Beides gehört zu mir. Im Ernstkampf muss man ein bisschen rau sein. Wenn ich nicht im Sägemehl stehe, bin ich ein ruhiger, ausgeglichener Typ.
Was würden Sie heute dem 18-jährigen Sämi sagen?
Jeden Moment so zu geniessen und anzunehmen, wie er ist. Die Zeit geht schnell vorbei.
Und wenn diese Zeit irgendwann vorbei ist: Was soll über Samuel Giger, den Schwinger, gesagt werden?
Das weiss ich noch gar nicht genau. Ich lege viel Wert auf meine eigene Meinung über mich und auf jene der Menschen, die mir nahestehen. Aber natürlich wäre es schön, wenn auch die anderen irgendwann sagen würden: «Sämi hat wirklich alles gegeben.» (schweizheute.ch)
