Die Lehre aus Kilchberg – der «Giger- und Hockey-Effekt»
Die ganz «Bösen», die inzwischen mehr oder weniger wie Profis trainieren, stossen nach und nach an ihre Grenzen. Die Belastungen durch Training und Wettkämpfe, denen sie heute ausgesetzt sind, gibt es erst seit gut 15 Jahren. Kommt dazu, dass es noch nie in der Geschichte (seit 1895) so viele «Böse» (im Schwingen sind die «Bösen» die «Guten») gegeben hat wie heute. Ein Spitzenschwinger wird im Training und im Wettkampf so stark gefordert wie noch nie.
Kränze sind die Währung im Schwingen. Je mehr Kränze, desto «böser» und wer 100 holt, dem sind Ansehen und Legendenstatus so sicher wie einem NHL-Profi, der mehr als 1000 Spiele bestritten hat. Zurzeit gibt es 21 im «Hunderter-Klub» und Rekordhalter ist Arnold Forrer mit 151 Eichenlaub-Auszeichnungen.
Also steigen die «Bösen», wann immer es der gedrängte Terminkalender erlaubt, bei Kranzfesten in die Hosen. Bei den Hosenlupfs in ihrem Teilverband, als Gäste bei Festen der anderen Teilverbände und bei den Bergkranzfesten. Bis heute hat noch keiner bewusst die Anzahl der Kranz-Einsätze zurückgefahren und sich nur auf ganz wenige, prestigeträchtige Einsätze konzentriert. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Dank dem «Giger-Effekt».
Warum war Samuel Giger so gut wie nie? Mit einer zwingenden Körpersprache. Voller Energie. Warum war dem zwei Jahre jüngeren Fabian Staudenmann, dem Dominator der letzten drei Jahre, schon beim Gang in den Sägemehlring anzusehen, dass er nicht mehr der wahre Fabian Staudenmann war? Ohne zwingende Körpersprache und mit halbleeren Energietanks. Die Antwort ist ganz einfach.
Samuel Giger hat unfreiwillig seit dem 3. Mai oder in 125 Tagen vor dem Kilchberger nur drei Kranzfeste bestritten. Vor dem Saisonhöhepunkt in Kilchberg musste er verletzungsbedingt (Schulterblessur im Training Anfang Juni) eine rund dreimonatige Pause einlegen.
Fabian Staudenmann hat vor dem Kilchberger seit dem 16. Mai in 112 Tagen 9 Kranzfeste bestritten (und fünf davon gewonnen). Rein rechnerisch war seine Wettkampfbelastung diese Saison also dreimal höher.
Die psychische und physische Belastung eines Spitzenschwingers wird nach wie vor unterschätzt. Sie ist enorm und so hoch wie bei einem internationalen Sportstar. Wer von den Hinterbänklern gegen einen «Bösen» ein Unentschieden (Gestellten) erreicht, erntet bereits Ruhm und Anerkennung. Jeder einzelne Gang (Kampf) wird für die Titanen eine ganz besondere psychische und physische Belastung: Sie sind Favoriten, ein Sieg wird erwartet und schmalbrüstige leichte «Zehnerbuben» (Lotterschwinger, gegen die mit halber Kraft eine Maximalnote möglich ist) bekommen sie nicht mehr zugeteilt. Also erfordert jeder Gang volle Konzentration und jeder Zug maximale Kraftentfaltung. Eine nicht zu unterschätzende Verletzungsanfälligkeit ist die Folge.
Gemäss einer Recherche der «Berner Zeitung» beschäftigt sich die SUVA (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt) inzwischen Saison für Saison mit rund 600 blessierten Schwingern. Besonders gefährdet sind Schultern und Knie. Ausgekugelte Gelenke, verletzte Sehnen, Innenband- und Kreuzbandrisse sowie Sprunggelenksverletzungen sind häufig. Auch Finger und Handgelenke sind wegen des ständigen Greifens betroffen und durch die Stürze kommen Kopf- und Nackenverletzungen vor.
Diese Schlussfolgerung ist auch ohne sportmedizinisches Studium möglich: Eine Dosierung der Wettkampfeinsätze bringt mehr Zeit für die Regeneration und reduziert die Verletzungsgefahr.
Dazu kommt eine weitere nicht zu unterschätzende psychische Belastung. Die Verwandlung des nationalen Brauchtums in einen hochklassigen TV-Sport und der damit verbundene Boom haben aus den «Bösen» Stars gemacht, die im Land zu den bekanntesten Personen der Zeitgeschichte gehören und die sich auf einmal mit Herausforderungen und Belastungen konfrontiert sehen, die ihre Väter noch nicht kannten: Werbeverträge und eine Medienpräsenz, die geschickt zu nutzen ist: Je mehr Medienpräsenz, desto bessere Werbeverträge. Auch das braucht Energie.
Samuel Giger hat diese Saison seine Wettkampfeinsätze nicht freiwillig dosiert. Aber sein grandioser Kilchberg-Triumph zeigt: Es ist wohl nicht die Frage ob, sondern nur wann die ganz «Bösen» ihre Wettkampfeinsätze freiwillig dosieren werden. Etwa auf höchstens ein oder zwei Unterverbandsfeste, das Teilverbandsfest, ein oder höchstens zwei Bergkranzfeste und auf einen eidgenössischen Anlass. Nach dem Grundsatz «Willst du gelten, mach dich selten» leidet der Werbewert durch eine kleinere Anzahl Sägemehlauftritte nicht.
Es gibt noch eine Lehre aus dem Kilchberger Schwinget 2026. Der «Hockey-Effekt». Jahrelang galt im Hockey: Je grösser, kräftiger und schwerer, desto besser. Die Postur und die Kraft sind nach wie vor von zentraler Bedeutung. Aber im modernen Hockey zählen Schlauheit, Beweglichkeit und Schnelligkeit immer mehr. Nach dem Grundsatz: «Speed kills».
Die Art und Weise, wie Marcel Bieri beim entscheidenden Kampf um den Einzug in den Schlussgang den hüftsteifen König Armon Orlik nicht durch Kraft und Wucht, wohl aber durch Wagemut zum risikoreichen Wurf (Schlungg) wie einen Jungschwinger überrascht und gebodigt hat, zeigt: In Zeiten des Krafttrainings macht – wie im Hockey – die Kunst (Technik) wieder vermehrt die Differenz. Muskelkraft kann jeder aufbauen. Aber einen Schlungg einüben ist den von den Sägemehlgöttern Auserwählten vorbehalten.
