Samuel Giger ist erster Schwingprofi – das längst fällige Ende einer Heuchelei
Samuel Giger ist nun also der erste offizielle Sägemehlprofi. In 15 Jahren wird die ganze Aufregung um sein Bekenntnis im Rückblick als Kuriosum aus einer fernen Zeit belächelt werden. Weil es dann mehr als 20 gutverdienende Sägemehlprofis geben wird.
Die Aufregung ist trotzdem verständlich. Was im Fussball, Eishockey oder im Skirennsport längst zur Normalität gehört, sorgt im eidgenössischen Ringkampf noch immer für aufgeregtes Geschnatter. Schwingen ist eben nicht bloss Sport. Es ist auch Brauchtum, Identität, Mythos und deshalb bei der Entwicklung hin zum modernen Spitzensport und zu einem Teil der nationalen Unterhaltungsindustrie halt noch ein wenig im Rückstand.
Anfang der Achtzigerjahre sorgt Doppelkönig Ernst Schläpfer (1980 und 1983) und späterer Obmann des Verbandes für einen Staubsturm im Sägemehl. Er bekennt öffentlich, dass er trainiere wie ein Spitzensportler. Kraftraum statt Schwingkeller! Geht gar nicht! Heute klingt das ungefähr so revolutionär wie das Geständnis eines Skirennfahrers, er wachse seine Latten. Damals aber fehlte es nicht an Warnern, die mit ernster Miene den Verlust der Seele des Schwingens prophezeiten.
Heute trainieren weit über hundert Böse wie Spitzensportler. Rund zwanzig absolvieren ihren Militärdienst als Spitzensportler in Magglingen. Niemand regt sich mehr darüber auf. Die Revolution von gestern ist die Selbstverständlichkeit von heute und das Schwingen hat seine Seele nicht verloren.
Nun also die Aufregung um den ersten offiziellen Profi. Ein halbes Jahrhundert nach Fussball und Hockey verabschiedet sich das Schwingen offiziell von der Romantik des Amateursports. Wobei Samuel Giger eigentlich nur ausspricht, was bei mindestens einer Handvoll seiner stärksten Rivalen längst Realität ist. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass er den Mut hat, den Vorhang beiseitezuziehen und die Heuchelei um Geld und Geist offiziell zu beenden. Was umso stärker wirkt, weil er aus einer bäuerlichen Dynastie stammt. Also ein Traditionalist, geerdet auf vaterländischem Boden.
Die Entwicklung hin zum «Profisport» hat nicht mit Samuel Gigers Geständnis begonnen. Sondern bereits 2010 mit der Einführung der «Neid- oder Reichtumssteuer» unter Obmann Ernst Schläpfer. Die Schwinger dürfen seither persönliche Werbeverträge abschliessen, müssen diese jedoch dem Verband einreichen, der zehn Prozent der Werbeeinnahmen kassiert. Das erlaubt eine seltene Transparenz und die Zahlen sind wahrlich eindrücklich: Die Werbeinvestitionen in Zwilchhosen und «böse» Männer haben sich seither versiebenfacht. Von etwas über 500'000 im Jahre 2011 auf 3,66 Millionen Franken im letzten Jahr.
Diese 3,66 Millionen verteilen sich auf rund 100 Schwinger. Wobei es im Sägemehl keinen Sozialismus gibt: Rund 15 «Böse» kommen auf sechsstellige Summen zwischen 100'000 und 300'000 Franken (Samuel Giger kassiert gegen 300'000 Franken). Den Rest teilen sich ambitionierte Hinterbänkler, die dank eines Werbebatzens von 20'000 bis 30'000 Franken ihr Arbeitspensum reduzieren können, mehr Zeit ins Schwingen investieren und dann später entscheiden, ob sie ganz auf die Rauferei im Sägemehl setzen wollen. Zu diesen offiziell registrierten Werbeeinnahmen kommen weitere Einkünfte (z. B. Vorträge, Autogrammstunden), die bei geschicktem Management für die ganz Bösen noch einmal 100'000 Franken einbringen können. Plus eine fünfstellige Summe, wenn die «Bösesten der Bösen» als Sieger oder mit Spitzenklassierungen Natural- oder gar Lebendpreise (z. B. einen Muni) abräumen.
Der Werbemarkt ist zwar weitgehend auf die Deutschschweiz begrenzt. Aber dafür ist die Exklusivität unbezahlbar: Kein ausländischer Star (wie in eigentlich allen anderen Sportarten) konkurrenziert mit Medienpräsenz, Popularität und Charisma einen Schwinger. Der König der Schwinger ist der König der Welt.
Diese Entwicklung steht erst am Anfang. Die Spitze wird breiter, die Zahl populärer Werbeträger wächst kontinuierlich. In den nächsten fünfzehn Jahren dürften sich die Werbeinvestitionen mindestens verdreifachen. Die 10-Millionen-Grenze ist keine kühne Prognose, sondern eine logische Folge der Entwicklung. Mehr als 20 Schwinger werden dann offiziell vom Sport leben können. Mit etwas Glück sind 15 Jahre lang Spitzenresultate möglich. Wer seine Einnahmen gut investiert, kann Geld für die Zeit nach dem letzten Gang beiseitelegen.
Der Boom hat eine solide Grundlage. Schwingen war schon immer populär, und die ganz besondere Formel – über 200 treten am Morgen zum Wettkampf an, und am späteren Nachmittag wird im Final (Schlussgang) bereits der Sieger ermittelt – macht dieses Spektakel von Mai bis Ende August zum perfekten TV-Sport und eignet sich bestens für die nationale Unterhaltungsindustrie.
Seit das öffentlich-rechtliche Fernsehen Schwingen entdeckt hat und vor allem seit 2010 in perfekten Bildern in jede Stube übermittelt, ist aus dem nationalen Brauchtum ein packender Sport geworden, der auch die Hipster in den urbanen Zentren zu begeistern vermag. Und ein Sport, der so eng mit Heimat, Tradition und nationaler Identität verbunden ist, trifft in einer Zeit allgemeiner Verunsicherung den Nerv der Gesellschaft und liegt im Trend.
In 15 Jahren kann ein ganz «Böser» Schlagzeilen machen und für nationalen Gesprächsstoff sorgen, wenn er sich mit dem Bekenntnis outet, er sei Amateur, gehe zu hundert Prozent einer geregelten Arbeit nach und schwinge nur aus Liebe zum vaterländischen Sport.
PS: Verkauft das Schwingen mit dem Profitum seine Seele? Nein. Wenn es dem Fussball gelingt, den Kern seines Spiels zu bewahren, dann sind auch die Gralshüter des Sägemehls dazu in der Lage, die Reglemente und Gesetze und damit den Charakter und die Faszination des nationalen Hosenlupfes zu erhalten. Eingriffe in die Seele des Schwingens sind schon aus politischen Gründen praktisch unmöglich: Alle wichtigen Änderungen bedürfen der Zustimmung der eidgenössischen Abgeordnetenversammlung. Die Ehrenmitglieder als Erztraditionalisten haben dort lebenslängliches Stimmrecht und halten rund die Hälfte der Stimmen.
- Die Gletscherschmelze in Zermatt bremst auch die Skiprofis aus
- Marlen Reusser gewinnt Zeitfahren an Tour de France – und übernimmt erstmals Maillot Jaune
- Jetzt fällt Infantino auch noch der zweitmächtigste FIFA-Mann in den Rücken
- Auf Magaths Spuren: Urs Fischer wird wegen seiner Trainingsmethoden nun «Quälix» genannt
