Sport
Interview

FCSG-Präsident Hüppi spricht über den turbulenten Frühling

St. Gallen's president Matthias Hueppi speaks with journalists during a media meet prior the UEFA Europa League Qualification game against SL Benfica on Wednesday, 22. July 2026 in the Berit Sitt ...
Matthias Hüppi blickt bisher auf ein ereignisreiches Jahr zurück.Bild: keystone
Interview

FCSG-Präsident Matthias Hüppi: «Es gibt gewisse Grundwerte, die nicht verhandelbar sind»

Der FC St. Gallen hat die beste Saison der jüngeren Vereinsgeschichte und gleichzeitig einen Sturm auf Führungsebene hinter sich. Präsident Matthias Hüppi will das Schiff wieder in ruhigere Gewässer führen.
09.08.2026, 08:0309.08.2026, 08:03

Matthias Hüppi, mit Verlaub: Sind Sie mit 68 Jahren nicht zu alt für Tattoos?
Matthias Hüppi: (lacht) Selbstverständlich nicht. Es geht darum, Sachen, die man in Aussicht stellt und ankündigt, auch durchzuziehen.

Sie haben sich nach dem Cupsieg die Sandoz-Trophäe unter die rechte Wade stechen lassen. Was ist der Hintergrund?
Als ich vor neun Jahren hier angefangen habe, habe ich im Kreis der Verwaltungsratskollegen in einer lustigen Runde versprochen, einen allfälligen Titelgewinn auf mir zu verewigen. Es ist mein erstes Tattoo – mal schauen, ob noch eines dazu kommt.

Nicht nur auf Ihrem Körper hat der Cupsieg Spuren hinterlassen. Direkt nach dem Schlusspfiff haben die Fans mit Transparenten einen Zug ins Rollen gebracht, auf den Sie im Anschluss im SRF-Interview aufgesprungen sind. Sie sagten: «Es waren extrem harte Wochen und Monate für mich. Der FC St. Gallen ist nicht immer der Planet der Seligen, es wirken verschiedene Kräfte. Eine meiner Aufgaben als Präsident ist es, Schaden vom Klub fernzuhalten. Es gibt momentan Tendenzen, die wir in dieser Form nicht akzeptieren werden.» Würden Sie im Nachhinein noch einmal die gleichen Worte wählen?
Für mich ist die Geschichte erledigt und weit weg. Was es zu sagen gab, ist gesagt. Aber selbstverständlich stehe ich immer zu meinem Wort.

Es war ein gut gewählter Zeitpunkt, die ganze Fussballschweiz hat Ihnen zugehört.
Das ging mir in keiner Sekunde durch den Kopf. Ich bin kein Mensch, der so etwas von langer Hand plant. Dass es irgendwann Mal zum Thema werden musste, war klar. Den Moment in dieser Form habe ich nicht ausgesucht. Es hat sich einfach so ergeben.

«Was mir rausgerutscht ist, war nicht geplant, so clever bin ich nicht», sagten sie im Nachhinein. Als Kommunikationsfachmann muss Ihnen die Wirkung der gewählten Worte doch bewusst gewesen sein.
Natürlich ist die Kommunikation eines meiner Hauptgebiete, um Klarheit zu schaffen und Ideen zu verbreiten. Auf der anderen Seite bin ich kein Mensch, der kühl kalkuliert. Es ist auch in keiner Phase um mich persönlich gegangen, sondern nur um das Wohl des Klubs. Ich bin ein toleranter Mensch. Aber es gibt gewisse Grundwerte und Haltungen, die nicht verhandelbar sind.

In den Tagen nach dem Cupsieg entbrannte ein Machtkampf innerhalb der Vereinsführung. Nachdem Sie klargemacht hatten, die vom Aktionariat angestrebten Veränderungen im Verwaltungsrat nicht mitzutragen, sollten Sie als Präsident abgelöst werden. Am Ende war der Druck der Öffentlichkeit, der Politik und vor allem der Fanszene jedoch zu gross. Sie blieben im Amt, stattdessen gaben vier Aktionäre ihre Anteile am Klub ab – unter ihnen Patrick Thoma, der auch aus dem Verwaltungsrat ausschied. Zu lesen war von einem Ultimatum, das Sie den Grossaktionären Thoma und Roland Gutjahr gestellt hätten.
Für mich ist die Geschichte beendet. Streitereien in der Öffentlichkeit – davon bin ich überzeugt – hinterlassen nur Verlierer, auch wenn man zu den vermeintlichen Gewinnern zählt. Es bleibt immer etwas haften.

Der zweite Cupsieg der Klubgeschichte, der grösste Erfolg nach 26 titellosen Jahren, wird für immer mit dem Zwist zwischen dem Verwaltungsrat und dem Aktionariat verbunden sein. Sehen Sie das als Tolggen im Reinheft oder als notwendiges Übel?
Als Letzteres. Ich hätte liebend gerne auf diesen Kraftakt verzichtet. Aber es war dann relativ schnell klar, wie es weitergeht und jetzt bin ich sehr zuversichtlich. In Zukunft wird der Glanz des Festes, des Sieges, des Publikums im Wankdorf und der Cupfeier mit 60'000 Menschen in der Stadt in Erinnerung bleiben.

Der Zwist auf Führungsebene hatte keine Auswirkungen auf den sportlichen Höhenflug der Mannschaft, die mit zwei Siegen in die neue Super-League-Saison gestartet ist und nach wie vor die Chance auf eine europäische Ligaphase hat. Wie wichtig wäre eine solche für den FC St. Gallen?
Ein Platz auf der europäischen Karte ist in jeder Beziehung von Vorteil. Für die Spieler ist es attraktiv, um sich weiterzuentwickeln. Hinzu kommt der wirtschaftliche Aspekt – wobei es trügerisch ist: In der Conference League wirst du nicht mit Gold überschüttet.

Chima Okoroji (SG), links, und Enoch Owusu (SG) nach dem Fussball Super League Spiel zwischen dem FC Vaduz (FCV) und dem FC St. Gallen (SG), am Sonntag, 2. August 2026, im Rheinpark Stadion in Vaduz.  ...
St.Gallen ist mit zwei Siegen in die Saison gestartet.Bild: keystone

Ist das Kader gemacht für die Doppelbelastung?
Im Endeffekt weiss man das erst im Nachhinein. Vor zwei Jahren, als wir die Ligaphase der Conference League erreicht haben, haben wir wichtige Erfahrungen gesammelt, es war ein Lehrblätz (in der Super League resultierte nur Platz 8; Anm. d. Red.). Aber ich bin guten Mutes. Wir haben aber ein ausbalanciertes Kader, eine Mannschaft, die gut zusammengestellt ist und die im Vergleich zur Vorsaison grossmehrheitlich unverändert blieb.

In dieser Woche hat der Klub den Abgang von Assistenztrainer Marvin Compper zu Royal Antwerpen bekannt gegeben. Wie lange können Sie Ihren Erfolgstrainer Enrico Maassen noch halten? Den Klubs aus der Bundesliga wird nicht entgangen sein, welche Entwicklung die Mannschaft unter dem Deutschen genommen hat.
Das ist überhaupt kein Thema bei uns. Wir haben ein hervorragendes Einvernehmen mit Enno und dem Trainerteam. Einem Assistenztrainer, der die letzten zwei Jahre hier hervorragende Arbeit geleistet hat, die Chance auf einen Cheftrainerposten in einer bedeutenden europäischen Liga zu verbauen, hätte nicht unserer Philosophie entsprochen. Klar, es gibt Verträge, man muss sich aufeinander verlassen können. Es kann aber immer sein, dass eine Lage neu beurteilt werden muss. Ich bin da völlig entspannt.

Am Sonntag steht das Heimspiel gegen Luzern an. Trotz der grossen Entfernung zwischen diesen beiden Städten ist es eine Partie mit Derby-Charakter. Können Sie sich erklären, wieso unter den Fans eine derart grosse Rivalität herrscht?
Der FC Luzern ist vergleichbar mit dem FC St. Gallen, was das Einzugsgebiet und die Begeisterung bei den Menschen anbelangt. Die Spiele zwischen diesen beiden Klubs, die die Menschen berühren, sollen besonders und emotional sein. Ich sehe es aber nicht als Kampf zwischen Rivalen und rate zur Besonnenheit.

Aliou Balde, links, von St Gallen schiesst das Tor zum 2:2 vor Adrian Bajrami, unten rechts, von Luzern beim Super League Meisterschaftsspiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen vom Sonntag,  ...
Die Partie St.Gallen gegen Luzern wird meist emotional.Bild: keystone

Matthias Hüppi, Stillstand ist Rückschritt. Würden Sie diesem Sprichwort beipflichten?
Definitiv. Wenn man meint, man könne in besonders guten Zeiten gemütlich zurücklehnen, kann es schnell sein, dass der Lehnstuhl auf die falsche Seite kippt. Das gilt es zu verhindern. Das braucht immer wieder neue Energie, Kraft, Teamwork und Widerstandskraft. Es ist einfach, den Job auszuführen, wenn die Sonne scheint und man jedes Spiel gewinnt. Entscheidend ist, wie man agiert, wenn es richtig 'obenabaerägnet'. An dem muss man arbeiten, auch bei schönem Wetter. Sonst wird man vom Gewitter überrascht und es kommt nicht gut.

Stillstand ist Rückschritt – heisst aufs Sportliche umgemünzt: Nach Platz 2 und dem Cupsieg ist für den FC St. Gallen in dieser Saison nur das Double gut genug.
Das sagen Sie, und das werden Sie von mir nicht hören. Wir sind ambitioniert und selbstbewusst, wollen Menschen begeistern. Aber wir wissen auch, was für eine Position wir in dieser Liga haben und wie gross die Herausforderung ist, an die letzte Saison anzuknüpfen.

Aber auf der linken Wade hätte es noch Platz...
(lacht) Da sage ich natürlich gar nichts dazu, da erwischen Sie mich nicht auf dem falschen Fuss, respektive auf der falschen Wade. Ich habe Freude an diesem einen Tattoo, das wie gesagt ein Meisterwerk geworden ist. (riz/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die überraschendsten Fussball-Meister
1 / 17
Die überraschendsten Fussball-Meister

FC Thun, 2025/2026: Nun hat auch die Schweizer Super League ihr Leicester-Märchen: Der FC Thun legt als Aufsteiger einen sensationellen Lauf hin, der im Meistertitel gipfelt. Das Team von Trainer Mauro Lustrinelli ist vier Runden vor Schluss bereits uneinholbar Erster.

quelle: keystone / alessandro della valle
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wer wird Infantinos Nachfolger?
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
4 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
4
Lausanne holt nach 0:2-Rückstand noch einen Punkt – YB verspielt Sieg zu zehnt
Die Young Boys verpassen in der 3. Runde der Super League den dritten Sieg. Die Berner bringen in Lausanne in Unterzahl ein 2:0 nicht über die Zeit und kassieren kurz vor Schluss den Ausgleich zum 2:2.
So ereignisarm die ersten 45 Minuten im Stade de la Tuilière waren, so turbulent wurde es im zweiten Umgang.
Zur Story