Darum wusste Swiss-Ski nichts von Gut-Behramis Rücktritt
Als Lara Gut-Behrami am Mittwoch ihren Rücktritt verkündet, wird auch Swiss-Ski davon überrascht. Noch Anfang der Woche ist Alpin-Direktor Hans Flatscher davon ausgegangen, dass die Chancen auf ein Comeback gut stehen.
Hat Sie der Rücktritt von Lara Gut-Behrami geärgert? Schliesslich sind Sie selbst von etwas anderem ausgegangen.
Hans Flatscher: Nein. Wir kennen Lara und wissen, wie sie funktioniert. Ich war einzig ein bisschen überrascht, dass es jetzt passiert, ohne dass sie nochmals Ski gefahren ist. Aber dass es, wenn sie sich einmal entschieden hat, relativ schnell gehen würde, dessen war ich mir bewusst.
Wann hat Swiss-Ski erfahren, dass es kein Comeback geben wird?
Lara hat uns am Nachmittag über ihren Entscheid informiert und dass sie es um sechs Uhr abends kommunizieren werde.
Hat Sie der Rücktritt auf dem falschen Fuss erwischt?
Wie meinen Sie das?
Dass sie nicht vorgängig das Gespräch mit Swiss-Ski gesucht hat.
Wie gesagt: Wir wissen, wie Lara funktioniert. Es ist aber nicht so, dass sie in allen Belangen einfach entschieden hat, ohne den Austausch zu suchen. Gar nicht. Aber eines muss man sagen: Ein Rücktritt ist eine sehr, sehr persönliche Sache. Und einer Person in ihrem Alter, mit diesen Erfahrungen und allem, was sie erlebt hat, darf man zugestehen, allein zu entscheiden.
Beruhte der Glaube an ein Comeback seitens Swiss-Ski mehr auf dem Prinzip Hoffnung als auf Fakten?
Fakt ist, dass sie wirklich hochintensiv trainiert hat. Natürlich war ich nicht jede Woche oder jeden Tag mit ihr im Austausch. Aber ich hatte Kontakt mit den Personen, die sich um sie kümmern. Wir haben keine Anzeichen wahrgenommen, dass sie weniger macht oder dass sich etwas in diese Richtung abzeichnet.
Wieso kam es aus Ihrer Sicht trotzdem zum Entscheid, den Schlussstrich jetzt zu ziehen?
Im Hinterkopf wird sich Lara immer Gedanken gemacht haben: Was braucht es, um wieder zu gewinnen? Sie fährt ja nicht weiter, um 15. zu werden. Wie ist der gesundheitliche Zustand? Was kommen für Belastungen im Schneetraining dazu? All diese Faktoren werden ständige Begleiter gewesen sein. Fakt ist aber auch: Kein Mensch würde so eine Reha machen wie sie, wenn sie nicht zumindest mit einem Comeback im Rennsport geliebäugelt hätte. Wenn es nur darum geht, gesund zu werden, geht es auch anders. Dann muss man nicht mit dieser Intensität dahinter.
Wie regelmässig standen Sie persönlich mit ihr im Kontakt?
Alle paar Wochen. Lara ist keine Person, die sich wünscht, dass ich sie jede Woche anrufe und frage: «Geht es besser? Geht es vorwärts oder nicht?» Auch wenn wir es gut miteinander haben und intensive Zeiten miteinander erlebt haben – diesen engen Kontakt wollte sie nie. Hätte ich sie plötzlich wöchentlich angerufen, hätte sie sich gefragt: «Was ist jetzt mit dem los?»
Was ist Ihnen als Erstes durch den Kopf gegangen, als Sie vom Rücktritt erfahren haben?
Mein erster Gedanke war: Ist es jetzt wirklich vorbei? Und nach einem kurzen Gespräch war klar: Für sie stimmt es hundertprozentig.
Würden Sie den Rücktrittsentscheid bei jeder Athletin so schnell akzeptieren, ohne zu versuchen, sie umzustimmen?
Es gibt da kein Patentrezept. Aber wenn man das Gefühl hat: Ja, es stimmt wirklich für diese Person, dann kann man das nur unterstützen. Lara hat so viel für den Skisport geleistet. Und wenn dieser Entscheid wirklich gut überlegt ist – und ich zweifle keine Sekunde daran, dass er gut überlegt ist bei einem so hochintelligenten Menschen –, muss man sagen: Es ist gut so.
Sie haben, als Sie mit ihr gesprochen haben, eine Person erlebt, die mit dem Entscheid im Reinen ist und nicht hadert?
Ja, absolut. Das war mein Eindruck. Da gibt es keine Zweifel mehr.
Was verliert Swiss-Ski und was verliert die Schweiz, wenn Lara Gut-Behrami nicht mehr Ski fährt? Siege und Medaillen – das wissen wir alles. Aber was verliert man darüber hinaus?
Man verliert einen Menschen, der den Skisport wirklich geprägt hat. Auch international. Lara ist immer hingestanden und hat gesagt, wenn ihr etwas nicht gepasst hat. Sie hat sich nicht irgendwo versteckt. Ob das immer richtig war oder nicht, steht nicht zur Diskussion. Sie ist sich selbst treu geblieben.
Was hat Sie als Athletin ausgezeichnet?
Sie war brutal fokussiert und leistungsbereit. Sie hat die Leidenschaft für den Skisport verkörpert und gelebt. Damit hat sie viele junge Athletinnen inspiriert. Viele haben ihr nachgeeifert. Wenn man sechsmal den Super-G-Weltcup gewinnt, eine Disziplin, in der es so viel Intuition braucht, wo man aus dem Bauch heraus fahren muss, damit man gewinnen kann, ist das Skisport in Perfektion. Das konnte sie.
Sie war für Swiss-Ski auch ein Stück weit eine Lebensversicherung. Sie hat geliefert, wenn sie nicht verletzt war. Bereitet Ihnen ihr Rücktritt mit Blick in die Zukunft Sorgen?
Ich habe am eigenen Leib miterlebt, wie wichtig sie in Zeiten war, in denen das Team noch nicht so aufgestellt war wie jetzt. Als ich damals als Frauenchef übernommen habe (2012; Anmerkung der Redaktion), war sie diejenige, die vorne gestanden ist. Sie hat der nächsten Generation einen Windschatten geboten, in dem sich die anderen aufbauen konnten. Sie war die Leitfigur. Auch wenn sie nicht immer alles mit dem Team gemacht hat, war sie ein brutal wichtiger Pfeiler.
Einer, der jetzt wegbricht.
Logisch wird uns Lara fehlen. Und sie hat uns ja schon im letzten Winter gefehlt, das haben wir gemerkt. Aber trotzdem haben wir es geschafft, dass wir in allen Disziplinen gut aufgestellt waren. Deswegen mache ich mir wegen der Situation bei unseren Frauen keine Sorgen. Wir haben in jeder Disziplin eine Athletin, die Rennen gewinnen kann. Das muss man zuerst einmal hinbekommen.
Sehen Sie eine nächste Lara Gut-Behrami am Horizont?
Eine nächste Lara Gut-Behrami wird es nie geben. Sie ist einmalig. Von ihrem Charakter und von ihrem Werdegang her. Das ist eine so spezielle Geschichte: Wenn man das von Beginn an anschaut, mit ihrem Vater, als kleines Mädchen, mit St. Moritz, mit all den Schwierigkeiten, die zwischendurch da waren, mit der späteren Integration bei Swiss-Ski – dann ist das eine einmalige Geschichte. Eine unheimlich erfolgreiche Geschichte über fast zwei Jahrzehnte. (schweizheute.ch)
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