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Interview

Johan Djourou über die Zukunft der Schweizer Nati mit Trainer Murat Yakin

Johan Djourou, ehemaliger Fussballprofi und ehemaliger Schweizer Nationalspieler, Experte fuer den TV-Sender RTS, posiert vor der Samuel Beckett Bridge in Dublin, Irland, am Montag, 25. Maerz 2025. (K ...
In Dublin ist Djourou als TV-Experte unterwegs.Bild: KEYSTONE
Interview

Johan Djourou: «Yakin will offensiv und dominant spielen, aber ich sehe das nicht»

Für die Schweiz hat Johan Djourou 76 Länderspiele absolviert. Der 37-Jährige ist heute in Frankreich und in der Romandie TV-Experte und sagt: «Gewisse Dinge hat Xhaka mit Yakin nicht gefunden. Aber den Trainer entlassen? Nein, das ist keine Frage für mich. Er ist da. Punkt. Schluss.»
26.03.2024, 17:27
Christian Brägger, Dublin / ch media
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Nach Stationen in England (Arsenal, Birmingham), Deutschland (HSV, Hannover), in der Schweiz (Sion, Xamax), der Türkei (Antalyaspor) und Dänemark (Nordsjælland) trat Johan Djourou mit 34 Jahren als Fussballer zurück. Heute wohnt er in Genf, hat drei Töchter. Im Lancy FC ist der 37-Jährige mit dem UEFA-B-Diplom Trainer der C-Junioren, er hat eine Firma für Online-Marketing und zwei weitere Unternehmen, mit denen er Popcorn herstellt und Mate-Getränke verkauft. Zum Gespräch im Hotelzimmer in Dublin erscheint Djourou in Sportkleidung, es geht nachher ins Fitness.

Mit welcher Startformation schicken Sie die Schweiz ins EM-Rennen?
Johan Djourou: Es ist auch eine Frage des Systems. Ich würde in einem 4-3-3 spielen lassen. Im Tor mit Sommer. Widmer, Akanji, Schär und Rodriguez verteidigen. Xhaka macht die Sechs, aber ich mag ihn auch auf der Acht. Dann spiele ich mit Freuler und Zakaria. Vorne ist Embolo, die Flügel besetzen Ndoye und Okafor.

So würde Johan Djourou die Schweizer Nati an der EM spielen lassen.
So würde Johan Djourou die Schweizer Nati an der EM spielen lassen.Bild: createformation.com

Shaqiri spielt nicht bei Ihnen?
Doch, aber ich sehe ihn nicht unbedingt von Anfang an. Das System muss für ihn passen. Wenn wir wie gegen Dänemark im 3-5-2 antreten, dann würde er bei mir ganz sicher auf Zehn auflaufen. Im 4-3-3 wird es schwieriger für ihn. Vielleicht würde ich Okafor mit ihm tauschen, weil Okafor bei Milan nicht so oft zum Einsatz kommt.

«In der MLS hat Shaqiri keine grossen Spiele.»

Sie wirken unentschlossen. Wie sehen Sie Shaqiri denn grundsätzlich?
«Shaq» ist einfach der Beste. Seine Kreativität ist unglaublich, er will nach vorne spielen, nimmt Risiko mit langen Pässen. Wir brauchen seine Ideen. Er ist ein Spieler mit so viel Erfahrung und Qualität, so einen haben wir nicht nochmals. Aber man braucht als Spieler Power und muss auch defensiv arbeiten, und ich weiss nicht, ob er das noch über 90 Minuten tun kann. Man braucht an der EM gegen Ungarn, Schottland und Deutschland den Rhythmus, doch die Major League Soccer ist nicht die Bundesliga, nicht Milan, nicht die Premier League. In der MLS hat Shaqiri keine grossen Spiele. Wenn ich alles losgelöst betrachten würde, wäre Shaqiri bei mir gesetzt.

epa04282028 Switzerland's Xherdan Shaqiri (C) and Johan Djourou (L) celebrate with the fans after winning the FIFA World Cup 2014 group E preliminary round match between Honduras and Switzerland  ...
Johan Djourou und Xherdan Shaqiri an der WM 2014.Bild: EPA

Im Frühling sind die Nationalmannschaftstermine bei den Spielern nicht so beliebt. Wie war das bei Ihnen?
Das ist auch von der Situation im Klub abhängig. Für mich war es in der Nati immer toll, es war stets eine willkommene Luftveränderung. Aber viele Schweizer spielen um Titel, Akanji kann sogar noch deren vier holen. Man wird also langsam schon müde, doch jetzt geht es noch, im Sommer vor der EM ist man noch müder.

Trainer Yakin stand sehr in der Kritik. Verstehen Sie diese Kritik?
Wir müssen aufpassen. In der Schweiz haben wir grosse Erwartungen. An der letzten EM stand die Nati im Viertelfinal. Yakin hatte danach einen guten Anfang. Aber eine WM, die nicht so gut war, es passte etwas nicht. Danach ging alles ein bisschen bachab, der letzte Sieg war gegen Andorra. Andorra! So kommt automatisch Kritik, über die Taktik, die Stimmung, die Trainings. Und Xhaka hat diese Kritik dann ja auch geäussert.

Westschweizer Journalisten kritisierten Yakin heftig und forderten dessen Rücktritt, ebenfalls die Deutschschweizer Medien waren teils forsch.
Das ist auch politisch geprägt. Ich habe das Gefühl, Yakin gilt als Trainer der Deutschschweizer. Also können die Westschweizer mehr kritisieren, weil sie mehr Distanz fühlen. Petkovic hatte keine deutsche Mentalität, also waren die Deutschschweizer härter mit ihm, weil er für sie weiter weg war. Vielleicht haben die Westschweizer eben auch das Gefühl, Yakin mache es nicht recht.

epa11239975 Switzerland's head coach Murat Yakin gestures to supporters after the friendly international soccer match between Denmark and Switzerland, in Copenhagen, Denmark, 23 March 2024. EPA/P ...
Murat Yakin stand insbesondere in der Westschweiz stark in der Kritik.Bild: keystone

Es gab sogar Aussprachen mit dem Verband und Westschweizer Journalisten.
Die Westschweizer haben nicht verstanden, dass Mbabu und Lotomba nicht mehr aufgeboten wurden. Vor allem bei Lotomba hatten sie kein Verständnis. Vielleicht war es eine Strafe, weil das Duo in Genf einmal im Teamhotel am Abend zu lange Karten spielte. Sehen Sie: Wir gehen in eine WM und es stand nur jeweils ein Aussenverteidiger pro Seite im Kader. Für diesen Entscheid hat man ihn überhaupt nicht verstanden.

«Xhaka spielte unter grossen Trainern, jetzt auch noch unter Alonso, er ist ein Crack in Sachen Taktik. Alonso seziert den Gegner, jede einzelne Minute, sucht Lösungen. Solche Dinge hat Xhaka mit Murat nicht gefunden.»

Gab es den Röstigraben auch bei den Spielern?
Für mich nicht, nein. Wir waren eine starke Gruppe. Granit ist ein grosser Freund für mich. Ich mag Rodriguez, auch Akanji, Schär, Zakaria, Sommer, «Shaq», Mbabu. Früher mit Kuhn und Hitzfeld hatten wir runde Tische. Da sassen die Welschen dann halt separat. Petkovic hat das verändert und einen grossen Tisch daraus gemacht. Ich habe oft neben Granit oder Dzemaili gegessen.

Im Juni 2011 standen Sie ebenfalls auf dem Platz, als Xhaka für die Schweiz gegen England debütierte. Wie erlebten Sie ihn damals, und wie sehen Sie ihn heute?
Es war ein junger hungriger Mann, hatte schon Qualität und Persönlichkeit. Was aus ihm bis heute geworden ist, kommt auch von den grossen Trainern, die ihn geformt haben. Wenger, Arteta, Emery. Sie haben Granit auch herausgefordert, sie wollten sehen, welche Persönlichkeit er hat.

Man spürte im letzten Jahr die Dissonanzen zwischen Yakin und Xhaka. Können Sie nachvollziehen, dass es dazu gekommen ist?
Ich kann immer verstehen, dass es mit einem Trainer Schwierigkeiten geben kann. Yakin hat seine Idee vom Fussball. Das Problem ist ein Luxusproblem. Xhaka spielte unter grossen Trainern, jetzt auch noch unter Alonso, er ist ein Crack in Sachen Taktik. Alonso seziert den Gegner, jede einzelne Minute, sucht Lösungen. «Mach dies, mach das, lauf so, spiel hier.» Solche Dinge hat Xhaka mit Murat nicht gefunden. Deswegen gibt es ein bisschen Stunk. Xhaka muss jeden Tag so viele Details und Erklärungen hinnehmen im Klub, bei Yakin ist das für ihn wohl zu «light».

Granit Xhaka et Murat Yakin: un groupe ouvert avec un d
Yakin geht wohl nicht so in die Details, wie sich Xhaka das von seinen anderen Trainern gewohnt ist.Bild: fxp-fr-sda-rtp

Für welchen Fussball steht denn Yakin?
Das ist eine gute Frage. Man weiss es nicht so genau. Er will offensiv und dominant spielen lassen, aber das sehe ich nicht. Ich sehe ManCity, Leverkusen, Bologna, sie sind alle offensiv. Auch Newcastle. Jeder Spieler hat etwas anderes im Klub, aber diese offensive Philosophie. Das sind Mannschaften mit teils Wahnsinnsspielern. Aber ein Spieler allein kann nicht viel machen. Es geht um die Methodologie, um das Wissen und das Vermitteln, wie man spielen will. Schauen Sie nur die Entwicklung von Granit bei Arsenal an. Er war zuerst der zentrale Mittelfeldspieler, der lange Bälle spielte. Arteta formte ihn um, Xhaka wurde ein Spieler, der den Ball treibt, in die Box geht, Tore macht. Ein toller Trainer entwickelt dich weiter, du adaptierst, was er will. Weil sein Plan klar ist, das System, von hinten nach vorne.

Yakin kann das nicht?
Noch nicht, die Schweiz hat unter ihm noch keine klare
Identität, keine DNA, wie sie spielen will. Um ein guter Trainer zu sein, musst du Erfahrung haben. Das hat Yakin zwar. Ein guter Trainer ist aber nicht nur, was auf dem Platz passiert. Sondern auch im Hotel, in der Kabine. Die Beziehung neben dem Platz. Es kann gut kommen mit ihm, aber es kann auch misslingen.

«Wenn du dein Elternhaus früh verlässt und ins Ausland gehst, musst du eine grosse Persönlichkeit haben.»

Und kommt es gut?
Das kann ich nicht sagen. Granit äusserte ja die Kritik, dass die Schweizer so spielen, wie sie trainieren. Das Gefühl hatte ich auch. Es ist einfach nichts passiert auf dem Platz im Herbst. Man hat kein Vertrauen gesehen. Weil die Details nicht gut vorbereitet waren.

Yakin lässt sich ja auch mehr vom Gefühl leiten.
Aber der Fussball ist heute anders. Gefühl ist gut, aber die Details zu kennen besser. Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe. Guardiola ist ein Freak, er arbeitet immer. Arteta ebenfalls, der soll unglaublich sein, habe ich mir sagen lassen. Diese Trainer arbeiten immer. Aber schon klar, die Nati ist anders. Die Spieler sind nicht jeden Tag da, es ist ein anderer Ort und eine andere Stimmung.

Hätte man Yakin denn entlassen müssen nach dem vergangenen, ungenügenden Herbst?
Nein, das ist keine Frage für mich. Er ist da. Punkt. Schluss.

Was trauen Sie der Schweiz zu an der EM?
Wir überstehen sicher die Gruppenphase. Für die Moral und das Selbstvertrauen wäre aber jetzt ein Sieg gegen Irland gut.

Welche waren eigentlich Ihre Lieblingstrainer?
Wenger bei Arsenal. Und Flemming Pedersen bei Nordsjælland. Aber ich hatte überall eine gute Zeit. England war Premier League, ich spielte gegen Stars und Champions League. Dänemark war sehr speziell, hier habe ich viel gelernt. Wie man mit Jungen arbeitet, zum Beispiel. Es gab dort eine Methodologie, die so unglaublich war.

Sie wechselten früh nach Arsenal, noch im Jugendalter mit 16 Jahren. Finden Sie diesen Weg oder den Schweizer Weg besser?
Wenn du dein Elternhaus früh verlässt und ins Ausland gehst, musst du eine grosse Persönlichkeit haben. Es kommen Spieler zusammen aus der ganzen Welt, Brasilien, Spanien, Frankreich. Und alle sind hungrig. Doch im Ausland musst du dann alleine höher gehen. In der Schweiz hat man alles, es geht dir normalerweise gut. Im Ausland kommen die Jungen aus dem Nichts, sie haben zum Teil sehr wenig und investieren viel mehr für ihren Traum. Sie sind nicht da, um zu lachen. Das war die grosse Differenz für mich. Ich sah in die Augen dieser Jungen und sah etwas anderes als bei den Jungen in der Schweiz.

Im Alter von 34 Jahren traten Sie zurück. Oft hört man, es wird für einen Fussballer danach zuerst schwierig, weil der Alltag komplett neu wird. Fielen Sie in kein Loch?
Ich hatte daneben immer andere Interessen. Das war mein Glück. Ich wollte immer mehr sein als Fussballer. Wenn du aufhörst, bist du tot. Deine Identität ist wie weg. Du gabst davor jeden Tag deines Lebens dem Sport. Ich war sehr interessiert in Psychologie. Und hatte schon eine Firma. Zudem: Mein Name war auch ein Brand, ich wollte schon während der Aktivzeit von mir profitieren. Im Fussball ist es ja so: Wenn man heute weg ist, ist man morgen schon vergessen. (aargauerzeitung.ch)

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Die Nati-Trainer der Schweiz seit 1981
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Die Nati-Trainer der Schweiz seit 1981
24. März 1981 bis 13. November 1985: Paul Wolfisberg
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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Krasse Siech
26.03.2024 18:23registriert Dezember 2023
Djourou, das ewige Rätsel. Eine grosse Karriere, aber in der Schweizer Nati musste man jeweils bibbern, wenn er den Ball hatte. Mit Petkovic hat er schon ein wenig recht. Viele Deutschschweizer waren stark gegen ihn, auch wegen der Sprache. Die vergessen, dass er italienischsprechend ist, was immerhin eine Nationalsprache ist.
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Jimmy Dean
26.03.2024 18:53registriert Juli 2015
sehr spannendes interview, passt ins bild von einem intelligenten mann und fussballer
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N. Y. P.
26.03.2024 18:52registriert August 2018
Yakin weiss einfach nicht, was er will.

Bei Petkovic war das System klar erkennbar. Unglaublich stark in der Offensive waren wir unter Petkovic. Wir konnten es eine zeitlang mit allen Mannschaften der Erde aufnehmen.

Und heute?

Nur noch phlegmatisches Ballgeschiebe. Chumu hüt nid, chumi morn. Es ist zum davonlaufen.
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