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Nordische Kombination: Streichung aus Olympia-Programm hat Konsequenzen

epa12655936 Finn Kempf of Switzerland in action during the ski jumping portion of the Men Individual Compact Normal Hill/7.5km at the FIS Nordic Combined World Cup event in Oberhof, Germany, 17 Januar ...
Aktuell bester Schweizer Kombinierer: Finn Kempf.Bild: keystone

Status, Träume und Geld weg: Ein Sport wird zu Grabe getragen

Die Streichung der Nordischen Kombination aus dem Programm der Olympischen Spiele hat schwere Konsequenzen für den Traditionssport – auch in der Schweiz.
03.09.2026, 07:5703.09.2026, 07:57
Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder

Am 7. Juli stockt weltweit einigen hundert Athletinnen und Athleten der Atem. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) gibt bekannt, dass es die Sportart Nordische Disziplin für 2030 aus dem Programm der Winterspiele streicht. Die Disziplin war von Anfang an Teil der Olympischen Spiele.

Der Entscheid beruft sich auf das Reformprogramm «Fit for Future». Das IOC will die Sportarten der Spiele nach einer neuen Methodik und jeweils kurzfristig mit sieben Jahren Vorlaufzeit bestimmen. Das Eventprogramm soll damit «relevanter, flexibler und nachhaltiger» werden. Wobei letzteres kritisch betrachtet werden darf, wenn man die Konsequenzen betrachtet, welche der Entscheid für die Nordische Kombination mit sich bringt.

Seltsame Bewertungskriterien

Alle 16 Sportarten der Winterspiele in Cortina wurden erstmals einer auf 14 Indikatoren beruhenden Bewertung unterzogen. In fünf Kategorien gab es Punkte: TV-Reichweite, Wirkung in den sozialen Medien, das öffentliche Interesse und die globale Verbreitung, das Zuschauerinteresse und die mediale Berichterstattung in verschiedenen Facetten. Ein Ökonom mit Expertise im Skisport sagte zu dieser Zeitung, er verstehe die Bewertungskriterien der 14 Indikatoren nicht.

Tatsache ist, dass die Nordische Kombination in dieser Rangliste abgeschlagen den letzten Platz belegt. Ganz oben stehen Eishockey, Eiskunstlauf und Snowboard.

Bei anderen Sportarten zeigen die Ampeln auf Orange. Interessanterweise bei allen drei Sportarten im Eiskanal. Der Bau von Bobbahnen war in Cortina und bei Spielen zuvor ein Politikum, wobei es um die nicht gegebene Nachhaltigkeit dieser kostspieligen Infrastruktur ging.

Junge Frauen verlieren ihren neuen Traum

Eine Kernbotschaft des IOC ist die geschlechtliche Parität bei den Aktiven. Der Internationale Skiverband FIS als Vertreter der Nordischen Kombination wurde vor einigen Jahren nachdrücklich aufgefordert, die Frauenförderung in dieser Sportart voranzutreiben. In Cortina blieb die Kombination dennoch die einzige Disziplin ohne Frauenrennen – offiziell mangels genügend konkurrenzfähiger Teilnehmerinnen.

Doch in verschiedenen Ländern – auch in der Schweiz – wurden in den letzten Jahren junge Frauen auch deshalb zur Nordischen Kombination gelockt, weil man ihnen den «olympischen Traum» schmackhaft machen konnte. Dieser Traum löst sich nun in Luft auf.

Zwar will das IOC für 2034 wieder neu entscheiden – mit der Vorlaufzeit von sieben Jahren. Nur wird man 2027 keine anderen Parameter zur Verfügung haben als jetzt bei der Abservierung der Nordischen Kombination. Überhaupt ist die Kurzfristigkeit der IOC-Entscheide kritisch zu sehen. «Der Aufbau von Grundlagen zur Entwicklung einer Sportart beträgt deutlich mehr als zehn Jahre. Das IOC verhindert Nachhaltigkeit in der Entwicklung geradezu», sagt ein hoher Ski-Funktionär. «Das IOC begreift die Komplexität der Existenz dieser Sportarten nicht.» Er weist auch darauf hin, dass die FIS für die neu ins Programm gehievte Disziplin Freeride praktisch noch keine tragenden Strukturen aufgebaut hat.

epa12727018 (L-R) Silver medalist Johannes Lamparter of Austria, gold medalist Jens Luraas Oftebro of Norway, and bronze medalist Eero Hirvonen of Finland pose on the podium for the Men's Individ ...
Johannes Lamparter, Olympiasieger Jens Oftebro und Eero Hirvonen schiessen ein Selfie mit ihren Olympiamedaillen 2026.Bild: keystone

Mit altem Göppel gegen Pogacar?

Mitte August fand in Oberstdorf ein Krisentreffen der am stärksten betroffenen  Nordisch-Nationen Deutschland, Österreich, Norwegen und Japan und der FIS-Spitze statt. Neben der Frage, wie man der Kombination quasi auf dem Sterbebett neues Leben einhauchen kann, war vor allem Wundenlecken angesagt. Gerade in den Nachbarländern der Schweiz sind die Auswirkungen dramatisch.

Wie auch hierzulande ist die Sportförderung in vielen Nationen an den olympischen Status einer Disziplin gekoppelt. In Deutschland fällt ein Millionenbetrag an Förderung weg. Wie soll eine Sportart mit dramatisch weniger finanziellen Mitteln zur olympischen Aufholjagd antreten?

Mit dem Vorgehen und den Konsequenzen wird die Nachwuchsförderung erst recht kastriert», sagt ein Ski-Funktionär. «Es ist, wie wenn man einem Velofahrer sagt, er müsse nach Alpe d'Huez mit Pogacar mithalten, und man gibt ihm dafür ein Velo mit nur drei Gängen.» Weil auch Gelder von TV‑Übertragungsrechten obsolet werden, droht dem Weltcupkalender zudem eine gravierende Ausdünnung.

Kombinierer sind auch im Radsport begehrt

Wie viele sportliche Aushängeschilder das sinkende Schiff verlassen werden, ist bisher nicht abschliessend zu beurteilen. Die ersten Indizien sind ernüchternd. Durch die wegfallenden Fördergelder ist der trainingsintensive Sport für Athleten nicht mehr kostendeckend zu betreiben. Kommt hinzu, dass die Sportler nicht nur im Skispringen, beim Langlauf oder im Biathlon begehrt sind. Auch aus dem Radsport kamen Tage nach dem IOC-Entscheid die ersten aktiven Abwerbeangebote. Seit mit Primoz Roglic ein ehemaliger Skispringer die Tour de France gewann, wird im Rad- und Bikesport der Wert eines Weltklasse-Kombinierers – quasi ein Roglic mit einem Ausdauer-Bonus – zuversichtlich eingeschätzt.

Auch die Sport-Dachverbände und der Staat tragen ihren Teil bei, um die Auflösungstendenzen der Sportart zu beschleunigen. In Österreich erhielten selbst Olympiahelden aus der Kombination die Kündigung durch die Polizei, weil die Anstellung bei der Gendarmerie, bei Grenzwacht oder im Militär an den olympischen Status der Sportart gebunden ist.

In der Schweiz wurde dem grössten Talent Finn Kempf mitgeteilt, dass er nur dann in die Spitzensport-Rekrutenschule darf, wenn er zu den Spezialspringern wechselt. Auch finanzielle Unterstützung wurde Kempf unmittelbar nach dem IOC-Entscheid gestrichen.

Eine interessante Komponente sind die Sprungschanzen als Trainingsinfrastruktur der Kombinierer. Diese werden in der Schweiz – durch sogenannte Nasak-Gelder – und im Ausland massiv vom Staat unterstützt, weil sie praktisch nicht kostendeckend betrieben werden können. In Deutschland und Österreich sorgten die Nordisch Kombinierer für rund 50 Prozent der Auslastung, in der Schweiz sind es 20 Prozent. Swiss Ski hat vor wenigen Jahren in einer Studie eruiert, dass ein Skispringer grundsätzlich der kostenintensivste Athlet im System ist – noch vor den Alpinen. Auch dieser Preis wird weiter steigen.

Nordisch-Direktor nimmt die Sportart in die Pflicht

Wie es bei Swiss Ski mit der Nordischen Kombination weitergeht, ist noch nicht klar. Definitiv ist, dass die Sportart von Swiss Olympic per sofort massiv zurückgestuft wird. Erst 2025 hat man mit dem ehemaligen Athleten Tim Hug erstmals seit Jahren wieder einen Nationaltrainer angestellt.

Vorerst wartet man bei Swiss Ski nun auf ein klares Bekenntnis der FIS. Nordisch-Direktor Jürg Capol sieht drei Szenarien: «Entweder man verzichtet auf eine weitere Förderung. Oder man macht weiter und sucht erneut Trainingskooperationen mit anderen Nationen. Oder man erklärt die aktuell sechs Athleten mit Kaderstatus zu selbstständigen Unternehmern, denen man einen gewissen Betrag zur Verfügung stellt, um sich selbst zu organisieren.»

Nordisch Direktor Juerg Capol posiert fuer ein Portrait am Medientreffen von Swiss Ski, am Montag, 10. November 2025, in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Jürg Capol hatte einst die Tour de Ski der Langläufer erfunden.Bild: keystone

Capol übt zwar auch Kritik am Entscheid des IOC, als ehemaliger Marketing-Direktor der FIS nimmt er jedoch die Skiverbände in die Pflicht. «Gerade im Nordischen Sport gibt es viele Traditionalisten, aber jetzt müssen wir erwachen und dürfen den Trend nicht verpassen. Wir müssen uns, auch mit Blick auf den Langlauf, überlegen, wie wir in diesen Sportarten einen Jugend-Approach hinbekommen. Wir müssen aus den Wettkämpfen Showevents kreieren und den Mut haben, Stadionvarianten unserer Sportarten zu diskutieren.»

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quelle: keystone / wu hao
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