Wie kleine Sätze das Körperbild von Kindern prägen
Unser Körper wird ständig gelesen und bewertet. Oft verbunden mit vorschnellen Urteilen: Ist das noch gesund? Lässt er sich gehen? Hat sie keine Kontrolle?
Das kommt nicht von ungefähr. Von klein auf begegnen uns Vorstellungen davon, wie ein Körper aussehen sollte: schlank, fit, attraktiv. In einer Gesellschaft, die bestimmte Körperideale ständig reproduziert, entwickeln viele Menschen eine schwierige Beziehung zu ihrem Körper. Statt den Körper als unglaubliche Maschine zu würdigen, die jeden Tag Erstaunliches leistet, betrachten wir ihn kritisch, bewerten ihn ständig und vergleichen ihn mit anderen.
Die Zweifel beginnen früh. Schweizer Studien zeigen, dass Körperunzufriedenheit bei Kindern und Jugendlichen weit verbreitet ist. Mädchen eifern häufig einem Schlankheitsideal nach, Jungen möchten vor allem muskulös sein.
Viele Eltern wollen es anders machen als frühere Generationen und ihren Kindern einen positiveren und wertschätzenden Umgang mit dem eigenen Körper vermitteln.
Doch wie gelingt das in einer Gesellschaft, in der Selbstoptimierung allgegenwärtig ist? In der uns täglich suggeriert wird, wie ein Körper aussehen sollte? In der uns perfekte Körper millionenfach auf Bildschirmen begegnen und Schönheitsoperationen immer verfügbarer und selbstverständlicher werden?
Beiläufige Kommentare, die bleiben
Viele Kinder wachsen mit kleinen Botschaften über den Körper auf: der Vater, der beim Fotografieren scherzt: «Bauch einziehen», die Mutter, die über ihre Problemzonen spricht, die Oma, die nach einem Stück Kuchen sagt: «Heute habe ich gesündigt.»
Wie stark solche beiläufigen, meist nicht böse gemeinten Kommentare beeinflussen, wie wir später unseren Körper wahrnehmen, untersucht Dianne Neumark-Sztainer, Public-Health-Forscherin der University of Minnesota, seit 20 Jahren.
Neumark-Sztainer beschreibt vier Ebenen, über die Körperbilder weitergegeben werden. Die erste betrifft Kommentare über Gewicht, Figur oder Kleidung des Kindes wie «Willst du das wirklich anziehen?» oder «Hast du schon wieder Hunger?» Kinder können dann schon sehr früh den Gedanken entwickeln: Mit meinem Körper stimmt etwas nicht.
Die zweite Ebene ist subtiler: der Blick der Eltern auf den eigenen Körper. Wenn Kinder immer wieder hören, dass Mama «abnehmen muss» oder dass sie «in diesem Kleid dick aussieht», können sie die Botschaft verinnerlichen: Der Körper ist etwas, das ständig bewertet und verbessert werden muss.
Die dritte Ebene betrifft Kommentare über andere Menschen wie: «Der hat sich aber gehen lassen». Solche Sätze vermitteln Kindern, welchen Stellenwert Aussehen und Gewicht in der Gesellschaft haben.
Die unsichtbaren Botschaften
Die vierte Ebene ist der eigene innere Blick der Eltern auf ihren Körper: Gedanken und Überzeugungen, die sich über Jahre entwickelt haben. Es geht nicht darum, was gesagt wird, sondern was Kinder beobachten: wenn Mama vor dem Spiegel den eigenen Bauch kritisch betrachtet, ein Kleid wieder auszieht, weil es «nicht gut aussieht», oder bestimmte Körperstellen bewusst versteckt.
Die vierte Ebene ist am schwierigsten zu erkennen und zu verändern, sagt Neumark-Sztainer gegenüber der Zeit. Denn sie lässt sich nicht einfach abschalten. «Doch Eltern müssen ihren Körper nicht perfekt lieben, um ihren Kindern etwas anderes mitzugeben. Der Anfang liegt dort, wo sie Einfluss haben: bei ihren Worten und ihrem Verhalten.»
Doch kein Kind entwickelt sein Körperbild allein zu Hause. Schon früh begegnen ihm auch ausserhalb der Familie Bilder und Botschaften darüber, welcher Körper als schön, erfolgreich oder erstrebenswert gilt – heute vor allem in der digitalen Welt. Neumark-Sztainer hält deshalb Medienkompetenz für eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Körperbild. Kinder sollten verstehen, wie solche Bilder und Videos auf Social Media entstehen: gutes Licht, bestimmter Winkel, Bearbeitungstools.
Statt «Wie sehe ich aus?» lieber «Was kann ich tun?»
Ein positives Körperbild ist nicht nur etwas, das Eltern ihren Kindern mitgeben können. Auch Erwachsene können lernen, anders auf den eigenen Körper zu schauen. Studien zufolge lässt sich die Wertschätzung für den eigenen Körper – in der Forschung spricht man von «body appreciation» – trainieren. Ein Schlüssel dazu ist, den Fokus von der Optik auf die Funktion zu verlagern – also darauf, was unser Körper alles für uns leistet. Dazu gehört das Bewusstsein dafür, dass uns die Ohren das Hören von Musik ermöglichen oder unsere Arme uns erlauben, andere Menschen zu umarmen.
Dieser Perspektivwechsel hilft, den Körper anders zu betrachten: nicht als etwas, das ständig verändert und optimiert werden muss, sondern als das, was er eigentlich ist. Oder, wie es die Journalistin Nora Burgard-Arp der «Zeit» treffend beschreibt: den Körper als eine Art Komplizen anzusehen, der uns die Welt erleben lässt. Ähnlich erfahren ihn auch kleine Kinder: Sie denken nicht darüber nach, wie ihr Körper aussieht, sondern was sie mit ihm tun können: rennen, springen, klettern, die Welt entdecken.
