Operation Weltrekord: Macht sich Audrey Werro heute Abend unsterblich?
Audrey Werro ist derzeit in aller Munde. Und mit ihr ein möglicher Weltrekord über 800 m. Nur 52 Hundertstelsekunden fehlen der 22-jährigen Freiburgerin bis zur Fabelzeit von Jarmila Kratochvilova aus dem Jahr 1983. Es ist die am längsten bestehende Bestmarke in der Leichtathletik.
Wie bei allen Rekorden sind die letzten Sekundenbruchteile oder Zentimeter am schwierigsten zu erreichen. Hinzu kommen bei Werro inzwischen die Erwartungen. Bisher durfte das Schweizer Supertalent brillieren, nun muss sie irgendwie. Selbst wenn Werro und ihr Umfeld die Bedeutung dieses Rekords tunlichst relativieren. Doch das Wort «Weltrekordversuch» wird im Kontext mit ihr unterdessen inflationär verwendet. Bei jedem ihrer vier verbleibenden Starts in dieser Saison scheint er greifbar.
Letzte Woche in Lausanne erschien Werros Schritt auf der zweiten Runde nicht mehr ganz so locker und unbeschwert wie zuvor. Zweifellos der Müdigkeit nach aufreibenden Tagen an den Europameisterschaften geschuldet. Vielleicht auch ein Stück weit den Erwartungen an sie.
Am Donnerstag bei Weltklasse Zürich folgt die nächste Gelegenheit. Co-Meeting-Director Andreas Hediger ist in engem Kontakt mit Audrey Werro und ihrem Umfeld. Zum einen ist der profunde Leichtathletik-Kenner für alle Details rund um das Rennen im Letzigrund verantwortlich. Zum anderen organisiert und verhandelt Hediger für die 800-m-Läuferin die Starts bei Meetings im Ausland.
Der Tempomacher kann gutes Geld verdienen
Um einen Weltrekord zu brechen, müssen alle Details stimmen. Bei Meetings der Diamond League sind im Gegensatz zu Meisterschaftsrennen Tempomacher im Einsatz. Möglich ist dies auf Distanzen ab 800 Metern, wobei bei längeren Strecken oft zwei Tempomacher im selben Rennen starten. Andreas Hediger plant bei Weltklasse Zürich auch über 800 m zwei sogenannte «Hasen» – allerdings im Rennen der Männer, wo der Weltrekord ebenfalls ein Thema ist. Insgesamt hat er neun Tempomacher verpflichtet. Zumeist organisiert das Meeting diese Pacemaker. Es gibt spezialisierte Athletinnen und Athleten. Schliesslich gibt es als Tempomacher gutes Geld zu verdienen. In Ausnahmefällen beträgt das Startgeld sogar mehr als jenes, das man für die Läuferinnen und Läufer im Feld bezahlt hat.
Einen denkwürdigen Abend erlebte das Publikum im Letzigrund im Jahr 1997, als dank Wilson Boit Kipketer (3000 m Steeple), Wilson Kipketer (800 m) und Haile Gebrselassie (5000 m) gleich drei Bestmarken verbessert wurden. Den bislang letzten Weltrekord gab es im Letzigrund im August 2009 zu bestaunen, als die Russin Jelena Issinbajewa im Stabhochspringen die Höhe von 5,06 m meisterte. Diese Marke hat bis heute Bestand. Für Issinbajewa war es der 17. Weltrekord innerhalb von sechs Jahren.
Auch Schweizer Sportlerinnen und Sportler feierten bereits Weltrekorde – allerdings nicht im Letzigrund. Der erste auf Schweizer Boden realisierte Weltrekord gelang Hochspringerin lsebill Pfenning im Jahr 1941 in Basel. Sie egalisierte die damalige Bestmarke von 1,66 m. 1969 sammelte Meta Antenen im nicht mehr in dieser Art durchgeführten Fünfkampf so viele Punkte wie weltweit keine Athletin vor ihr. Den jüngsten und zugleich einzigen noch gültigen Weltrekord hält Simon Ehammer seit dem März dieses Jahres im Siebenkampf in der Halle. (rs)
Die Prämie für die Tempomacher setzt sich aus drei Teilen zusammen: einer Antrittsgage, einer Prämie, wenn man einen guten Job verrichtet hat, und einer Prämie, wenn das gesetzte Ziel erreicht wurde. Das muss nicht zwingend der Weltrekord sein. Vielleicht ist ein Europarekord, eine Jahresweltbestleistung oder ein Meetingrekord die Vorgabe.
Audrey Werros Wunsch an Zürich wird erfüllt
Audrey Werro hat ihre Tempomacherin für Zürich selbst ausgewählt. Es ist wie bei ihrem Schweizer Rekord in Paris die 22-jährige 400-m-Spezialistin Myrthe van der Schoot. Die Niederländerin soll die erste Runde in 55,5 Sekunden angehen. Dass diese Vorgabe nicht immer gelingt, zeigte das Beispiel von Lausanne. Auf der Pontaise lief van der Schoot die erste Runde fast eine Sekunde zu schnell an. Dies, obwohl das seit 2020 im Einsatz stehende Wavelight am Boden der Innenbahn als optische Orientierungshilfe für eine Tempovorgabe dient.
Meeting-Direktor Andres Hediger über mögliche Weltrekorde im Letzigrund:
Speziell an Audrey Werros Tempomacherin ist auch, dass sie in den Niederlanden beim Schweizer Laurent Meuwly trainiert – gemeinsam mit Femke Broeders-Bol, einer der grossen Konkurrentinnen der Freiburgerin. Werro wird in Zürich nicht nur Broeders-Bol im Auge behalten müssen. Mit Ausnahme von Olympiasiegerin Keely Hodgkinson stehen die Athletinnen 1 bis 7 der Weltrangliste im Letzigrund an der Startlinie. Dazu die Schweizer EM-Finalistinnen Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo.
Weil das familiär geführte Management von Audrey Werro keine Lizenz von World Athletics besitzt, um bei Meetings um Startplätze und Gagen zu verhandeln, übernimmt dies Andreas Hediger. Übrigens auch bei Simon Ehammer und weiteren Schweizer Spitzenathleten. Der 60‑Jährige tut dies im Auftrag von Swiss Athletics seit rund 15 Jahren. Und kassiert dafür im Gegensatz zu den meisten Managern keine Provision, sondern macht es als Unterstützung der Athleten durch Weltklasse Zürich. Lange ging es primär darum, überhaupt Startplätze für Schweizer zu erhalten. Inzwischen hat sich das – zumindest bei Werro und Ehammer – gewandelt.
Wieso Werro in Zürich kein Startgeld erhält
Wie stark ist der Marktwert von Audrey Werro in diesem Jahr gestiegen? Hediger hütet sich davor, konkrete Zahlen zu nennen. Er betont, dass dieser von verschiedenen Faktoren abhängig ist. Ein EM-Titel hat dabei den kleinsten Einfluss. Wie es bei uns niemanden interessiert, ob ein Teilnehmer im Letzigrund soeben Afrika-Meister wurde, hat auf der Weltbühne Leichtathletik ein europäischer Titel wenig Bedeutung. Nur Olympiasiege oder Weltmeistertitel fallen ins Gewicht. Am wichtigsten für Werros stark gestiegenen Marktwert sind ihre Zeiten. Und natürlich ein möglicher Weltrekord. «Würde Audrey Werro diese Uralt-Marke brechen, wäre dies die Leichtathletik-Story des Jahres. Das ergäbe für ihren Marktwert noch einmal einen Riesenboost», sagt Hediger.
Trotzdem sei es schwierig, konkrete Zahlen zu nennen und vor allem zu vergleichen, weil je nach Meeting ein unterschiedliches Paket inbegriffen sei. Wird für die Anreise nur das vorgeschriebene Minimum bezahlt oder ein Business-Class-Ticket? Ist bei Reise und Unterkunft eine oder sogar mehrere Begleitpersonen inbegriffen? Weltklasse Zürich weist insgesamt ein Athletenbudget von rund 2 Millionen Franken aus. Andreas Hediger, der seit 1991 für den Anlass arbeitet, sagt, dass in Zürich etwa 20 Prozent der rund 250 Teilnehmenden ein Preisgeld erhalten, in unterschiedlicher Höhe von kleinen vierstelligen Beträgen bis hin zu schönen fünfstelligen Summen.
Den potenziellen Interessenkonflikt, für Werros Start in Zürich mit sich selbst zu verhandeln, umgeht der Co-Meeting Director schon deshalb, weil sie Botschafterin von Weltklasse Zürich ist und dafür wie zehn weitere Schweizer Athletinnen und Athleten einen Vertrag mit einer Jahresunterstützung hat. In dieser gemeinsamen Vereinbarung von UBS und Weltklasse Zürich sind verschiedene Verpflichtungen während des Jahres enthalten. Diese Verträge werden jeweils für ein Jahr abgeschlossen und enthalten keine Prämien für Resultate. Für ihren Auftritt am Donnerstag im Letzigrund ist Audrey Werros Leistungsexplosion nicht eingerechnet. Bei den Verhandlungen zur Verlängerung der Zusammenarbeit wird ihr aktueller Status ein grosser Faktor sein.
Gutes Geld verdienen kann Audrey Werro mit Startgeldern bei anderen Diamond-League-Meetings. Aber auch bei Weltklasse Zürich lockt eine fette Prämie. Neben 20'000 Franken für einen Sieg würde ihr ein Weltrekord 80'000 Franken einbringen. Die übliche Weltrekordprämie an Diamond-League-Meetings beträgt 50'000 Franken. Weltklasse Zürich lässt sich ein solches Ereignis deutlich mehr kosten. Andreas Hediger erklärt die Bedeutung eines Weltrekords für sein Meeting: «Es ist das Tüpfelchen auf dem i und ein grossartiges Erlebnis für alle Zuschauer. Sie können an etwas teilhaben, was es nie zuvor auf der Welt gegeben hat.» (aargauerzeitung.ch)

