Diese Schweizer Leichtathletik-Stars greifen in England nach EM-Medaillen
Die Sterne am Schweizer Leichtathletik-Himmel leuchten hell. Audrey Werro dominiert über 800 Meter, Leonie Hügli stellt einen neuen Schweizer Speerwurfrekord auf und Jason Joseph ist zum neunten Mal in Serie Schweizer Meister über 110 Meter Hürden.
Nun steht die EM in Birmingham (10. bis 16. August) vor der Tür: Der Dachverband Swiss Athletics hat eine Rekord-Delegation selektioniert. Insgesamt 33 Athletinnen und 34 Athleten repräsentieren die Schweiz in Birmingham.
Bei den 100 und 800 Metern der Frauen und den 400 Metern der Männer entschied das Trials-Format in Zürich, wer für die Schweiz nach England reisen darf. Sonstige Leistungen zählten bei diesen drei Disziplinen nicht.
Über 100 Meter gewann Géraldine Di Tizio-Frey mit einer Europabestzeit vor Salomé Kora und Natacha Kouni. Über 800 Meter dominierte Audrey Werro. Die weiteren EM-Tickets lösten Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo, die im Letzigrund beide Saisonbestleistungen aufstellten.
Bei den Männern über 400 Meter holte sich Lionel Spitz den Schweizer Meistertitel. Dahinter lieferten sich Haydn Brotschi und Ricky Petrucciani ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Newcomer Brotschi setzte sich knapp durch – an die EM dürfen ohnehin beide.
So viele Meter und Sekunden fehlen den Schweizer Stars
Die grosse Frage bleibt: Was bedeuten die Schweizer Leistungen für den kommenden Grossanlass? Eine Übersicht über die Schweizer EM-Stars im europäischen und globalen Vergleich.
Einige Athletinnen und Athleten haben grosse Chancen auf Gold: Di Tizio-Frey über 100 Meter, Werro über 800 Meter und Kälin im Siebenkampf stellen die europäischen Bestmarken für 2026. Auch Ehammer stellt sie im Zehnkampf, doch er tritt wie vor zwei Jahren in Rom nur im Weitsprung an.
Mit Dominic Lobalu, Jonas Raess und Morgan Le Guen hat die Schweiz auch EM-Teilnehmer über 10'000 Meter. In den Grafiken ist die Disziplin jedoch nicht vertreten, da die drei für diese Saison entweder keine offizielle Zeit haben oder nur die eines Strassenrennens.
Keine offiziellen Zeiten haben auch Samira Schnüriger und Fabienne Vonlanthen im Marathon. Die jeweiligen Staffeln fehlen in den Grafiken ebenfalls.
Der disziplinenübergreifende Vergleich
Die Leichtathletik-Schweiz hat noch in weiteren Disziplinen klare Ambitionen auf die Medaillen. Mitunter die besten Chancen haben Moser im Stabhochsprung, Ehammer im Weitsprung, Joseph über 110 Meter Hürden, Ditaji Kambundji über 100 Meter Hürden, Hoenke über 200 Meter und Lobalu über 5000 Meter.
Auch der amtierende Europameister Mumenthaler sowie Reais und Pointet rechnen sich Chancen über 200 Meter aus. Hügli nähert sich mit ihrem Schweizer Rekord im Speerwurf ebenfalls der europäischen Spitze.
Im Gegensatz zu Kälin, Di Tizio-Frey und Werro haben diese weiteren Schweizerinnen und Schweizer Konkurrenz aus Europa, die in diesem Jahr leicht bessere Ergebnisse erzielt hat. Das heisst natürlich nicht, dass es am entscheidenden Tag nicht auch für ganz nach oben reichen kann. Um herauszufinden, wie viel besser die europäische Spitze ist, lohnt sich ein Blick auf die Result Scores.
Der Score bleibt aber ein Modell, das auf vergangenen Leistungen beruht, nicht auf einer festen Regel. Er sagt nichts darüber, wie schwer eine Disziplin wirklich ist, sondern nur, wie selten eine Leistung historisch vorkam.
Die Differenzen zwischen persönlicher Saisonbestleistung und der Europabestleistung zeigen, wie viele Punkte die Schweizer Athletinnen und Athleten in den jeweiligen Disziplinen von den Besten Europas entfernt sind.
Hätte es vor zwei Jahren für eine Medaille gereicht?
Natürlich können auch Bestleistungen die Resultate eines Grossanlasses nicht vorhersagen. Zumal die Teilnehmenden an einer EM keineswegs nur Rekorde und persönliche Bestleistungen aufstellen.
Trotzdem wagen wir ein weiteres Gedankenspiel: Wir reisen in den Juni 2024 zurück – nach Rom. Angenommen, alle diesjährigen Schweizer EM-Stars hätten da auch an der EM teilgenommen und im entscheidenden Moment ihre persönlichen Bestleistungen aus dem Jahr 2026 aufgestellt. Die Schweiz hätte 13 statt 9 Medaillen geholt. 7 statt 4 goldene.
Di Tizio-Frey wäre nicht im 100-Meter-Halbfinale hängengeblieben, sondern hätte Asher-Smith (GBR) Gold weggeschnappt. Hoenke hätte über 200 Meter sensationell Silber geholt – hauchdünn hinter Mujinga Kambundji. Die 800 Meter hätte die Schweiz mit Werro dominiert, Rosamilia hätte das fabelhafte Ergebnis mit Bronze verfeinert.
Wind hätte dem langsamen Tempo über 1500 Meter getrotzt und der Konkurrenz über drei Sekunden abgenommen. Moser hätte sich wieder Gold geholt und wäre gar noch zwei Zentimeter höher gesprungen. Kälin wäre nicht auf dem undankbaren vierten Platz, sondern knapp hinter Thiam (BEL) auf dem Silbertreppchen.
Das so gute Resultat über 200 Meter bei den Männern wäre noch edler ausgefallen. Mumenthaler wäre zwar ein paar Hundertstel langsamer gelaufen, für Gold hätte es dennoch gereicht. Reais hätte sich Silber statt Bronze geschnappt.
Über 800 Meter hätte Wipfli für die Überraschung gesorgt und Tual (FRA) die Goldmedaille weggeschnappt. Lobalu hätte über 5000 Meter dominiert und die Taktik von Ingebrigtsen (NOR) durchschaut. Joseph hätte sich wieder Bronze geschnappt, dieses Mal wäre er aber noch etwas schneller unterwegs gewesen.
Ehammer wäre im Weitsprung zwar wieder nicht an Dominator Tendoglou (GRE) vorbeigekommen, für Silber hätte es aber gereicht.
Die Formkurven der Schweizer Stars
Der Vergleich mit den anderen Stars erzählt jedoch nur einen Teil der Geschichte, denn er sagt nichts über die Entwicklung der eigenen Form aus.
Die Formkurven der einzelnen Athletinnen und Athleten zeigen, wie sich die Saisonbestleistungen in den letzten fünf Jahren verändert haben.
Die Gründe für die Formschwankungen sind divers: Mutterschaft, Verletzungen oder schlicht, weil die Saison 2026 noch nicht vorbei ist und die besten Werte vielleicht noch folgen.
Die Zahlen versprechen eine Menge Medaillen. Die Schweiz schickt ihre grösste Delegation aller bisherigen Zeiten ins Rennen – und bringt erfahrene Medaillenkandidatinnen und -kandidaten und aufstrebende Stars mit. Gleich drei Athletinnen halten die europäische Bestmarke der aktuellen Saison. Viele weitere lauern knapp hinter der europäischen Spitze.
Die EM in Birmingham kann für die Schweizer Leichtathletik zum erfolgreichsten Grossanlass der Geschichte werden.
