Die Leichtathletik-EM ist der nächste Schritt Richtung Schweizer Olympia-Medaille
Im Juni 2024 sorgen die Schweizer Leichtathletinnen und Leichtathleten nicht nur für eine phänomenale Erfolgsbilanz an den Europameisterschaften. Die neun Medaillen von Rom befeuern auch Hoffnungen auf einen Exploit an den Olympischen Spielen. Tatsächlich erleben wir zwei Monate später in Paris Schweizer Weltklasseleistungen. Aber eben auch vier vierte Plätze. Tränen der Enttäuschung begleiten die ersten Reaktionen der Sportlerinnen und Sportler. Christoph Seiler, Präsident von Swiss Athletics, fasst seine damalige Gemütslage treffend zusammen: «Ich war einerseits sehr zufrieden, aber irgendwie nicht happy.»
Jetzt steht in Birmingham wieder eine Europameisterschaft vor der Tür. Und die bisherigen Auftritte der Schweizer Leichtathletik bieten erneut viele Argumente für grosse Zuversicht. Ein wiederkehrendes Podest-Feuerwerk darf beinahe schon erwartet werden. Zwar ist diesmal die Zeitspanne bis zum nächsten Olympia-Auftritt 2028 in Los Angeles ungleich länger. Aber das stillt die Sehnsucht nach diesem nächsten Schritt, der ersten Olympia-Medaille der Schweizer Leichtathletik seit 40 Jahren, in keiner Weise. Oder wie es Christoph Seiler mit einem Schmunzeln formuliert: «Es ist Zeit, Neo-Pensionär Werner Günthör als jüngsten Schweizer Olympiamedaillengewinner in der Leichtathletik abzulösen.»
Bereits auf der Zugfahrt von Paris nach Hause vor zwei Jahren skizziert der Verbandspräsident grobe Züge eines Konzepts, um dank zielgerichteter Unterstützung diesen letzten und zugleich schwierigsten Schritt hin zum Medaillengewinn auf der Weltbühne Olympia zu schaffen. Achtmal stand ein Schweizer bei Sommerspielen auf dem Podest. Noch nie eine Frau und noch nie zuoberst. Die Hälfte der Olympia-Medaillen geht auf das Konto von Gehern. Neben «Kugel-Werni» 1988 bleibt Markus Ryffel vier Jahre zuvor über 5000 m der einzige Schweizer Leichtathlet, dem dieses Kunststück in der Neuzeit gelang.
Verband sieht acht Chancen auf Medaille
Seit einigen Monaten steht dieses spezifische Fördermodell mit dem Titel «Next Level». Es unterstützt zum einen fünf Athletinnen und drei Athleten mit konkreten Massnahmen darin, das Potenzial für diesen Exploit in Los Angeles umzusetzen. Und es bietet zugleich Anreiz für die nächste Generation der Schweizer Hoffnungsträger. Letzteres in Form eines im November erstmals durchgeführten gemeinsamen Verbandstrainingslagers von rund 60 Swiss Starters in Stellenbosch in Südafrika. Dieser dreiwöchige Trip, der auch zu einem vermehrten Austausch von Trainerinnen und Trainern führen soll, wird nun jährlich wiederholt.
Philipp Bandi, Leistungssportchef von Swiss Athletics, sagt, dass das Miteinander der Betreuungspersonen durch sogenannte «Coaches Points» systematisch gefördert wird. Voneinander lernen, Hilfe bei aufkommenden Fragen leisten und verschiedene Themen im Plenum diskutieren, sollen das in der Schweizer Leichtathletik sehr heterogene und ehrenamtlich organisierte Betreuungswesen weiter stärken.
Kernstück des Projekts «Olympia-Medaille in L.A.» ist die Unterstützung von Mujinga Kambundji, Ditaji Kambundji, Annik Kälin, Audrey Werro, Angelica Moser, Simon Ehammer, Dominik Lobalu und Jason Joseph. Diesen acht Sportlern wird aktuell das grösste Potenzial für den Sprung aufs Podest attestiert. Im Gegensatz zur traditionellen Athletenförderung, die bei Swiss Athletics über monetäre Hilfe in unterschiedlicher Höhe je nach Kaderstatus funktioniert, werden hier auf individueller Basis spezifische Optimierungsschritte unterstützt.
Mehr als eine halbe Million dank Stiftungen
Zumeist wird mit konkreten Massnahmen in zusätzliche zeitliche Verfügbarkeiten der persönlichen Trainerinnen und Trainer investiert. Den Kambundjis wird eine Physiotherapeutin für ihre Wettkampfstarts zur Verfügung gestellt, Dominik Lobalu erhält eine Betreuungsperson für die Krafttrainings zur Seite. Und Simon Ehammer hat sich in einem Trainingslager in Los Angeles eine erste Prise Olympiafeeling einverleibt.
Christoph Seiler kümmert sich um die Finanzierung des Projekts. Von Beginn weg war klar, dass man nicht die traditionelle, nachhaltige Förderung konkurrenzieren und keine bestehenden finanziellen Mittel umschichten will. Bewusst ist man auch vom traditionellen Sponsoring weggekommen, «denn Sponsoring heisst stets auch Partnerschaft und beinhaltet eine Verfügbarkeit der Athletinnen und Athleten. Doch hier geht es im Sinn einer Optimierung darum, gerade nicht zusätzliche Verpflichtungen gegenüber Dritten zu schaffen», erklärt Seiler. Stattdessen hat der Präsident mehrere Stiftungen davon überzeugen können, sich am Projekt zu beteiligen. Gut eine halbe Million Franken sind so bislang zusammengekommen. Es sei ein laufender Prozess, die Anstrengungen gehen weiter.
Philipp Bandi, Leistungssportchef des Verbandes, sagt, es gehe jetzt für diese Athletinnen und Athleten darum, die letzte kleine Lücke zu schliessen. «Wir können gemeinsam mit den Athletinnen und Athleten und ihrem Umfeld dafür sorgen, dass die Chancen auf eine Medaille möglichst hoch sind. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass sich im Sport eine Medaille nicht kaufen lässt.» (schweizheute.ch)

