Sie machen Werbung für Putins Krieg – und werden als «neutrale» Athleten zugelassen
Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, reagierte die internationale Sportwelt entsetzt. Im März 2022 wurden russische Sportler von allen internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Sie sollten keine Möglichkeit haben, für Wladimir Putins Reich und Krieg Propaganda zu machen.
Mehr als vier Jahre später tobt der Krieg in der Ukraine immer noch. Jeden Tag bringen russische Raketen den Tod. Doch internationale Sportverbände scheint das blutige Geschehen nicht mehr zu entsetzen. Einer nach dem anderen lässt wieder russische Sportler zu. Zuletzt erlaubte das Exekutivkomitee des Internationalen Turnerbundes (World Gymnastics) russischen Sportlern die Teilnahme an Wettbewerben und öffnete damit vor allem Schützlingen von Alina Kabajewa, der Geliebten von Wladimir Putin, Tür und Tor. Sie dürfen gar unter russischer Nationalflagge und mit Nationalhymne auftreten.
Die Internationale Eislaufunion (ISU) geht nicht ganz so weit. Aber auch sie begrüsst Russlands Sportler jetzt wieder in ihren Wettbewerben. Ab der Saison 2026/27 dürfen russische und belarussische Sportler unter neutralem Status an internationalen Wettbewerben des Verbands teilnehmen.
Neutraler Status für mehr als 50 Sportler aus Russland
Über jeden Antrag werde einzeln entschieden, versichert die ISU. Die Voraussetzung für die Zulassung: Die Sportler dürfen nicht in den Streitkräften oder Sicherheitsorganen Russlands oder Belarus' dienen. Auch dürfen sie seit Februar 2022 nicht aktiv an Handlungen gegen die Ukraine beteiligt gewesen sein oder nach diesem Zeitpunkt öffentlich die Position Russlands unterstützt haben. Die ISU erklärte, eine Teilnahme sei nur möglich, wenn keine Belege für einen Verstoss gegen diese Regeln gefunden werden.
Mehr als 50 russische Sportler sind inzwischen zugelassen worden – unter ihnen auch jene, die in den letzten vier Jahren fleissig für Putins Regime Propaganda betrieben haben.
In Russland wird sie als «Putins neue Geliebte» bezeichnet
Der berühmteste Name ist der von Kamilla Walijewa. Mit 15 Jahren schrieb sie Geschichte – auch wenn die nur wenige Tage Bestand hatte. Als erste Eiskunstläuferin zeigte sie zwei Vierfachsprünge in ihrem Programm. Eine Sensation bei den Olympischen Spielen in Peking 2022. Nach dieser Leistung galt Walijewa als Jahrhunderttalent. Doch der Sturz der Eisprinzessin folgte noch schneller als ihr Aufstieg. Wenige Tage später schlitterte Walijewa ins Zentrum eines Dopingskandals. Der internationale Sportgerichtshof CAS sperrte Walijewa schliesslich für vier Jahre.
Doch jetzt ist die Sperre abgelaufen. Und die gefallene Eisprinzessin will auf ihre Bühne zurück. Und sie darf. Die ISU sprach ihr einen neutralen Status zu – trotz ihrer offenen Unterstützung für das Regime von Wladimir Putin. In den vergangenen vier Jahren nahm sie an zahlreichen Propagandaveranstaltungen teil, befürwortete Gesetze zur Verfolgung von Oppositionellen und Kriegsgegnern, liess sich von Putin Medaillen verleihen.
Im Februar 2024 trat Walijewa bei der Eröffnungszeremonie des Turniers «Spiele der Zukunft» in Kasan auf und sass auf der Tribüne neben dem Kremlchef. Der Auftritt löste in Russland wilde Spekulationen aus. Beobachter stellten eine grosse Ähnlichkeit zwischen Walijewa und Putins langjähriger geheimer First Lady Alina Kabajewa fest. Nicht nur äusserlich ähneln sich die beiden Frauen: Beide sind Olympia-Athletinnen. Prompt verpasste man Walijewa den Spitznamen «Putins neue Geliebte».
Putin liess es sich seinerseits nicht nehmen, die gefallene Eisprinzessin nach ihrem Dopingskandal mehrfach in Schutz zu nehmen. Die Eiskunstläuferin habe nicht von dem Dopingmittel gewusst, erklärte Putin erst vor einigen Monaten.
Inzwischen ist Walijewa unter die Fittiche keiner Geringeren als Tatjana Nawka gekommen, der Ehefrau des getreuen Sprechers von Putin, Dmitri Peskow. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass die heute 20-Jährige ihre Trainerin wechselt und der Eiskunstlaufakademie von Nawka beitritt.
Sie macht Propaganda für Putins traditionelles Familienbild
Eine weitere Eiskunstläuferin, die nun neutralen Status geniesst, ist Alexandra Trussowa. Bei Olympia 2022 zeigte sie in ihrer Kür fünf Vierfachsprünge – etwas, das zuvor keiner Frau gelungen war. Dennoch gewann sie nur Silber. «Ich hasse alle! Ich will nie wieder etwas mit Eiskunstlauf zu tun haben! Niemals, ich hasse diesen Sport! Ich werde nie wieder aufs Eis gehen», schimpfte sie damals.
Sie tat es dennoch. Wie Walijewa verdiente Trussowa ihr Geld in den letzten vier Jahren mit Auftritten in patriotischen Eis-Shows und Propagandasendungen des russischen Staats-TVs. Sie heiratete einen Eiskunstläufer und bekam 2025 einen Sohn. Seitdem hält das Paar das Kind in jede Kamera und schwärmt vom Familienleben und Mutterglück – ganz so wie es die Kreml-Propaganda verlangt.
Denn nicht nur der Angriffskrieg auf die Ukraine muss propagandistisch verpackt werden. Die russischen Frauen sollen nach dem Willen des Kreml unbedingt wieder mehr Kinder zur Welt bringen – und das möglichst früh. Damit diese Botschaft ankommt, werden Prominente eingespannt, die alle in fast wortgleichen Sätzen Werbung fürs Kinderkriegen machen. So wie nun die Eiskunstläuferin, die mit 22 Jahren ein hervorragendes Vorbild für junge Mütter und Ehefrauen abgeben soll.
Er schwört Eid auf Putins Armee
Zu den Sportlern, denen die ISU einen neutralen Status attestiert, zählt auch Mark Kondratjuk. Der Eiskunstläufer nahm nach der Olympiade 2022 nicht nur bereitwillig an einem Treffen mit Putin und dem damaligen Verteidigungsminister Sergei Schoigu teil, sondern trat im Juni 2022 der Sportkompanie des russischen Militärs bei. Er leistete einen Eid und erklärte im Anschluss: «Der Dienst in den Streitkräften der Russischen Föderation ist ein Dienst, den wir mit Ehre und Würde absolvieren müssen, damit unsere Familien und Angehörigen stolz auf uns sein können. Wir werden unseren Militärdienst aufrichtig und tapfer leisten.»
Als der Krieg in der Ukraine tobte, war Kondratjuk ein aktives Mitglied der russischen Streitkräfte. Der Verband hat bislang nicht erklärt, auf welcher Grundlage die ISU in seinem Fall Neutralität festgestellt haben will. (car/t-online)

