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Die lange Karriere von Tom Lüthi findet nach der laufenden Saison ihr Ende.
Die lange Karriere von Tom Lüthi findet nach der laufenden Saison ihr Ende.
Bild: Italy Photo Press

Tom Lüthi tritt zurück – der letzte «Saurier» geht und eine Ära ist zu Ende

Tom Lüthi (34) tritt per Ende Saison zurück. Nicht nur eine der grössten Karrieren unseres Motorsportes ist Geschichte. Die Töffwelt ist inzwischen eine ganz andere als zu Beginn seiner Laufbahn am Anfang dieses Jahrhunderts. Eine Ära ist zu Ende.
19.08.2021, 11:4519.08.2021, 13:05

Tom Lüthi hört nicht auf, weil er zu langsam geworden ist. Er beendet seine Karriere zum richtigen Zeitpunkt, weil die Welt eine andere geworden ist. Weil die anderen immer schneller werden.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Der Emmentaler hätte durchaus noch zwei, drei Jahre mitfahren und hin und wieder eine «Top Ten» Klassierung herausfahren können. Aber es macht für einen ehemaligen Weltmeister und 17-fachen GP-Sieger keinen Sinn, ohne Aussicht auf Siege und Spitzenklassierungen und bei geringerem finanziellem Ertrag in einer der anspruchsvollsten und gefährlichsten Sportarten Kopf und Kragen zu riskieren.

Anders als beispielsweise Roger Federer (dessen sportliche Situation durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit jener von Tom Lüthi hat) setzen die «Asphaltcowboys» bei jedem Einsatz Leben, Gesundheit und Existenz aufs Spiel. Der Entscheid, ob es sich lohnt, weiterzumachen oder nicht, hat im Motorradrennsport eine ganz andere Dimension als in «gewöhnlichen» Sportarten. Es geht auch – und das ist nicht dramatisiert – um Tod und Leben.

Die Parallele zu Roger Federer ist durchaus gewollt: 2005 wird Tom Lüthi Weltmeister der damals kleinsten Klasse (125 ccm) zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt. Vor Roger Federer. Wahrscheinlich der überraschendste Ausgang dieser Sportlerehrung. Natürlich ist Roger Federers Bedeutung im Weltsport im Quadrat hoch drei grösser als die von Tom Lüthi.

Roger Federer (l.) und Tom Lüthi bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2005.
Roger Federer (l.) und Tom Lüthi bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2005.
Bild: PHOTOPRESS

Aber aus helvetischer Sicht prägen beide als Titanen eine Ära. So wie Stan Wawrinka nie aus dem Schatten von Roger Federer treten konnte, so ist es Dominique Aegerter nie gelungen, zu werden wie Tom Lüthi. Wie Roger Federer weltweit ist auch Tom Lüthi zumindest auf nationaler Ebene in seinem Sport das Mass aller Dinge

Der grösste Erfolg seiner Karriere: Tom Lüthi feiert den Weltmeistertitel 2005.
Der grösste Erfolg seiner Karriere: Tom Lüthi feiert den Weltmeistertitel 2005.
Bild: keystone

Wann sehen wir den nächsten Tom Lüthi? Wahrscheinlich nicht einmal in 100 Jahren. Das mag nun eine gar provokante Aussage sein. Wir neigen dazu, die Bedeutung einer Athletin oder eines Athleten als Zeitgenossen zu überschätzen. Ein paar Jahre später erinnern wir uns nur noch vage an die sportlichen Heldentaten. Weil längst ein neuer Titan seinen Platz eingenommen hat.

Aber im Fall von Tom Lüthi ist es anders. Er bleibt auch wegen der äusseren Umstände einmalig.

Die Töffwelt ist inzwischen eine ganz andere als zu Beginn seiner Laufbahn am Anfang dieses Jahrhunderts. Es genügt längst nicht mehr, Tod und Teufel nicht zu fürchten und eine Höllenmaschine am Rande der Todeszone zu steuern, ohne mit den Wimpern zu zucken.

Eine Karriere ist nur noch möglich, wenn einer auch in den Büros der Werbegeneräle und bei öffentlichen Auftritten ein Meister seines Faches ist. Um es salopp zu sagen: Um eine Tennis-Karriere oder eine Fussball-Laufbahn zu starten, genügen sportliche Schuhe, kurze Hosen und ein Racket oder ein Ball. Wer ein internationaler Töffstar werden will, braucht inzwischen ein Anschubkapital von mindestens einer Million und kluge, international vernetzte Berater.

Alle Faktoren müssen stimmen: Talent, persönliches Umfeld, wirtschaftliche Situation. Es kann in einem Land wie der Schweiz Jahre dauern, bis ein Fahrer wieder alle Voraussetzungen mitbringt, um ganz nach oben zu kommen. Tom Lüthi ist der letzte «Saurier», der in einer Zeit seine Karriere begonnen hat, als es noch mit weniger Geld ging.

Noch entscheidender: Die Welt ist eine andere geworden. Dorna, der spanische Besitzer aller GP-Rechte, bildet die Nachwuchsfahrer über eigene Rennserien selbst aus. Inzwischen haben wir so viele so gute und so junge Weltklassepiloten wie noch nie in der GP-Geschichte (seit 1949). Und als logische Folge: Noch nie waren Rennen auf allen Stufen bis hinauf in der «Königsklasse» so intensiv, so ausgeglichen, ja gnadenlos und auf so hohem Niveau.

Tom Lüthis bisher letzter Rennsieg.

Diese Revolution frisst die «Wunderkinder»: Es ist künftig nicht mehr möglich, auf höchstem Niveau über einen so langen Zeitraum zu dominieren oder zumindest einen Platz in den vorderen Rängen zu behaupten wie in den letzten 20 Jahren. Die Konkurrenz ist einfach zu stark geworden.

Tom Lüthi ist ein Opfer dieser Entwicklung in einer Sportart, die sich stürmischer verändert als jede andere. Er fährt nicht langsamer als vor drei Jahren. Aber die anderen viel schneller und rücksichtsloser. Er hat im Zeitraum von 20 Jahren mehr als 300 GP bestritten (nur Valentino Rossi ist von noch aktiven Fahrern öfter am Start gestanden) und ist immer noch dazu in der Lage, in die «Top Ten» zu fahren. Er ist auch so gesehen der letzte «Saurier» aus einer Zeit, die es nicht mehr geben wird.

Tom Lüthi im Zahlenporträt
6. September 1986. Grösse: 172 cm. Gewicht: 67 kg.
GP-Debüt: 19. Juli 2002 (Sachsenring/26. Platz in 125-ccm-Klasse).
Erster Sieg: 15. Mai 2005 (Le Mans/125 ccm).
Anzahl Grands Prix: 311 (18 MotoGP, 179 Moto2, 47 250 ccm, 67 125 ccm).
Grösste Erfolge: 125-ccm-Weltmeister 2005, WM-2. Moto2 2016 und 2017, WM-3. Moto2 2019, 17 GP-Siege, 65 Podestplätze, 12 Pole-Positions, 19 schnellste Rennrunden.
Saison 2021 (nach 11 Rennen): WM-23. (11 Punkte).

Unter den neuen Verhältnissen ist eine so lange Karriere auf so hohem Niveau nicht mehr möglich. Mit Tom Lüthis Rücktritt ist eine Ära zu Ende gegangen.

Tom Lüthi kümmert sich ab nächster Saison im Auftrag eines deutschen Teams um die Förderung junger Piloten. Auch wenn er perfekte Arbeit leistet (und das wird er) – den nächsten Tom Lüthi kann auch er in der neuen, rauen Welt nicht mehr formen.

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quelle: semedia / luciano bianchetto/semedia
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