Die Schweiz erlebt an der Leichtathletik-EM in Rom einen historischen Tag. Gleich zwei Goldmedaillen gibt es zu feiern, dazu noch eine bronzene. Angelica Moser gewinnt den Wettbewerb im Stabhochsprung, Timothé Mumenthaler läuft praktisch aus dem Nichts zu Gold über 200 Meter und William Reais rundet das exzellente Ergebnis mit Rang drei im gleichen Rennen ab. Das sagen die Schweizer Medaillenhelden (und die Heldin) über ihre Leistungen:
Es ist bezeichnend für den Coup: «Wer ist Timothé Mumenthaler?» lautet die erste Frage, die der Überraschungs-Europameister über 200 m in der Medienrunde zu beantworten hat. Er sagt:
Dass der angehende EPFL-Ingenieur im Kopf für Grosstaten bereit ist, bewies er bereits beim Einlauf ins Stadion, bei dem die Athleten einzeln im Lichtkegel präsentiert werden. Mumenthaler warf sich nicht in Pose oder winkte in die Kamera, sondern er imitierte mit der Hand einen Telefonanruf. Mit dieser Geste, so sagt er, habe er sich mental nochmals einen Kick gegeben.
Und nach dem Goldlauf auf der Aussenbahn schrie er in die Kamera «Money Time!» Frei übersetzt: Ich habe geliefert, zückt bitte die Scheckkarte. Im Bauch des Stadio Olimpico zeigt er dann weniger Emotionen, keine Allüren, wirkt gefasst und gesteht:
Mumenthaler, der ein paar Wörter Deutsch spricht, betreibt seit seiner Kindheit Leichtathletik. Zum Durchbruch verhalf ihm in den letzten drei Jahren Coach Kevin Widmer, einst Schweizer Rekordhalter über 200 m. «Ich habe einen natürlichen Laufstil. Kevin zeigt mir Wege, um diesen zu bewahren, obwohl ich im Sprint zur Bestie werde, zum Gepard, der die Gazelle jagt.»
Erstmals seit 1969 in Athen standen am Montagabend in Rom zwei Schweizer an einer EM im Final über 200 m. Damals gewann Philippe Clerc auch Gold, Hansruedi Widmer schaffte es nicht aufs Podest. William Reais im Jahr 2024 hingegen schon. In einem Rennen, dass als offen galt, sprintete er zu Bronze.
Die Medaille entschädigt Reais für harte Jahre. Der Churer, U23-Europameister im Jahr 2021 und Olympia-Teilnehmer von Tokio, beklagte vor zweieinhalb Jahren einen Sehnenriss im Fussgewölbe. Nun ist er wieder zurück. Er trainiert in Bern mit den Kambundji-Schwestern. Mujinga Kambundji, die eine Stunde vor Reais und Mumenthaler in den Halbfinals über 200 mit der zweitbesten Zeit («Jetzt hat es doch noch klick gemacht») verblüffte, dürfte am Dienstagabend als dritte dieser Trainingsgruppe aufs EM-Podest von Rom sprinten.
Als Angelica Moser zum Pressetermin erscheint, machen sich Mumenthaler und Reais in den Startblöcken bereit – alle schauen auf den grossen Screen. Die Europameisterin im Stabhochsprung bejubelt den Europameister im Sprint. «Es ist alles noch unrealistisch, noch nicht angekommen. Aber einfach schön», sagt die 26-Jährige und beschreibt so zugleich ihre Gefühlslage wie auch den TV-Moment.
Der Goldmedaille samt Schweizer Rekord (4,78 m) wurde nach einem harzigen Start in den Wettkampf Tatsache. «Es hat viel Nerven gebraucht, mehr, als mir lieb war», sagt Angelica Moser zu den zwei Fehlversuchen bei der Einstiegshöhe. Die Worte von Trainer Adrian Rothenbühler, «Du musst vom Panik-Modus in den Chef-Modus wechseln», wusste sie dann umzusetzen.
Die WM-Fünfte 2023 und EM-Vierte 2022 wollte den Weckruf aber nicht dramatisieren:
Auf die Zürcherin ist an Grossanlässen Verlass, auch wenn sie schon ein paar Mal knapp am Podest vorbeiflog. Im Rom holte sie ihren achten (!) Titel an internationalen Meisterschaften: Sechsmal im Nachwuchs-Bereich plus einen Sieg an Hallen-EM 2021. Sie hat noch nie Silber oder Bronze gewonnen, dafür achtmal Gold.
Angelica Moser ist nach Lea Sprunger (2018 über 400 m Hürden) und Mujinga Kambundji (2022 über 200 m) erst die dritte Schweizer Frau, die an einer EM im Freien Gold gewonnen hat.
Mosers Trainer Adrian Rothenbühler bezeichnete ihre Form vor dem Final als «hervorragend». Mitte Mai gewann die in Texas geborene Zürcherin in Marrakesch mit übersprungenen 4,73 m erstmals ein Meeting der Diamond League, sieben Tage später siegte sie mit 4,71 m auch an einem Meeting in Nancy.
Von daher gehörte Moser zu den Medaillenkandidatinnen und lieferte einmal mehr an einem Grossanlass ab. Mit 4,78 m, die sie im ersten Versuch überquerte, egalisierte sie den Schweizer Rekord im Freien ihrer einstigen Trainerin Nicole Büchler, die in der Halle schon 4,80 m erzielt hat. Moser war zuvor nie höher als 4,75 m gesprungen.
(con/sda)
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