Sport
Schweiz

Leichtathletik-EM Rom: Moser, Mumenthaler und Reais holen Medaillen

Gold medalist Angelica Moser of Switzerland celebrates during the women's pole vault final at the European Athletics Championships, in the Olympic stadium, in Rome, Italy, Monday, June 10, 2024.  ...
Angelica Moser zelebriert ihren EM-Titel mit der Schweizer Flagge.Bild: keystone

Historischer Schweizer Tag in Rom: Das sagen die Medaillenhelden

Die Schweizer Delegation schafft in Rom Historisches. Die Reaktionen zu einem verrückten Leichtathletik-Abend an der EM in Rom, der Swiss Athletics zweimal Gold und eine Bronzemedaille beschert.
10.06.2024, 22:0611.06.2024, 08:46
Mehr «Sport»

Die Schweiz erlebt an der Leichtathletik-EM in Rom einen historischen Tag. Gleich zwei Goldmedaillen gibt es zu feiern, dazu noch eine bronzene. Angelica Moser gewinnt den Wettbewerb im Stabhochsprung, Timothé Mumenthaler läuft praktisch aus dem Nichts zu Gold über 200 Meter und William Reais rundet das exzellente Ergebnis mit Rang drei im gleichen Rennen ab. Das sagen die Schweizer Medaillenhelden (und die Heldin) über ihre Leistungen:

Timothé Mumenthaler über seinen Gold-Run

Es ist bezeichnend für den Coup: «Wer ist Timothé Mumenthaler?» lautet die erste Frage, die der Überraschungs-Europameister über 200 m in der Medienrunde zu beantworten hat. Er sagt:

«Ich habe einen Hunger nach grossen Events, ich liebe die grossen Chancen, ich habe Ambitionen, ich will die Leute inspirieren.»
Gold medalist Timothe Mumenthaler of Switzerlandin action during the men's 200 meters final at the European Athletics Championships, in the Olympic stadium, in Rome, Italy, Monday, June 10, 2024. ...
Wie ein Gepard, der eine Gazelle jagt: So beschreibt Mumenthaler seinen Laufstil.Bild: keystone

Dass der angehende EPFL-Ingenieur im Kopf für Grosstaten bereit ist, bewies er bereits beim Einlauf ins Stadion, bei dem die Athleten einzeln im Lichtkegel präsentiert werden. Mumenthaler warf sich nicht in Pose oder winkte in die Kamera, sondern er imitierte mit der Hand einen Telefonanruf. Mit dieser Geste, so sagt er, habe er sich mental nochmals einen Kick gegeben.

«Es war ein 'business call' an mich selber, der mich daran erinnern sollte, die Arbeit abzuliefern. Life is a business. Sport as a business. Just do it!»

Und nach dem Goldlauf auf der Aussenbahn schrie er in die Kamera «Money Time!» Frei übersetzt: Ich habe geliefert, zückt bitte die Scheckkarte. Im Bauch des Stadio Olimpico zeigt er dann weniger Emotionen, keine Allüren, wirkt gefasst und gesteht:

«Gold hatte ich nicht auf der Rechnung. Eine Medaille wollte ich aber schon.»

Mumenthaler, der ein paar Wörter Deutsch spricht, betreibt seit seiner Kindheit Leichtathletik. Zum Durchbruch verhalf ihm in den letzten drei Jahren Coach Kevin Widmer, einst Schweizer Rekordhalter über 200 m. «Ich habe einen natürlichen Laufstil. Kevin zeigt mir Wege, um diesen zu bewahren, obwohl ich im Sprint zur Bestie werde, zum Gepard, der die Gazelle jagt.»

Nach harten Jahren: William Reais mit grosser Genugtuung

Erstmals seit 1969 in Athen standen am Montagabend in Rom zwei Schweizer an einer EM im Final über 200 m. Damals gewann Philippe Clerc auch Gold, Hansruedi Widmer schaffte es nicht aufs Podest. William Reais im Jahr 2024 hingegen schon. In einem Rennen, dass als offen galt, sprintete er zu Bronze.

«Ich bin einfach gelaufen. Ich habe abgeschaltet, kann mich an nichts mehr erinnern, habe nur Timothé auf der eins gesehen.»

Die Medaille entschädigt Reais für harte Jahre. Der Churer, U23-Europameister im Jahr 2021 und Olympia-Teilnehmer von Tokio, beklagte vor zweieinhalb Jahren einen Sehnenriss im Fussgewölbe. Nun ist er wieder zurück. Er trainiert in Bern mit den Kambundji-Schwestern. Mujinga Kambundji, die eine Stunde vor Reais und Mumenthaler in den Halbfinals über 200 mit der zweitbesten Zeit («Jetzt hat es doch noch klick gemacht») verblüffte, dürfte am Dienstagabend als dritte dieser Trainingsgruppe aufs EM-Podest von Rom sprinten.

Gold medalist Timothe Mumenthaler of Switzerland, left, and bronze medalist William Reais of Switzerland, right, celebrate during the men's 200 meters final at the European Athletics Championship ...
Ein Foto für die Sport-Geschichtsbücher: Timothé Mumenthaler und William Reais freuen sich über ihre Medaillen über 200 Meter.Bild: keystone

Endlich nicht mehr Vierte: Angelica Moser über ihren Goldsprung

Als Angelica Moser zum Pressetermin erscheint, machen sich Mumenthaler und Reais in den Startblöcken bereit – alle schauen auf den grossen Screen. Die Europameisterin im Stabhochsprung bejubelt den Europameister im Sprint. «Es ist alles noch unrealistisch, noch nicht angekommen. Aber einfach schön», sagt die 26-Jährige und beschreibt so zugleich ihre Gefühlslage wie auch den TV-Moment.

Der Goldmedaille samt Schweizer Rekord (4,78 m) wurde nach einem harzigen Start in den Wettkampf Tatsache. «Es hat viel Nerven gebraucht, mehr, als mir lieb war», sagt Angelica Moser zu den zwei Fehlversuchen bei der Einstiegshöhe. Die Worte von Trainer Adrian Rothenbühler, «Du musst vom Panik-Modus in den Chef-Modus wechseln», wusste sie dann umzusetzen.

Die WM-Fünfte 2023 und EM-Vierte 2022 wollte den Weckruf aber nicht dramatisieren:

«Zum Stabhochsprung gehört, dass Du ab und zu in den Dritten musst. Ich wusste, dass ich es kann.»

Auf die Zürcherin ist an Grossanlässen Verlass, auch wenn sie schon ein paar Mal knapp am Podest vorbeiflog. Im Rom holte sie ihren achten (!) Titel an internationalen Meisterschaften: Sechsmal im Nachwuchs-Bereich plus einen Sieg an Hallen-EM 2021. Sie hat noch nie Silber oder Bronze gewonnen, dafür achtmal Gold.

Angelica Moser ist nach Lea Sprunger (2018 über 400 m Hürden) und Mujinga Kambundji (2022 über 200 m) erst die dritte Schweizer Frau, die an einer EM im Freien Gold gewonnen hat.

Mosers Trainer Adrian Rothenbühler bezeichnete ihre Form vor dem Final als «hervorragend». Mitte Mai gewann die in Texas geborene Zürcherin in Marrakesch mit übersprungenen 4,73 m erstmals ein Meeting der Diamond League, sieben Tage später siegte sie mit 4,71 m auch an einem Meeting in Nancy.

Von daher gehörte Moser zu den Medaillenkandidatinnen und lieferte einmal mehr an einem Grossanlass ab. Mit 4,78 m, die sie im ersten Versuch überquerte, egalisierte sie den Schweizer Rekord im Freien ihrer einstigen Trainerin Nicole Büchler, die in der Halle schon 4,80 m erzielt hat. Moser war zuvor nie höher als 4,75 m gesprungen.

(con/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Alle Leichtathletik-Weltrekorde
1 / 49
Alle Leichtathletik-Weltrekorde
Männer– 100 Meter: Usain Bolt (JAM), 9,58 Sekunden, 2009 in Berlin.
quelle: ap / gero breloer
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Du findest Treppensteigen anstrengend? Ditaji Kambundji macht mit ihnen kurzen Prozess
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
24 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ohmann94
10.06.2024 22:14registriert November 2015
Herzliche Gratulation! Was für eine grossartige Sportlerin. Schon früher auf dem Wettkampfplatz immer eine bewundernswerte Person.
721
Melden
Zum Kommentar
avatar
Rannen
10.06.2024 22:17registriert Januar 2018
Gratulation, was für eine Leistung vor allem unter der Berücksichtigung der
Vorgeschichte
552
Melden
Zum Kommentar
avatar
Hey! Ho! Let's Go
10.06.2024 22:18registriert Februar 2022
Nerven wie Drahtseile! unglaubliche Leistungssteigerung nach den zwei Nullern auf 4.43 und somit verdiente Europameisterin.
501
Melden
Zum Kommentar
24
Schon mal was von «Car-Jitsu» gehört? Schnall dich an (oder vielleicht besser nicht) …

Schon mal was von «Car-Jitsu» gehört? Nein? Nun, wenn man die einzelnen Bestandteile dieses Wortes auseinandernimmt, haben wir einerseits «Car», das englische Wort für Auto, und «Jitsu» – das kommt von der Kampfsportart Jiu-Jitsu. Und «Car-Jitsu» ist genau das: (brasilianisches) Jiu-Jitsu im Innenraum eines Autos. Es ist unorthodox, löst nur schon beim Zuschauen Klaustrophobie aus und erinnert an Actionfilmszenen. Und begeistert genau darum immer mehr Menschen:

Zur Story