«Cry Baby», Federer-Kritik und WC-Zoff: Stan Wawrinka steht vor Abschied aus Davis Cup
Kaum ein Schweizer Tennisspieler hat den Davis Cup so geprägt wie Stan Wawrinka. Zwischen Debüt, Titelgewinn und Abschied liegen über zwei Jahrzehnte voller Höhen, Tiefen und unvergesslicher Geschichten.
Die Lehrjahre mit «Monsieur Federer»
Im September 2003 ist Stan Wawrinka erstmals Teil des Davis-Cup-Teams, muss aber mitansehen, wie Roger Federer im Halbfinal gegen Australien gegen Lleyton Hewitt nach einer 7:5 6:2, 5:3-Führung noch verliert. Ein halbes Jahr später spricht Wawrinka noch immer von «Monsieur Federer», und bezwingt den Baselbieter, der gerade die Australian Open gewonnen hatte und erstmals die Nummer 1 der Welt geworden war, im Training, was Captain Marc Rosset jovial knurren («Es ist nicht klug, die Nummer 1 zu besiegen...») und den 18-jährigen Wawrinka erröten lässt. Seinen ersten Einsatz hat er gegen Victor Hanescu im rumänischen Cluji (Niederlage in drei Sätzen), als die Begegnung bereits entschieden ist. Die ersten drei Einzel verliert der Romand, ehe er im Herbst 2005 gegen Grossbritannien seine beiden ersten Siege feiert, darunter gegen Andy Murray. Ab da ist Stan Wawrinka als zweiter Einzelspieler neben Federer gesetzt.
Ein Captain ohne König und Kritik von Federer
Während sich Stan Wawrinka in der erweiterten Weltspitze etabliert und der Davis Cup für ihn zur Herzensangelegenheit wird, spielt er für Roger Federer in der ersten Blütezeit seiner Karriere nur eine Nebenrolle. Immer wieder sagt er Partien ab. Kritik wird erst laut, als die Schweiz 2010 nach einem desolaten Auftritt gegen Kasachstan (0:5) zum zweitenmal nach 2008 aus der Weltgruppe ausscheidet. Federer hatte erst 48 Stunden davor wegen Müdigkeit abgesagt, während Wawrinka trotz Krankheit spielt.
2012 stand die Schweizer Niederlage im Halbfinal gegen die USA in Freiburg schon nach den zwei ersten Einzeln und dem Doppel fest. Nach dem Doppel (Federer: «Ich habe gut gespielt, Stan nicht schlecht. Aber er stolperte oft in seinen Aufschlagspielen.») kritisierte Federer (er verlor im Einzel gegen Isner) den neben ihm sitzenden Wawrinka. Dieser habe im Einzel «nicht sein bestes Tennis» gezeigt. Tags darauf tauchte der Romand nicht mehr in der Halle auf und blieb stattdessen im Hotel in Montreux. Im Jahr darauf verzichtete Federer ganz auf Einsätze im Davis Cup.
«Cry Baby»-Affäre, Toilettenzoff und Titelrausch
Nachdem Wawrinka im Januar 2014 mit den Australian Open sein erstes Grand-Slam-Turnier gewinnt, bekennt sich Federer wieder zum Davis Cup. Nach Siegen gegen Serbien, Italien und Kasachstan erreicht die Equipe zum zweitenmal nach 1992 den Final. Die Begegnung gegen Frankreich steht allerdings unter keinem guten Stern. Sieben Tage davor bezwingt Federer Wawrinka im Halbfinal der World Tour Finals, nachdem er vier Matchbälle abgewehrt hatte. In der nervenaufreibenden Schlussphase bezeichnet Federers Ehefrau Mirka Wawrinka als «Cry Baby» (Heulsuse). Danach kommt es in den Katakomben der Londoner O2-Arena zu einer Auseinandersetzung und einem Wortgefecht zwischen den zwei Spielern. «Zum Glück gab es damals keine Kameras», erzählte Wawrinka später.
Der Zwist ist schnell befriedet, das gemeinsame Ziel verbindet und eine andere Sorge tritt in den Vordergrund: Tags darauf kann sich Federer «nicht einmal mehr normal bewegen», so heftige Rückenschmerzen hat er nach dem dreieinhalbstündigen Spiel. Zum Final gegen Novak Djokovic kann er nicht antreten. Fünf Tage vor dem Davis-Cup-Final beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Teamarzt Roland Biedert und Physiotherapeut Daniel Troxler wurden noch in der Nacht auf Sonntag eingeflogen, sie arbeiten unermüdlich an Federers blockierter Lendenwirbelsäule. Mit Erfolg: Eine Woche später steht Federer wieder auf dem Platz, verliert aber gegen Gaël Monfils, während Wawrinka Jo-Wilfried Tsonga bezwingt.
Diesmal ist er es, der das Olympia-Sieger-Doppel von Peking 2008 trägt. «Es war unglaublich, mit wie viel Energie und auf welch hohem Niveau er agierte. Mir kam es vor, als könnte ihn an diesem Wochenende gar nichts erschüttern», erzählte Captain Severin Lüthi nach dem Dreisatzsieg. Am Tag darauf besiegelt Federer mit einem Erfolg gegen Richard Gasquet den bisher einzigen Schweizer Sieg im Davis Cup. Eine Woche nach dem Disput in London liegen sich Wawrinka und Federer wieder in den Armen.
Als Wawrinka gefragt wird, wie viel Champagner er und seine Kollegen bereits getrunken hätten, sagt Wawrinka, sie seien bisher beim Wasser geblieben, und legt nach: «Sie haben die Flaschen in die Kabine der Franzosen gestellt. Sie mussten sie dann aber schnell in unsere bringen.» Bei den Verlierern kommt das gar nicht gut an. Mehrere Franzosen passen Wawrinka danach auf der Herrentoilette ab und geigen ihm ihre Meinung.
Abstinenz und Abschied als Teamsenior
Wawrinka und Federer spielen danach nur noch einmal gemeinsam im Davis Cup, im Jahr darauf beim Erfolg gegen die Niederlande. Für Federer sollte es der letzte Auftritt bleiben, Wawrinka kehrt erst 2023, nach acht Jahren Unterbruch, zurück. Nun endet für Wawrinka in Rio de Janeiro, im Alter von 41 Jahren, eine Reise, die vor über 22 Jahren begonnen hatte. (schweizheute.ch/car)

