Hockey-Drama «Summit Series» – sogar eine Zeitung wird aufgegessen
Die «Summit Series» sind weit mehr als eine Serie von acht Spielen zwischen dem 2. und 28. September 1972. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen zwei Eishockeykulturen und zwei Gesellschaftssystemen mitten im Kalten Krieg. Zum ersten Mal treten die kanadischen NHL-Stars gegen die UdSSR, das beste «Amateur-Team» an. Am Ende wird ein einziges Tor in Moskau entscheiden.
Der Triumph der NHL-Stars über die Sowjets hat für Kanada eine ähnliche gesellschaftliche und patriotische Bedeutung wie der WM-Titel im Fussball von 1954 für Deutschland oder das «Miracle on Ice» (Olympiasieg der Amerikaner 1980) für die USA und ist bis heute das wichtigste Ereignis in der kanadischen Sportgeschichte. Zumal Eishockey in Kanada als Nationalsport in der Verfassung verankert ist. Über kein anderes Eishockey-Ereignis gibt es in Kanada eine so umfangreiche Literatur.
Vor dieser über acht Partien laufenden Serie ist klar: Die NHL-Stars sind mit Abstand die besten Spieler der Welt. Unbesiegbar.
Nie gibt es im internationalen Hockey vor einem Spiel mehr Überheblichkeit und Arroganz als vor der Eröffnungspartie der Summit Series am 2. September 1972 im Forum zu Montreal.
Der kanadische Kolumnist Dick Beddoes schreibt am 29. August in der Zeitung «The Globe and Mail», Kanada werde alle acht Partien gewinnen, und er werde die Zeitung mit seiner Kolumne in einen Topf Borschtsch (ein russisches Gericht) schnetzeln und auf den Stufen zur sowjetischen Botschaft aufessen, wenn Kanada auch nur ein Spiel verlieren sollte.
Er hat sein Versprechen gleich nach der ersten Niederlage eingelöst.
Das Problem: Niemand konnte die Ausgangslage einschätzen. Die NHL-Stars spielten zuvor noch nie gegen ein europäisches Nationalteam. Bei der WM werden sie erst 1977 zugelassen, beim olympischen Turnier erstmals 1998. Es hatte noch nie einen Direktvergleich gegeben.
Dieses Gipfeltreffen mit vier Spielen in Kanada (Montréal, Toronto, Winnipeg, Vancouver) und vier in Moskau sorgt schon vor dem ersten Puckeinwurf für viel Gesprächsstoff. Bobby Hull, der populärste Stürmer seiner Epoche, wird nicht aufgeboten. Er hat werbewirksam die NHL (Chicago) verlassen und im Sommer 1972 für eine Million Dollar bei Winnipeg in der neu gegründeten Konkurrenzliga (und 1979 wieder aufgelösten) World Hockey Association (WHL) unterschrieben. Der einflussreiche Toronto-Star macht sich mit dem Slogan «To Russia with Hull» (in Anlehnung an den damals populären James-Bond-Film «From Russia with Love») in einer landesweiten Kampagne für die Nomination stark.
Aber der Einfluss der NHL ist zu gross. Auf den «Verräter» Bobby Hull wird verzichtet. Und Bobby Orr, der beste Verteidiger der Welt, ist verletzt.
Das erste Spiel am 2. September im Forum zu Montréal versetzt Kanada in Schockstarre. Die Kanadier führen bereits nach 6:32 Minuten 2:0. Aber die Sowjets gewinnen 7:3. Sie haben die Kanadier mit Tempo, präzisem Passspiel, Disziplin und Spielintelligenz vorgeführt.
Die Kanadier reagieren. Mit Härte und Leidenschaft. Bobby Clarke wird Waleri Charlamow im 6. Spiel mit einem Stockschlag den Knöchel brechen. Es geht um die nationale Ehre. Nach vier Spielen steht die Serie 2:1 für die Sowjets:
- 2. September Kanada – UdSSR 3:7
- 4. September Kanada – UdSSR 4:1
- 6. September Kanada – UdSSR 4:4
- 8. September Kanada – UdSSR 3:5
Und nun vier Partien in Moskau
- 22. September UdSSR – Kanada 5:4
- 24. September UdSSR – Kanada 2:3
- 26. September UdSSR – Kanada 3:4
Beide Teams haben je dreimal gewonnen. Das achte und letzte Spiel wird also die Entscheidung bringen – oder im Falle eines Unentschiedens (Verlängerungen gibt es noch nicht) endet die Serie ohne Sieger.
Ken Dryden, Tony und Phil Esposito, Paul Henderson, Bobby Clarke, Serge Savard, Yvan Cournoyer, Peter und Frank Mahovlich, Stan Mikita, Gilbert Perreault und Brad Park.
Für die UdSSR unter Coach Wsewolod Bobrow:
Wladislaw Tretjak, Alexander Ragulin, Waleri Wasiliew, Boris Michailow, Wladimir Petrow, Waleri Charlamow, Alexander Jakuschew, Alexander Maltsew, Wladimir Schadrin.
Die Kanadier gewinnen am 28. September in Moskau 6:5. Die Sowjets führen nach zwei Dritteln 5:3. Die Kanadier erzwingen die Wende und 34 Sekunden vor Schluss erzielt Paul Henderson von den Toronto Maple Leafs das 6:5. Dieser Treffer macht ihn zur Legende und ist bis heute das wichtigste Tor der kanadischen Hockey-Geschichte und kommt noch vor Sidney Crosbys «Golden Goal» in der Verlängerung des Olympia-Finals von 2010 gegen die USA. Dieses historische Spiel wird von zwei deutschen Schiedsrichtern geleitet: Franz Baader und Josef Kompalla. Die beiden hatten bereits das sechste Spiel geleitet, Kanadas Coach Harry Sinden fluchte über die schlechteste Schiedsrichterleistung, die er je erlebt habe, und die Kanadier protestierten umsonst gegen ihre Nomination für die alles entscheidende Partie.
Im letzten Augenblick hat das «kapitalistische» Hockey mit Härte und charismatischen Stars gegen das «sozialistische» Hockey mit einem faszinierenden Kollektiv triumphiert. Aber nun ist klar: Das internationale Hockey ist nicht einfach eine schwächere Version der NHL. Torhüter Wladislaw Tretjak, der alle acht Partien bestritt, wird auch in Kanada zu einer Legende. Zwei unterschiedliche Hockey-Kulturen – die NHL-Superstars gegen das perfekte Kollektiv der Sowjets – auf Augenhöhe.
Paul Henderson ist der strahlende Held der «Summit Series». Es gibt aber auch einen tragischen Helden. Alan Eagleson. Sein Aufstieg und sein tiefer Fall haben Kanada jahrelang beschäftigt. Der Rechtsanwalt aus Toronto ist Spieleragent und Boss der NHL-Spielergewerkschaft. Er fädelt diese Serie an vorderster Front ein, ist jahrelang die einflussreichste Persönlichkeit im kanadischen Eishockey und wird auch den Canada Cup (ab 1976) orchestrieren und beim Turnier bis zur Austragung von 1991 eine zentrale Rolle spielen. Diese Machtfülle wird ihm zum Verhängnis. Er klemmt die Finger in zu vielen Kassen ein.
Den Anfang vom Ende läutet Bobby Orr ein. Alan Eagleson ist nicht nur sein Agent, sondern auch sein Berater. Nach seiner Karriere steht der einst bestverdienende Hockey-Profi der Welt vor erheblichen finanziellen und steuerlichen Problemen. Zwar können sich die beiden Anfang der 1980er Jahre gegen eine Zahlung von 620'000 Dollar aussergerichtlich einigen.
Aber Bobby Orr wird einer der wichtigsten Zeugen bei den nun anlaufenden Ermittlungen, die auch durch den Chronisten Russ Conway Anfang der 1990er Jahre befeuert werden. Sein Buch «Game Misconduct» trägt zur strafrechtlichen Untersuchung bei. In den USA ermittelt gar das FBI und es kommt zur Anklage in 34 Punkten. Am 6. Januar 1998 wird Alan Eagleson in Boston wegen Betrugs und Veruntreuung zu einer Geldstrafe von 697'810 Dollar und einem Jahr Haft auf Bewährung verknurrt.
Einen Tag später bekennt er sich in Toronto in drei Fällen des Betrugs schuldig. Im Wesentlichen geht es um Gelder, die er als Agent von seinen Spielern veruntreut und um Gelder, die er rund um den Canada Cup in die eigene Tasche gesteckt hat. Er wird zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt und kommt nach sechs Monaten im Juli 1998 auf Bewährung frei. Aber er ist gesellschaftlich ruiniert, verliert seine Zulassung als Anwalt und den «Order of Canada», die höchste zivile Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. Er ist bis heute der einzige, dem diese Ehre wieder entzogen worden ist. Der einst mächtigste und neben dem Eis berühmteste Mann des kanadischen Hockeys tritt freiwillig aus der Hall of Fame aus und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er stirbt am 17. März 2015 im Alter von 82 Jahren.
