«Lieber gar nicht hinschauen»: Das ungewöhnliche Erfolgsrezept von Noemi Rüegg
«Es ist eine Etappe, die recht gut auf mich zugeschnitten ist.» Noemi Rüegg redet nicht um den heissen Brei, wenn es um die 1. Etappe der Tour de France geht. Es wird in mehrerer Hinsicht ein besonderer Tag. Einerseits, weil die Frankreich-Rundfahrt das bedeutendste Rennen der Saison ist, weil sie in diesem Jahr in der Schweiz beginnt und noch dazu am Schweizer Nationalfeiertag.
Da ist aber auch die Tatsache, dass es Rüeggs erster Renneinsatz seit drei Monaten sein wird. An der Spanien-Rundfahrt hatte die 25-Jährige in beeindruckender Manier die Auftaktetappe gewonnen, aber das Rennen tags darauf nach einem Sturz aufgeben müssen. Eine gebrochene Schulter zwang Rüegg zu einer längeren Pause. Auch wenn sie längst wieder fit ist, bleibt offen, ob sie den fehlenden Rennrhythmus kaschieren und gleich wieder vorne mitfahren kann.
«Kurze, knackige Anstiege liegen mir besonders gut»
Ob ihr das gelingt, hängt nicht nur von der Form ab. Rüegg gehört zu den Fahrerinnen, die Rennen bis ins kleinste Detail vorbereiten – lange bevor sie im Sattel sitzen.
138 Kilometer lang ist der Parcours, den die Tour-Organisatoren für die 1. Etappe mit Start und Ziel in Lausanne zusammengestellt haben. Die Entscheidung fällt nach einem Schlussaufstieg zum Saint-François-Platz: Er ist 2,5 Kilometer lang und im Schnitt 4,6 Prozent steil. Dieses Profil kommt Rüegg entgegen. Nicht nur sie selbst glaubt daran, dass ihre Explosivität den Unterschied ausmachen kann.
Es habe eine Weile gebraucht, bis sie dies herausgefunden habe, sagt Noemi Rüegg im Gespräch mit watson. «Früher hatte ich das Gefühl, dass ich auf jedem Terrain gut, aber nirgends super gut bin. Mit den Jahren merkte ich, dass mir Eintagesrennen mit kurzen, knackigen Anstiegen besonders gut liegen.»
Die Hausaufgaben frühzeitig erledigt
Die Ränge 2 und 3 bei Mailand-Sanremo sind ein Beleg dafür, Rang 5 beim Amstel Gold Race ist ein anderer und natürlich auch der Sieg in Spanien und die beiden Gesamtsiege bei der Tour Down Under. «Früher wollte ich immer eine Bergfahrerin sein, aber jetzt bin ich sehr zufrieden mit dem Fahrertyp, der ich bin», fasst Rüegg zusammen.
Den Tour-Auftakt in Lausanne hat sie schon länger als Ziel ins Visier genommen. Sie hat Strecke und Schlussanstieg vor wenigen Wochen unter die Räder genommen. «Das hilft mir persönlich sehr, wenn ich eine Strecke visualisieren kann», erklärt die Fahrerin von EF Education-Only. Dass das bei einem Rennen in der Schweiz einfacher möglich ist als anderswo, liegt auf der Hand.
Sie sei generell eine Fahrerin, die grossen Wert auf diesen Teil der Vorbereitung lege, schildert Rüegg weiter. In einem Google-Maps-ähnlichen Tool können die Athletinnen sich mit dem Parcours eines Rennens vertraut machen. Sie investiere viel Zeit dafür, sagt Noemi Rüegg: «Meistens beschäftige ich mich schon länger im Voraus damit, mache mir Notizen und schaue mir das am Abend oder am Morgen vor der Etappe nochmals an.»
Sich die Chance geben, übers Limit hinauszugehen
Als Gedankenstütze kommt ein Aufkleber auf das Oberrohr ihres Velos. Auf ihm vermerkt die 1,58 m grosse Athletin die Schlüsselstellen mit Kilometerangaben. Dazu hat sie während des Rennens den Funk mit Informationen und Anweisungen ihres sportlichen Leiters im Begleitfahrzeug im Ohr.
Von den vielen Daten, die ihr Velocomputer liefert, lässt sich Rüegg während eines Rennens dagegen nur wenige anzeigen: Die Landkarte, um die Strecke zu sehen, die Distanz und die Zeit, um das Essen und Trinken nicht zu vergessen.
«Wattzahlen und Herzfrequenz beachte ich nicht, das lenkt nur ab», erklärt sie, «man muss ohnehin das Tempo fahren, das die Rennsituation erfordert.» Sie finde es eher demoralisierend, wenn man sehe, dass man von den Werten her eigentlich schon am Anschlag sei, es aber noch zwei Kilometer lang bergauf gehe.
Deshalb ist ihr Motto: «Lieber gar nicht darauf schauen und dir so die Chance geben, über dein Limit zu gehen.» Genau das wird Noemi Rüegg am Samstag versuchen, wenn sie in Lausanne nach dem Sieg greift.
Als Vorjahressiegerin geht die Französin Pauline Ferrand-Prévot an den Start. Topfavoritin ist Demi Vollering: Die Niederländerin gewann die Tour 2023 und wurde bei den drei weiteren Austragungen jeweils Zweite. Von den Schweizerinnen ruhen die Hoffnungen neben Rüegg auf der dreifachen Tour-de-Suisse-Siegerin Marlen Reusser, die schon zwei Tour-Etappen gewinnen konnte. Elise Chabbey, die im vergangenen Jahr die Bergkönigin der Frankreich-Rundfahrt war, ist schwanger und nicht am Start.
