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Patrick ist Amateur-Schiedsrichter und pfiff bisher rund 100 Spiele in den unteren Schweizer Ligen. Bild: watson/imago/shutterstock

Was ich wirklich denke

«Ihr verliert nicht meinetwegen, ihr seid einfach schlecht» – ein Schiedsrichter erzählt



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

*Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.​

Als Schiedsrichter muss man mit den eigenen Fehlern leben können, ansonsten sollte man es besser lassen. Wer ein Amateurspiel ohne Assistenten pfeift, macht nun mal Fehler. Das ist unvermeidlich. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Spieler, die jeden zweiten Pass zum Gegner spielen, von mir erwarten, dass ich 20 von 20 Entscheidungen richtig treffe. Wenn ich alles richtig einschätzen könnte, wäre ich in der Champions League und nicht auf einem Bolzplatz.

Manchmal frage ich mich ja selbst, weshalb ich mich entschieden habe, einen Teil meiner Freizeit als Amateur-Schiedsrichter zu verbringen. Nun, der ausschlaggebende Punkt war wohl meine Arroganz. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich es besser kann als die anderen. Bei den Spielen der Profis habe ich mich so oft über Fehler aufgeregt und mich vor allem bei meiner Lieblingsmannschaft vom Schiedsrichter benachteiligt gefühlt. Eines Tages habe ich den inneren Antrieb gespürt, zu zeigen, dass ich es wirklich besser kann und nicht nur wie viele zu Hause schlecht über Schiris rede, ohne zu wissen, wie es wirklich ist.

Einen Regelkurs und einen Konditionstest später habe ich mein erstes Spiel der C-Junioren geleitet, mit 18 habe ich meine erste Partie von Erwachsenen gepfiffen. Der Respekt vor der Aufgabe war dort grösser, da ich noch etwas eingeschüchtert war und beweisen wollte, dass ich auch auf dieser Stufe bestehen kann. Ich war fast der Jüngste auf dem Platz, hatte aber glücklicherweise keine grossen Probleme, respektiert zu werden. Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass ich relativ gross bin und so automatisch eine Grundautorität auf das Feld bringe.

Bei gewissen Spielern suche ich manchmal eine Möglichkeit, ihnen eine Karte zu geben.

Mittlerweile motivieren mich auch der kleine Nebenverdienst und die sportliche Betätigung. Wenn man das Spiel als Schiedsrichter wirklich im Griff haben will, muss man ständig in Bewegung sein. Ich renne wohl mehr als die meisten Spieler, da ich das gesamte Feld abdecken muss. Bei Ecken muss ich auf der Grundlinie stehen, um die Torlinie bei knappen Entscheiden im Blick zu haben. Wenn es da einen Konter gibt, muss ich vom einen Ende ans andere sprinten. Dazu kommt, dass man sich keine Pausen auferlegen kann – wenn der lange Ball kommt, muss man rennen. Die Spieler hingegen können sich auf diesem Level immer aus- und wieder einwechseln lassen.

Als Unparteiischer sollte man immer versuchen, die Gefühle aus dem Spiel zu lassen. Wenn ich jetzt sagen würde, dass mir das immer gelingt, wäre das gelogen. Die meisten Spieler sind unauffällig und machen keine Probleme, doch es gibt auch solche, die jeden Pfiff kommentieren oder ständig den Arm heben, um zu reklamieren. Da suche ich manchmal eine Möglichkeit, ihnen eine Karte zu geben. Für ein eigentlich harmloses Foul kann es dann mal Gelb geben. Oder der betreffende Spieler bekommt den Freistosspfiff nicht, obwohl er eigentlich gefoult wurde.

Zum Beispiel hat mich ein Spieler mit seinem Gemotze und unangenehmen Verhalten das ganze Spiel über genervt. Als ein Gegenspieler, der bereits Gelb gesehen hatte, ihm dann mit offener Sohle gegen das Schienbein trat, habe ich die Härte des Fouls bewusst übersehen. Ich wollte dem nervigen Spieler die Genugtuung nicht geben, dass sein Gegner vom Platz gestellt wurde. Das war nicht korrekt von mir, aber in diesem Moment konnte ich die Gefühle nicht ganz vom Spiel trennen.

Man muss die Spieler auch vor sich selbst schützen. Es ist ein Hobbysport und alle sollen gesund nach Hause gehen.

Ein Spieler kann sich meine Gunst auch erarbeiten, wenn er beispielsweise seine motzenden Spieler beruhigt, meine Entscheidungen unterstützt und sich sehr fair verhält. Diesem glaubt man dann eher, wenn es um knappe Entscheide geht. Natürlich verlasse ich mich nicht darauf, aber wenn ich etwas nicht richtig gesehen habe und Aussage gegen Aussage steht, vertraue ich dem Spieler mehr, der sich zuvor besser verhalten hat.

Meistens ist es pro Spiel etwa eine Person, die sich ständig negativ bemerkbar macht. Leider reicht diese meistens aus, um Unruhe ins ganze Spiel zu bringen, da diese Person die anderen Spieler auf dem Platz auch «anstecken» kann und auf einmal alle anfangen zu motzen oder hart zu foulen. Das macht es extrem schwer, wenn die Spieler jeden Pfiff kommentieren. Das verunsichert mich dann auch und ich hinterfrage meine Entscheidungen selbst oder frage mich, ob ich wirklich schlecht pfeife.

Während dem Spiel hat man als Amateur-Schiedsrichter ja auch keine Unterstützung oder neutrales Feedback, weshalb man nie wirklich weiss, ob alle Entscheidungen richtig oder zumindest keine krassen Fehler darunter waren. Das muss man mit sich selbst ausmachen. Ich versuche mich dann, an einzelnen Entscheiden hochzuziehen. Wenn ich in der Folge etwas sicher sehe, andere dies aber nicht so wahrgenommen haben, denke ich mir: «So schlecht machst du es ja gar nicht.» Kommen diese Momente aber nicht und ein unsicherer Entscheid reiht sich an den anderen, muss man die 90 Minuten einfach überstehen. Ich war auch schon mal froh und erleichtert, wenn das Spiel vorbei war.

Wenn ich spüre, dass ein Spiel langsam gehässig wird, versuche ich so schnell wie möglich mit gelben Karten ein Zeichen zu setzen in der Hoffnung, wieder Ruhe ins Spiel zu bringen. In diesen Fällen ist es meine Aufgabe, die Spieler auch vor sich selbst und ihrer Aggression zu schützen. Es ist ein Hobbysport und alle sollen gesund nach Hause kommen und am nächsten Tag in der Lage sein, zur Arbeit zu gehen.

Ihr verliert nicht meinetwegen, sondern weil ihr schlecht seid.

Dass es gehässig wird, passiert hauptsächlich, wenn das Spiel deutlich ist. Da kommen dann Frustfouls oder es wird nachgetreten, da die Spieler genervt sind. Meistens ist das aber nur eine Phase, denn das Team, das deutlich hinten liegt, ist meistens auch 15 oder 20 Minuten später noch in Rückstand und zieht die übertriebene Härte nicht über den Rest des Spiels durch. In engen und umkämpften Spielen ist es eher ein sportlicher Kampf. Da geht es heiss zu und her, aber es gibt selten grobe Unsportlichkeiten oder Ähnliches.

Wenn ein Team aber 0:7 hinten liegt und deren Spieler immer noch motzen, denk ich mir dann auch: «Ihr verliert nicht meinetwegen, sondern einfach weil ihr schlecht seid.»

Zu Beginn meiner «Schiedsrichter-Karriere» war dies noch anders. Da hatte ich vor den Spielen schon ein wenig Angst, dass ich einen Fehler mache. In solchen Situationen ist es wichtig, in den ersten Minuten gut hineinzukommen und nicht schon nach 20 Minuten der Buhmann zu sein. Dies hat sich mit der Zeit und der Erfahrung gelegt. Bei Sachen, die ich nicht sehen kann, mache ich mir sowieso keine Vorwürfe, aber wenn ich auf eine Schwalbe reinfalle oder etwas Wichtiges nicht sehe, kann das Spiel sehr schnell sehr hektisch werden und eine Mannschaft ist dann immer unzufrieden. Man hofft da einfach, dass dieser Moment nicht kommt oder wenn es einen Penalty gibt, dass dieser glasklar ist und man nicht in einer engen Szene das Spiel entscheiden muss.

Es wird auch immer wieder von Kompensationspfiffen gesprochen. Das sollte man als Unparteiischer tunlichst vermeiden, da man ansonsten immer hinterherläuft und die Kontrolle über das Spiel verliert. Dennoch hoffe ich nach engen Elfmeterentscheiden manchmal, dass es sich etwas ausgleicht, und man nicht noch einen Elfmeter gegen dasselbe Team pfeifen muss. Davon dürfte man sich im weiteren Spielverlauf nicht beeinflussen lassen, aber so ganz aus dem Kopf gehen solche Gedanken nicht. Auch wenn ich dies unterlassen sollte, habe ich bei knappen Entscheiden, die nicht spielentscheidend waren, auch schon mal ausgleichende Gerechtigkeit walten lassen.

Ein Lob schätze ich eigentlich nur, wenn es von der Verlierermannschaft kommt.

Nach den Spielen kann ich eigentlich gut abschliessen. Ab und zu reflektiere ich die Partie nochmals und überlege beispielsweise, wo ich hätte besser stehen können. Aber man bekommt die Fehlentscheide ja auch nicht wirklich mit. Wenn ich etwas entscheide und im Moment davon ausgehe, dass es richtig ist, kann mir niemand Fernsehbilder zeigen und mich vom Gegenteil überzeugen.

Trotzdem gibt es auch Spiele oder einzelne Entscheide, die mir im Gedächtnis bleiben. Ich habe mal ein Spiel gepfiffen, da ging es um den Aufstieg. Die Stimmung war ohnehin aufgeheizt und der Platz war auch noch sehr klein, was zusätzlich zu vielen Zweikämpfen führt. Dennoch ging es lange Zeit gut und auch ein Elfmeter, den ich gegeben habe, wurde von allen akzeptiert. Mit dem Führungstreffer wurde das Spiel aber ruppiger und die Spieler fingen an zu motzen. Der Punkt, an dem es kippte, war dann ein Tor, das ich zunächst gegeben hatte, nach kurzem Überlegen aber gemerkt habe, dass es nicht korrekt war.

Ein solches Zögern kann schnell dazu führen, dass die Spieler das Gefühl haben, man könne Einfluss auf die Entscheide nehmen. In diesem Fall wussten die meisten aber, dass es richtig war, das Tor zurückzunehmen und ich konnte die Kontrolle über das Spiel mehr oder weniger behalten. Im Nachhinein war es ein tolles Spiel, aber im Moment war ich schon etwas verunsichert.

Bei gewissen Spielen weiss man schon im Voraus, dass es unangenehm und hart werden wird. Ich schaue mir auch immer die Tabelle und die Strafpunkte der Teams an und mache mir ein erstes Bild. Bei den Spielerkontrollen fallen die «Pausenclowns» meistens schon auf. Auf diese Spieler muss man meistens ein genaues Augenmerk legen, da sie im Team häufig ein hohes Standing haben und sich dann auch im Spiel auffällig verhalten.

Ich bin zu den Spielern gegangen und habe ihnen erklärt, wie sie für einen Spielabbruch sorgen können.

Grösstenteils verhalten sich die Spieler und Trainer aber anständig und ich habe viele positive Erfahrungen gemacht. Ich wurde nur einmal offen beleidigt, nachdem ich einem Spieler die rote Karte gezeigt habe. Dieser hat dann meine Mutter beleidigt, was in mir aber mehr Genugtuung ausgelöst hat, da ich wusste, dass dieser gesperrt werden würde und auch noch eine dreistellige Busse bezahlen muss. Nach dem Spiel unterhalte ich mich auch noch kurz mit beiden Teams und ein kleines Lob für meine Leistung kommt eigentlich immer. Das ist jedes Mal schön, doch so richtig schätze ich es eigentlich nur, wenn es von der Verlierermannschaft kommt. Dann merkt man, dass man wirklich gut gepfiffen hat, da sie sich die Ausrede des schlechten Schiedsrichters so selbst nehmen.

Einmal ist ein Juniorenteam mit zu wenigen Spielern angereist und geriet klar in Rückstand. Die Spieler hatten keine Lust mehr, also bin ich zu ihnen gegangen und habe ihnen erklärt, wie sie für einen Spielabbruch sorgen könnten. Es musste lediglich einer der Jungs eine gelbe Karte holen, da sie dann zu wenige Spieler auf dem Feld gewesen wären. Zunächst zögerten sie noch, doch bald hatte einer von ihnen genug, packte einen Spieler und hielt diesen fest. So musste ich das Spiel vorzeitig abbrechen.

Solche lustigen Momente passieren immer mal wieder. Beispielsweise hat sich ein Spieler den Einwurf mal selbst vorgelegt und als ich ihn gefragt habe, was er da mache, sagte er: «Im FIFA ist es gegangen, da habe ich gedacht, ich probiere es auch mal.» Die Mitspieler und Zuschauer haben alle gelacht.

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