Kuba am Limit: Jetzt greift die Regierung zu drastischen Massnahmen
Kuba leidet wie nie zuvor unter den US-Sanktionen. Der Tourismus, einst wichtigster Devisenbringer des Inselstaates in der Karibik, ist faktisch zusammengebrochen. Selbst die Hoffnung auf russische Urlauber als Ersatz für ausbleibende Gäste aus Europa und Nordamerika hat sich zerschlagen. Die Enttäuschung über den einstigen «Bruderstaat» Russland ist gross. Nun setzt die kommunistische Führung auf marktwirtschaftliche Reformen, um das Land aus der existenzbedrohenden Krise zu führen.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmass des Niedergangs: Im März 2026 reisten nur noch 250 russische Touristen nach Kuba. Ein Jahr zuvor waren es noch mehr als 11'000 gewesen. Auch der kanadische Markt, traditionell die wichtigste Quelle ausländischer Besucher, ist nahezu weggebrochen, weil Luftgesellschaften die Insel wegen Treibstoffmangels nicht mehr anfliegen. Für ein Land, das dringend auf Devisen angewiesen ist, sind das verheerende Nachrichten.
Familien können keine Grundgüter mehr kaufen
Die Folgen spüren die Menschen unmittelbar. Leon Latozke, Redakteur des deutschen Nachrichtenportals Kubakunde, sagte t-online: «Die Situation für die Menschen ist dramatisch.» Besonders hart treffe es jene Kubaner, die sich in den vergangenen Jahren ein kleines privates Auskommen aufgebaut hätten. «Hoteliers, Taxifahrer, Privatvermieter und Restaurantbesitzer verlieren ihre Einnahmen nahezu vollständig.»
Für viele Familien gehe es längst nicht mehr um wirtschaftlichen Aufstieg, sondern ums Überleben, sagt Latozke: «Ohne Touristen gibt es keine Devisen, und ohne Devisen kann man kaum Grundgüter kaufen – selbst wenn diese theoretisch verfügbar wären». Gerade Beschäftigte im Tourismussektor galten lange als vergleichsweise privilegiert, weil sie Zugang zu Hartwährungen hatten. «Dieser Vorteil ist jetzt weggefallen.»
Dabei war Russland zuletzt einer der wichtigsten Hoffnungsträger für die Karibikinsel. Nach dem Wegfall vieler westlicher Urlauber hatte Havanna gezielt auf russische Gäste gesetzt. Doch auch dieser Plan scheiterte.
«Schmerzhaft»: Russische Touristen bleiben fern
«Russland war in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Besucherstrom geworden und galt ideologisch als treuer Bruder», sagt Latozke. Dass nun kaum noch russische Touristen kommen, werde auf Kuba durchaus als schmerzhafter Einschnitt wahrgenommen. Zwar liege der Grund vor allem in wirtschaftlichen Problemen russischer Reisender sowie Schwierigkeiten bei Flugverbindungen und der Zahlungsabwicklung. «Dennoch ist es in der kubanischen Wahrnehmung schmerzhaft, dass auch dieser Partner ausbleibt.»
Während Hotels leer stehen und Restaurants um ihre Existenz kämpfen, verschärft sich zugleich die Versorgungs- und Energiekrise. Angehobene US-Sanktionen gegen den Militärkonzern Geasa, zu dem auch der grösste Hotelbetreiber Gaviota gehört, erschweren den Betrieb zusätzlich.
Kubaner beweisen erstaunliche Resilienz
Wie lange das Land dieser Entwicklung standhalten kann, ist offen. «Die kubanische Regierung hat eine bemerkenswerte Resilienz bewiesen, die westliche Beobachter immer wieder unterschätzt haben», sagte Latozke. Doch die aktuelle Lage sei aussergewöhnlich. «Die Kombination aus Ölembargo, wegbrechenden Tourismuseinnahmen und dem Rückzug internationaler Hotelketten ist eine neue Qualität.»
Die Krise habe mittlerweile eine Dimension erreicht, die weit über wirtschaftliche Probleme hinausgeht. Latozke verweist auf Berichte über dramatische Engpässe im Gesundheitswesen. «Wenn die Überlebensrate krebskranker Kinder tatsächlich von 85 auf 65 Prozent gesunken ist, wie das kubanische Nachrichten- und Debattenportal Cubadebate berichtet, dann zeigt das: Es geht nicht mehr nur um politische Unbequemlichkeit, sondern um humanitäre Substanz.»
Havanna kündigt marktwirtschaftliche Reformen an
Vor diesem Hintergrund hat die Regierung in Havanna nun einen bemerkenswerten Kurswechsel eingeleitet. Die Nationalversammlung verabschiedete ein Paket mit 176 Reformen. Künftig sollen grössere Privatunternehmen erlaubt, private Banken zugelassen und ausländische Investitionen im Privatsektor erleichtert werden. Auch Tourismus, Landwirtschaft und Devisenmarkt sollen stärker für private Investoren geöffnet werden.
Staatsform Kubas
Kuba ist ein zentralistisch organisierter sozialistischer Inselstaat. Die führende Rolle der Kommunistischen Partei (PCC) ist per Verfassung festgeschrieben. Der Staat bezieht seine Legitimität aus der Revolution von 1959 unter Fidel Castro sowie der Abgrenzung zu den USA und deren harter Sanktionspolitik.
Präsident Miguel Díaz-Canel sprach zuletzt von der Notwendigkeit «dringender Veränderungen». Viele Kubaner dürften hoffen, dass die Reformen nicht zu spät kommen. Denn während die Politik über den künftigen Kurs des Landes diskutiert, kämpfen Millionen Menschen bereits heute mit Stromausfällen, Versorgungsengpässen und einer Wirtschaft, die immer weniger Perspektiven bietet.
Verwendete Quellen:
- E-Mail-Austausch mit Leon Latozke von Kubakunde
- Material der Nachrichtenagentur AFP
- onei.gob.cu: Oficina Nacional de Estadísticas e Información

