Wirtschaft
Interview

Oswald Grübel liest der CS und der Nationalbank im Interview die Leviten

Interview

«Werdet mal erwachsen!» Oswald Grübel liest der CS und der Nationalbank die Leviten

Der Eingriff der Schweizerischen Nationalbank wäre vermeidbar gewesen, wenn diese früher kommuniziert hätte. Davon ist der frühere UBS- und CS-Konzernchef Oswald Grübel überzeugt. Nun kritisiert er auch schwere Fehler der Credit Suisse.
16.03.2023, 15:2416.03.2023, 15:39
Patrik Müller / ch media
Mehr «Wirtschaft»

Die Nationalbank unterstützt die Credit Suisse mit 50 Milliarden Franken. Ist die Grossbank jetzt gerettet?
Oswald Grübel: Zuerst stellt sich die Frage, ob die Credit Suisse überhaupt in der Situation war oder ist, dass sie gerettet werden muss.

Oswald Gruebel, CEO of Swiss Bank UBS, gestures during a press conference announcing the second quarter results of 2011 in Zurich, Switzerland, Tuesday, July 26, 2011. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Oswald Grübel, ehemaliger Chef der CS.Bild: KEYSTONE

Sie bezweifeln das?
Dass die Nationalbanken den Geschäftsbanken Liquidität zur Verfügung stellen, ist eine normale Sache. In anderen Ländern wird das stillschweigend gemacht. Es ist eine zentrale Aufgabe der Nationalbank, die Liquidität ihres Bankensystems sicherzustellen. Aber natürlich war die CS nach dem starken Rückgang des Aktienkurses in einer speziellen Situation.

Darum wirkt die 50-Milliarden-Spritze jetzt wie eine Staatshilfe.
Es ist keine Staatshilfe. Es geht um Liquidität der Nationalbank, die risikolos ist, weil die CS Sicherheiten bringen musste, die selbst im schlimmsten Fall jeden Rappen abdecken würden. Für solche Dinge ist eine Nationalbank da.

Warum konnte es kurzfristig dazu kommen, dass die CS flüssige Mittel brauchte?
Ich mache ein Beispiel. Nehmen wir an, ein Kunde hat 1 Million Franken auf seinem Konto. Er weiss: 100’000 Franken davon sind staatlich geschützt. Die anderen 900’000 Franken nicht, die sind im Fall einer Bankpleite verloren. Was macht der Kunde nun, wenn er Angst bekommt? Einfach an den Schalter gehen und 900’000 Franken abheben, das kann er nicht. Wegen Gesetzen, etwa gegen Geldwäscherei, die wir gemacht haben. Was also tun? Er nimmt die 900’000 Franken und kauft damit Aktien, Wertpapiere oder Gold, die unter seinem Namen laufen.

Weil diese Papiere nicht in die Konkursmasse fallen würden?
Ja, die wären bei einer Bankenpleite nicht verloren. Genau das ist bei der CS passiert. Dadurch wurde der Bank Liquidität entzogen. Wenn das in grossem Umfang passiert, muss sich die Bank neue Liquidität beschaffen. Das ist im aktuellen Umfeld auf dem Markt schwierig - darum ist es normal und richtig, dass die Nationalbank aushilft.

Wie konnte es so weit kommen, dass die Kunden Angst bekamen?
Einerseits kämpft die Credit Suisse seit längerem mit Problemen: Es waren in den letzten zehn Jahren unfähige CEOs am Werk, das aktuelle Management muss nun die Bücher bereinigen. Es sind Fälle passiert, die nicht hätten passieren dürfen. Sie kosteten 10 Milliarden Franken. Die CS war also schon angeschlagen, während andere Banken letztes Jahr hohe Gewinne einfuhren. Deshalb war die CS besonders verletzlich, als sich das Umfeld jetzt massiv verschlechterte - und in den USA die Silicon Valley Bank kollabierte. Dieser Zusammenbruch machte jedermann klar, was man eigentlich vorher schon sehen konnte …

Was kam denn da zu Vorschein?
Erst 2022 begannen die Zentralbanken, die Inflation zu bekämpfen. Vorher hatten sie Unmengen an Liquidität in die Märkte gepumpt, während Covid kam es zu einer eigentlichen Bonanza. Dann sahen die Zentralbanken auf einmal, dass das nicht geht. Sie erhöhten nicht nur die Zinsen, sondern reduzierten die Liquidität in den Märkten. Die Silicon Valley Bank mit einem sehr engen Kundenkreis verkraftete das nicht. Die CS ist mit dieser Bank nicht vergleichbar, sie ist doppelt so gross. Aber weil sie in diesem Aufräum-Status ist, war sie verletzlich.

epaselect epa10521984 A sign of Silicon Valley Bank (SVB) at a building in Frankfurt, Germany, 14 March 2023. World financial markets are showing signs of stress, on 14 March, after the news of the co ...
Auch bei der Silicon Valley Bank ist die Situation aktuell alles andere als rosig.Bild: keystone

Die Intervention der SNB geschah offenbar auch auf Druck des Auslands. Man hatte überall Angst vor einem Flächenbrand.
Es wäre nie so weit gekommen, wenn die SNB früher ein Statement abgegeben hätte, so wie das in den USA die Regulatoren nach der Pleite der Silicon Valley Bank getan haben. Dort haben die Notenbank Fed und die Aufsichtsbehörden umgehend klargemacht, dass sie das Bankensystem stützen, wo es nötig ist.​

Die Schweizer Behörden haben geschwiegen.
Ein Fehler. Finma und SNB hätten sagen können: Wenn sich die Lage in der Schweiz zuspitzt, unterstützen wir unser Bankensystem. Das hätte viel bewirkt. Die SNB kann 100 Milliarden in den Sand setzen, und niemand sagt etwas, aber bei den 50 Milliarden Liquiditätshilfe für die CS gibt es einen Aufschrei. Die SNB sollte sich ein Beispiel an den Amerikanern nehmen. Werdet mal erwachsen!​

Es hätte bei einer früheren Kommunikation nicht 50 Milliarden Franken gebraucht?
Wahrscheinlich wäre dann gar nichts passiert. Es geht um Vertrauen. Aber dass die CS dieses nicht mehr aus eigener Kraft herstellen konnte, daran hat natürlich die Bank eine Schuld. Und diese liegt nicht nur in der Vergangenheit.

Wie meinen Sie das?
Dass der Aktienkurs so tief fiel, hat auch mit der Kapitalerhöhung zu tun. Der Verwaltungsrat handelte sehr wagemutig vor dem Hintergrund, dass der Buchwert viermal höher war als die Börsenkapitalisierung. Da hätte er bessere Ideen zur Kapitalbeschaffung haben müssen. Es war vorhersehbar, dass sich das die Aktionäre nicht gefallen lassen würden.​

Der Bundesrat hält eine ausserordentliche Sitzung zur CS ab. Was sollte er tun?
Nichts. Vor allem nichts sagen. Was immer er sagt, es kann nur falsch sein. Die Verunsicherung würde nur noch grösser.​

Die CS ist inzwischen siebenmal weniger wert als die UBS. Wäre jetzt der Moment, um über eine Übernahme der CS durch die UBS nachzudenken?
Ja. So billig bekommt die UBS die CS womöglich nie mehr. Eine Übernahme sollte sicher diskutiert werden. Die Bilanzsummen der beiden Grossbanken sind viel kleiner geworden, somit sind die Risiken für die Schweiz nicht mehr vergleichbar mit den Zeiten vor oder kurz nach der Finanzkrise.​

Ist eine Übernahme realistisch?
Man müsste sie prüfen. Unter Umständen bietet sich jetzt eine realistische Möglichkeit, die Geschäfte zusammenzulegen. Wirtschaftlich gesehen ist ein solcher Zusammenschluss mit hoher Wahrscheinlichkeit das Richtige. Allerdings wäre ein grosser Stellenabbau in der Schweiz nicht zu vermeiden.​

Wären Sie jetzt CEO oder Präsident der UBS, würden Sie eine Übernahme prüfen?
Ich würde mir das sicher anschauen, und ich bin sicher, die Verantwortlichen tun das auch.​

Bei der Finanzkrise 2008 war die UBS das Sorgenkind, Sie haben sie dann wieder stabilisiert und zum Erfolg geführt. Jetzt ist die CS das Sorgenkind.
Die Schockerfahrung der UBS hat dazu geführt, die Probleme schnell und wirksam zu lösen und die Bank zu sanieren. Nach einem Jahr war die UBS schon wieder profitabel. Davor hatte sie 50 Milliarden Franken verloren. In solchen Fällen brauchen Sie ein Management, das sich zu 100 Prozent im Bankgeschäft auskennt. In solchen Extremsituationen geht es um Schnelligkeit und um Details. Die grossen Linien zu kennen, das reicht nicht.​

Und der CS fehlt ein solches Management?
Das wird man sehen. Die entscheidende Frage lautet: Wie schnell kann die CS wieder profitabel werden? Und damit verbunden: Wie schnell kehrt das Vertrauen zurück? Es hilft den Aktionären sicher nicht, dass das Management sagte, auch 2023 würde ein Verlust resultieren. Axel Lehmann und Ulrich Körner sind enorm gefordert. Sie müssen einerseits die Vergangenheit aufarbeiten und schauen, was zum Vorschein kommt, und zugleich die aktuelle Krise meistern, nachdem durch dumme Fälle 10 Milliarden Franken vernichtet worden sind. Zudem muss der Verwaltungsrat einsehen, dass der Aktienkurs eine enorme Bedeutung hat. Diese hat er massiv unterschätzt, mit verheerenden Folgen. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die CS-Chefs
1 / 14
Die CS-Chefs
Am Anfang war der Eisenbahn- und Gotthard-Pionier: Am 16. Juli 1856 nimmt die von Alfred Escher gegründete Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Vorgängerin der heutigen Credit Suisse, ihre Geschäftstätigkeit auf. Der Politiker und Wirtschaftsführer leitete die SKA als erster Verwaltungsratspräsident von 1856-1877 und von 1880-1882.
quelle: alfred-escher-stiftung / alfred-escher-stiftung
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Das könnte dich auch noch interessieren:
104 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
mrmikech
16.03.2023 15:40registriert Juni 2016
"Es wäre nie so weit gekommen, wenn die SNB früher ein Statement abgegeben hätte..."

Dies ist generell ein Problem des Schweizer Managements und Schweizer Politik. Man ist hier einfach nicht sehr proaktiv, immer zu abwartend. Managen (auch ein Land managen) bedeutet, die Kontrolle zu übernehmen, zu führen, Verantwortung zu übernehmen. Darin ist die Schweiz nicht besonders gut...
20516
Melden
Zum Kommentar
avatar
MartinZH
16.03.2023 16:13registriert Mai 2019
Die alte Saftwurzel Grübel schafft es immer wieder, eine schonungslose Analyse zu liefern, in welcher er die Probleme klar benennt, um es schlussendlich – in einfachen, verständlichen Worten – auf den Punkt zu bringen.
19024
Melden
Zum Kommentar
avatar
James R
16.03.2023 15:49registriert Februar 2014
Gutes Interview.
Es ist schon beängstigend, wie einerseits duch dumme Fälle einfach mal so 10 Mia vernichtet werden. Und dann ist es doppelt erstaunlich, dass das CS-Management die Bedeutung des Aktienkurses für die Bank unterschätzen konnte!
945
Melden
Zum Kommentar
104
Vetropack setzt Werksschliessung in Saint-Prex um – Gewerkschaften protestieren

Der Flaschen- und Glasverpackungshersteller Vetropack setzt die vor zehn Tagen angekündigte Werksschliessung in Saint-Prex um. Die ersten Kündigungen werden in den nächsten Tagen verschickt. Bekanntlich wird das Werk bis Ende August geschlossen, wovon 182 Mitarbeitende betroffen sind. Die Gewerkschaften reagierten mit einer Arbeitsniederlegung auf die Ankündigung.

Zur Story