Ölversorgung unter Druck: IWF warnt vor nächstem Preisschock
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am Mittwoch vor wachsenden Risiken für den globalen Ölmarkt gewarnt. Eine geringere Nachfrage, höhere Fördermengen ausserhalb der Golfregion und der Abbau von Lagerbeständen hätten den Preisschock nach der faktischen Schliessung der Strasse von Hormus zunächst gedämpft. Doch dieser Spielraum werde immer kleiner, schrieben die IWF-Ökonomen Jean-Marc Natal und Azim Sadikov in einem Blogeintrag.
Die Förderung ausserhalb der Golfregion sei gegenüber dem Niveau von 2025 um fast 2 Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Den grössten Beitrag hätten die USA geleistet, daneben hätten Venezuela, Guyana und Russland ihre Produktion erhöht.
«Der grösste Ausfall am weltweiten Ölmarkt seit Jahrzehnten hätte die Preise in die Höhe treiben müssen», schreiben die IWF-Ökonomen. Eine Kombination mehrerer Faktoren habe den ersten Schock jedoch abgefedert. «Ein grosser Teil des Spielraums ist nun aber aufgebraucht.»
Ein Fünftel des Verbrauchs betroffen
Der Krieg habe die Strasse von Hormus faktisch geschlossen und damit täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Raffinerieprodukte vom Markt abgeschnitten. Das entspreche etwa einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs.
Die Förderländer am Golf hätten versucht, einen Teil der Lieferungen umzuleiten. Saudi-Arabien habe Öl über eine Pipeline zum Rotmeerhafen Yanbu transportiert. Die Vereinigten Arabischen Emirate hätten den ausserhalb der Meerenge gelegenen Hafen Fujairah nahezu bis an seine Kapazitätsgrenze ausgelastet. Diese Ausweichrouten hätten allerdings nur einen kleinen Teil der verlorenen Liefermengen ersetzen können.
Auch die Produktion von Raffinerieprodukten in der Golfregion sei deutlich zurückgegangen. Besonders betroffen seien Diesel und Kerosin gewesen. Auf die Region entfielen bei diesen Produkten etwa zehn Prozent des weltweiten Angebots.
Bis Ende Mai hätten insgesamt mehr als 1,1 Milliarden Barrel Rohöl den Markt nicht erreicht. Diese Menge entspreche ungefähr dem üblichen weltweiten Verbrauch von zehn Tagen. Zum jeweils gleichen Zeitpunkt der Krisen sei der Ausfall grösser gewesen als während des Ölschocks von 1973, des Iran-Irak-Kriegs und des Golfkriegs.
Drei Faktoren dämpften den Schock
Unmittelbar vor Kriegsbeginn habe das weltweite Angebot die Nachfrage um rund zwei Millionen Barrel pro Tag übertroffen. Dieser Überschuss habe dem Markt einen ersten Puffer verschafft. Zwischen März und Mai hätten anschliessend drei Entwicklungen den Grossteil des Ausfalls aufgefangen:
- Vor allem in Asien sei die Nachfrage gesunken. Höhere Preise hätten den Verbrauch gedrückt, zugleich hätten Volkswirtschaften verstärkt auf Alternativen wie Kohle und erneuerbare Energien zurückgegriffen.
- Die Förderung ausserhalb der Golfregion sei gegenüber dem Niveau von 2025 um fast zwei Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Den grössten Beitrag hätten die USA geleistet, daneben hätten Venezuela, Guyana und Russland ihre Produktion erhöht.
- Das verbleibende Marktdefizit von rund vier Millionen Barrel pro Tag sei nahezu vollständig durch den Abbau weltweiter Lagerbestände gedeckt worden. Dafür seien sowohl kommerzielle Vorräte in China als auch strategische Reserven abgebaut worden.
Im Verkehrssektor sei die Nachfrage dagegen weniger stark zurückgegangen. Preisobergrenzen, Subventionen und Steuernachlässe hätten die Belastung für Verbraucher begrenzt, allerdings auf Kosten der öffentlichen Haushalte.
Rückkehr der Lieferungen benötigt Zeit
Eine Rahmenvereinbarung zwischen den USA und dem Iran zur Wiedereröffnung der Meerenge habe die Preise vor der jüngsten Eskalation deutlich sinken lassen. Ein Grund sei gewesen, dass das auf Tankern im Golf festliegende Öl vergleichsweise schnell wieder auf den Markt gelangen könne.
Unklar bleibe jedoch, wann die freie Schifffahrt durch die wichtige Ölroute tatsächlich wiederhergestellt werde. Ebenso sei offen, wie schnell Reedereien, Versicherer und Betreiber wieder Vertrauen fassten.
Nach Schätzungen aus der Branche kann es nach einer vollständigen Öffnung der Meerenge zwei bis drei Monate dauern, bis ein erheblicher Teil der Öllieferungen wieder aufgenommen wird. Längere Produktionsstopps könnten zudem zu dauerhaften Förderverlusten führen, insbesondere dort, wo Geld für die Wiederinbetriebnahme von Bohrlöchern fehle.
Auch bei einer Erholung des Angebots werde sich das Defizit nur schrittweise schliessen. Dadurch könnten die Lagerbestände weiter bis an ihre betrieblichen Mindeststände sinken. Unterhalb dieses Niveaus stosse selbst die physische Versorgung an Grenzen.
«Spielraum nun kleiner und schrumpft weiter»
«Was den ersten Schlag dieses Mal abgefedert hat, war der Spielraum der Energiemärkte, darauf zu reagieren und ihn aufzufangen», schreibt der IWF. «Da die Spannungen in der Strasse von Hormus erneut aufflammen, ist dieser Puffer nun kleiner und schrumpft weiter, weil freie Kapazitäten eingesetzt, die Nachfrage gedämpft und Lagerbestände abgebaut wurden.»
Der IWF weist ausserdem darauf hin, dass ein schnellerer Umstieg auf andere Energiequellen, darunter erneuerbare Energien, die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von wichtigen Ölrouten verringern könne. Solange die Strasse von Hormus nicht dauerhaft geöffnet und die abgebauten Lagerbestände nicht wieder gefüllt seien, bleibe der globale Ölmarkt anfälliger für weitere Lieferausfälle.
IWF warnt vor Folgen für das Wachstum
Der IWF hatte seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft 2026 zuletzt von 3,1 auf 3,0 Prozent gesenkt. Für 2025 nennt der Fonds ein Wachstum von 3,5 Prozent. Eine weitere Eskalation im Nahen Osten könne die Konjunktur jedoch stärker belasten als bislang angenommen.
Seit der Prognose haben die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten wieder zugenommen. Nach iranischen Angriffen auf die Schifffahrt nahmen auch die USA ihre Angriffe wieder auf. Zudem traten die Blockade iranischer Häfen und weitere Massnahmen gegen den Schiffsverkehr erneut in Kraft.
Das Scheitern der im Juni vereinbarten Waffenruhe und die verzögerte vollständige Öffnung der Strasse von Hormus hätten die Ölpreise bereits steigen lassen, allerdings noch nicht auf das Niveau zu Beginn des Krieges, berichtete das «Wall Street Journal» unter Berufung auf den IWF. «Eine schnelle Erholung des Angebots ist entscheidend, um weitere Schäden für die Weltwirtschaft zu vermeiden», hiess es von dem Fonds.

