Migros-Chef-Nachfolge: Jetzt beginnt sich das Kandidaten-Karussell zu drehen
Seit Montag herrscht Gewissheit. Was jahrelang als unmöglich galt, soll nun vollbracht werden: Die Schaffung einer Migros-Einheitsgenossenschaft. Das wäre das Ende der 10 regionalen Genossenschaften. Bis Mitte nächsten Jahres fällen die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter in Urabstimmungen in ihren Regionen ihr Urteil. Um grünes Licht zu erhalten, benötigt die Migros überall eine Zweidrittelsmehrheit.
Was folgen würde, wäre ein historischer Mega-Umbau. Allerdings: An der Medienkonferenz in Bern war eine andere Nachricht für viele Leute sogar überraschender als der präsentierte Geheimplan zur Reorganisation. Denn sowohl Migros-Konzernchef Mario Irminger als auch Migros-Supermarkt-Chef Peter Diethelm gaben bekannt, nach den Urabstimmungen abzutreten.
Kam es bei der Ausarbeitung der Umbaupläne etwa zu Verwerfungen? Gab es Unstimmigkeiten mit Verwaltungsratspräsidentin Ursula Nold, die noch bis 2028 gewählt ist und auf Nachfrage aus dem Presseplenum offenliess, ob sie für eine weitere Amtsperiode kandidieren wird?
Umbau dauert mindestens 5 Jahre
Irminger begründete in Bern seine Rücktrittsankündigung mit seinem Alter. Er werde nächstes Jahr bereits 62 Jahre alt sein. In der Medienmitteilung argumentiert die Migros für Peter Diethelm genau gleich. Und auch auf Nachfrage betont Migros-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir, dass allein dies der Grund für den Doppelabgang sei.
Die Sprecherin fügt an: «Da die Transformation mindestens fünf Jahre dauern wird und es nicht ihrer Lebensplanung entspricht, ihre anspruchsvollen Funktionen über diesen gesamten Zeitraum weiterzuführen, haben sie entschieden, ihre Funktionen nach den Urabstimmungen abzugeben.»
Bis dahin würden Irminger und Diethelm ihre Aufgaben vollumfänglich wahrnehmen und einen reibungslosen Übergang sicherstellen. Zudem werde Diethelm die Transformation anschliessend bis Ende 2028 «in beratender Funktion» begleiten.
Externe und interne Kandidaten
Die Suche nach der Nachfolge läuft bereits. «Eine Findungskommission prüft interne und externe Kandidatinnen und Kandidaten», sagt Huguenin-dit-Lenoir. Beide Funktionen sollen bis Anfang 2027 besetzt sein. «Gesucht werden glaubwürdige, unternehmerisch denkende Persönlichkeiten mit strategischem Weitblick.»
Die Nachfolger werden also die grösste Reform in der Geschichte in Angriff nehmen müssen – oder einen Scheiterhaufen erben, falls die Genossenschafter in den Abstimmungen den Daumen nach unten zeigen.
Fragt sich, wer bei der Findungskommission für die beiden Top-Posten auf dem Radar ist. In Branchenkreisen fällt der Name von Migros-Luzern-Chef Guido Rast oft, schliesslich präsidiert er die von Diethelm geführte Kerngeschäftseinheit. Doch er hat sich nach der Umbau-Ankündigung im Interview mit «Schweiz heute» für die beiden vakant werdenden Sitze aus dem Spiel genommen: «Ich werde mich auf das Verwaltungsratspräsidium der Supermarkt AG konzentrieren und die Transformation mit den Genossenschaften begleiten und vorantreiben.»
Drei Favoriten aus den Regionen
Auch Rasts Kollegen in den neun anderen Regionalgenossenschaften dürften allein von ihrem Amt her einer Prüfung unterzogen werden. Ein Insider vermutet, dass aus diesem Kreis in erster Linie drei Geschäftsführer für eine der beiden Spitzenpositionen am Hauptsitz in Zürich infrage kommen.
Da wäre erstens Migros-Zürich-Chef Patrik Pörtig. Er war vor seinem Einstieg bei der Migros 2020 einer der mächtigsten Schuhverkäufer im Land als Leiter der Dosenbach-Ochsner AG. Danach übernahm er die Leitung der Migros-Fachmärkte – und amtete somit in erster Linie als Totengräber und Verkäufer der Tochterfirmen Do It + Garden, Melectronics, Micasa und SportXX. Seit 2024 leitet er die Region Zürich. «Er hat definitiv Ambitionen für höhere Aufgaben», sagt ein Insider über den 47-Jährigen, der über einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaft verfügt.
Ebenfalls genannt wird Genf-Chef Grégory Décaillet. Der 48-Jährige hat am Hauptsitz einen guten Ruf. Der Romand arbeitet erst seit 2020 für die Migros und war vor seinem Wechsel 2024 in die Westschweiz in der Beschaffung und bei der Transformation der Supermarkt AG in Zürich tätig. Und drittens werden dem 53-jährigen Migros-Ostschweiz-Chef Martin Lutz Chancen eingeräumt, der mit zehn Migros-Jahren etwas mehr orange Erfahrung als Décaillet und Pörtig hat. «Er hätte das Zeug dazu», sagt jemand, der ihn kennt.
Oder jemand aus Irmingers Team?
Normalerweise würde auch der Migros-Aare-Chef eine Rolle spielen. Denn er leitet das grösste Wirtschaftsgebiet des Detailhändlers, und entsprechend gab es in der Vergangenheit immer wieder von dort Geschäftsführer, die es an die Spitze der Migros schafften, so wie einst Peter Everts und Herbert Bolliger. Der heutige Aare-Chef Reto Sopranetti hätte mit über 30 Jahren Migros-Erfahrung zudem den nötigen Stallgeruch. Nur: Er ist bereits 62 Jahre alt.
Und dann wären da noch die Geschäftsleitungsmitglieder des Migros-Genossenschafts-Bunds. Industrie-Chef Matthias Wunderlin – Irmingers Stellvertreter – gilt als zugänglicher Manager. Der 52-Jährige hatte im Migros-Universum schon mehrere Aufgaben inne und wurde bereits vor Irmingers Ernennung als Kandidat gehandelt.
Vorstellen könnte sich ein Insider auch Thomas Eisele, der für die Transformation zuständig ist. «Er hat einen sehr guten Auftritt.» Sein potenzieller Nachteil: Er kam erst 2024 zur Migros, arbeitete zuvor 17 Jahre lang für den Kioskkonzern Valora.
Michel Gruber, Chef der Handelssparte, dürfte derweil genügend zu tun haben mit der Discount-Tochter Denner, die zuletzt an Terrain einbüsste und zahlreiche Abgänge im Topmanagement verzeichnete.
Da derzeit bei der Migros aber nichts mehr unvorstellbar ist, ist es auch möglich, dass am Schluss Externe das Rennen machen – und den historischen Plan ins Ziel bringen müssen. (schweizheute.ch)

