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Migros fusioniert Genossenschaften: Warum das ein Risiko ist

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Als würde die Schweiz die Kantone abschaffen: Migros geht grosses Risiko ein

Die Migros will nach 100 Jahren ihre föderale Struktur aufgeben. Der Schritt ist überfällig, doch die Führung hat ein Problem im anstehenden Abstimmungskampf.
26.10.2026, 17:3026.10.2026, 17:30
Patrik Müller
Patrik Müller

Von einem «historischen Tag» spricht Präsidentin Ursula Nold, von einer «historischen Weichenstellung» Konzernchef Mario Irminger. Auch der Begriff «epochal» fällt. Die Migros-Führung spart nicht mit grossen Worten, als sie ihre Reform bekanntgibt.

Ursula Nold, Praesidentin Verwaltung Migros-Genossenschafts-Bund, spricht waehrend einer Medienkonferenz der Migros, am Montag, 26. Oktober 2026 in Bern. Die Migros gibt bekannt, dass die 11 Migros Ge ...
Migros-Präsidentin Ursula Nold gibt die Grossreform in Bern bekannt.Bild: keystone

Nold referiert wie eine Bundespräsidentin, in drei Landessprachen und staatstragendem Ton. Sie beschwört die direkte Demokratie und zählt Argumente auf, die die Neuorganisation unumgänglich machten. Als wäre es eine Bundesrats-Pressekonferenz vor einer Volksabstimmung. Neben Nold stehen allerdings keine Minister, sondern die Präsidentinnen und Präsidenten der zehn regionalen Genossenschaften sowie der Chef des Genossenschaftsbundes.

Es ist ein Bild für die Geschichtsbücher. Noch nie sind die «Regionalfürsten», wie sie genannt werden, und die Führung der Zentrale gemeinsam aufgetreten. Die Botschaft ist unübersehbar. Man demonstriert Einigkeit. Denn alle wissen: Ohne Geschlossenheit wird das ambitionierte Vorhaben bei den 2,3 Millionen Genossenschaftern nicht durchkommen. Insofern ist es eben doch die Eröffnung eines Abstimmungskampfes: Es kommt zu Urabstimmungen in jeder der zehn Regionalgenossenschaften und beim Genossenschaftsbund.

Mario Irminger, Praesident Generaldirektion Migros-Genossenschafts-Bund, Mitte, spricht neben Ursula Nold, Praesidentin Verwaltung Migros-Genossenschafts-Bund, Mitte links, und den Praesidenten der Mi ...
Ein Bild für die Geschichtsbücher: Mario Irminger, Präsident des MGB, mit Präsidentin Ursula Nold und den Präsidenten der zehn regionalen Genossenschaften.Bild: keystone

Für ihre künftige Struktur hat die Migros ein neues Wort erfunden: «Gruppengenossenschaft». Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich eine Revolution. Die zehn rechtlich selbstständigen Regionalgenossenschaften und der Migros-Genossenschafts-Bund sollen unter einem gemeinsamen Dach zusammengeführt werden.

Lange wurde die föderale Struktur gefeiert

Das ist ungefähr so, als würde die Schweiz ihre Kantone abschaffen. Die föderale Struktur gehört zur Migros genauso wie zur Schweiz. Generationen von Migros-Chefs haben darauf geschworen, noch beim Jubiläum «100 Jahre Migros» hörte man die Lobgesänge: Die regionale Struktur garantiere Kundennähe und lokale Verankerung. Jetzt ist auf einmal Schluss damit.

Dieser Schritt ist richtig, ja überfällig. Coop hat einen vergleichbaren Umbau bereits vor einem Vierteljahrhundert vollzogen. Es war das Husarenstück von Konzernchef Hansueli Loosli, das eine Voraussetzung dafür war, dass die Nummer zwei im Schweizer Detailhandel den Abstand zur Migros verkleinerte und diese je nach Kriterium gar überholte. Während der Detailhandel schneller und härter wurde, die deutschen Harddiscounter den Markt aufmischten, blieb der orange Riese organisatorisch schwerfällig.

Wirklich aus einer Position der Stärke?

Das soll sich ändern. Die Reform geschehe aus einer «Position der Stärke»,  betonen die Migros-Verantwortlichen. Bei Coop war das 2001 anders. Die Fusion erfolgte in grosser Not, unter extremem wirtschaftlichem Druck.

Die Migros steht zwar besser da als Coop damals, aber auch sie kämpft mit Problemen. Ein hochrangiger Migros-Manager zieht hinter vorgehaltener Hand gar einen Vergleich mit der Credit Suisse: Ohne einschneidende Reform würde es die Migros im veränderten Marktumfeld in einigen Jahren nicht mehr geben.

Unter Chef Mario Irminger hat die Migros seit 2023 einiges getan: sich auf ihr Kerngeschäft zurückbesonnen, Beteiligungen verkauft und schmerzhafte Einschnitte vorgenommen. Das reicht aber offensichtlich nicht. Um zukunftsfähig zu sein, geht es nun an die DNA. Warum erst jetzt?

Mario Irminger, Praesident Generaldirektion Migros-Genossenschafts-Bund, gibt ein Interview nach einer Medienkonferenz der Migros, am Montag, 26. Oktober 2026 in Bern. Die Migros gibt bekannt, dass di ...
Migros-Chef Mario Irminger.Bild: keystone

Vielleicht darum, weil es nun wirklich nicht mehr anders geht und weil so der emotionale Schritt von den Genossenschaftern eher akzeptiert wird, als dies vor 3, 8 oder 15 Jahren der Fall gewesen wäre.

Hohe Hürden für die Urabstimmungen

Mitte 2027 finden die Urabstimmungen statt. Die Hürden sind hoch. In jeder Genossenschaft braucht es eine Stimmbeteiligung von mindestens 25 Prozent und dann bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit.

Wie eigenwillig das Migros-Volk abstimmen kann, zeigte sich beim Alkohol. 2022 empfahl die Führung die Aufhebung des Verkaufsverbots – und erlitt an der Urne eine krachende Niederlage. Die Genossenschafter erwiesen sich als traditionsbewusster als ihre Führung.

Deshalb betont die Migros jetzt, was alles nicht verändert werde. Die Regionalität bleibe. Die gewohnten Filialen blieben. Die regionalen Produkte blieben. Die gesellschaftlichen Engagements blieben. Und die Rolle der Genossenschafter werde sogar gestärkt.

Das zeigt, wo die Verantwortlichen die Achillesferse ihrer Reform sehen. Betriebswirtschaftlich lässt sich eine Zentralisierung gut begründen. Emotional ist sie schwieriger zu verkaufen.

Was nun folgen wird, ist ein Medienspektakel wie bei politischen Volksabstimmungen. Ehemalige Migros-Verantwortliche werden Kritik üben, womöglich gibt es auch Abweichler in der heutigen Führung. Vertreter der Regionen werden aufmucken. Gewerkschaften werden versuchen, dem Management Versprechen abzuringen: Ja kein Personalabbau, sonst mobilisieren wir für ein Nein! Und es wird darüber spekuliert werden, wie viele Tausend Stellen wegfallen werden.

Es geht nicht ohne Stellenabbau

Dass es zu einem Abbau kommt, ist so unvermeidlich wie damals bei Coop, denn erklärtes Ziel ist ja eine bessere Wettbewerbsfähigkeit, und das heisst tiefere Kosten. Zudem wurde mehrfach der Preiskampf erwähnt. Allerdings werden die Stellen wohl primär in den Wasserköpfen der Genossenschaften wegfallen und nicht in den Läden und Industriebetrieben.

Und so steht der Migros ein Abstimmungskampf bevor wie jeweils dem Bundesrat und den Parteien. Was geschieht, wenn auch nur eine Genossenschaft Nein sagt? Darauf gibt es zurzeit keine überzeugende Antwort. Man werde die Lage neu beurteilen, wahrscheinlich nochmals abstimmen und Lösungen suchen, heisst es.

Damit geht die Migros-Führung ein hohes Risiko ein. Mit ihrem staatstragenden Auftritt haben die Chefs die Reform zur historischen Notwendigkeit erklärt. Bei den Urabstimmungen gilt deshalb: Verlieren verboten. Anders als in der Politik, wo es immer einen Plan B gibt, scheint die Migros keine Alternative zu dieser Reform zu haben. (schweizheute.ch)

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