Das Milliardengeschäft mit Vintage-Mode
Wo Second-Hand-Mode vor einigen Jahrzehnten noch vor allem von Menschen gekauft wurde, die auf ihr Geld achten mussten, erlebt sie heute einen regelrechten Boom. Dazu hat auch Social Media beigetragen: Junge Menschen teilen ihre Fundstücke online und können beim Shoppen direkt vergleichen, ob sie ein Schnäppchen gemacht haben. Gleichzeitig haben die zunehmende Verbreitung von Fast Fashion und ein wachsendes Bewusstsein für Umwelt und Nachhaltigkeit den Trend verstärkt.
Vor allem Vintage-Mode ist begehrt. Sie ist meist von höherer Qualität und stammt aus einer Zeit, in der Kleidung aufwendiger produziert wurde. Zudem spiegelt sie unverkennbar eine bestimmte Ära wider, etwa die Y2K-Zeit, schreibt das GQ Magazin.
Verkaufsplattformen befeuern Trend
Secondhand-Kleidung war noch nie so beliebt, schreibt der Guardian. Auf TikTok posten Teenager-Mädchen Videos, in denen sie fröhlich grosse Taschen mit Kleidung enthüllen, die sie für vergleichsweise wenig Geld erworben haben. Der Aufstieg von Secondhand-Kleidung wird immer wieder auf die Generation Z geschoben, jedoch hat auch die Technologie dazu beigetragen. Plattformen wie Depop, Vestiaire Collective oder Vinted machen den Kauf und Verkauf von Secondhand-Mode zugänglicher denn je.
Neben Apps werden aber auch die Secondhand Shops gut besucht: Goodwill, Nordamerikas grösste Secondhand-Kette mit 3400 Geschäften in den USA und Kanada, gab im letzten Jahr einen Rekordumsatz von sieben Milliarden US-Dollar bekannt.
Prominente als Vorbilder
Neben Normalos befeuern auch Prominente wie Hailey Bieber, Kylie Jenner oder Kaia Gerber den Trend, indem sie in Vintage-Roben auf den roten Teppichen erscheinen oder auch privat seltene Stücke von Versace, Mugler oder John Galliano tragen.
Für Normalsterbliche ist es eher schwierig, an seltene Designerkleidung, Schuhe oder Accessoires aus vergangenen Jahrzehnten zu gelangen. Die Sprösslinge von Stars haben es da einfacher: Sie können oftmals in den Kleiderschränken von Mami und Papi wühlen und dabei auf Schätze aus vergangenen Zeiten stossen. So beispielsweise Apple Martin, die vergangenes Jahr bei einer Filmpremiere das schwarze Calvin-Klein-Kleid ihrer Mutter Gwyneth Paltrow trug, das diese bereits 1996 auf roten Teppichen präsentierte.
Das Geschäft mit Luxus-Vintage
Auch bei den Gutbetuchten ist der Vintage-Hype angekommen. Bestimmte Marken wie Cavalli, Blumarine oder Jean Paul Gaultier und Dior aus den 90er- oder 00er-Jahren sind besonders begehrt, und die Preise für einzelne Stücke sind in die Höhe geschnellt. Weil Vintage-Mode naturgemäss nur in begrenzter Stückzahl verfügbar ist, entsteht ein Gefühl von Exklusivität: Wer ein begehrtes Teil ergattert, besitzt etwas, das nicht beliebig oft zu haben ist.
Vintage: mindestens 20 Jahre alt.
Archival Fashion: Alter ist hier weniger wichtig, wichtiger ist die Bedeutung für die Modehistorie. Die Stücke haben Marken geprägt, Trends gesetzt und Designentwicklungen beeinflusst.
Antiquität: mindestens 100 Jahre alt.
Retro: Anders als Vintage wird das Stück in der Gegenwart produziert, es ist aber von vergangenen Stilrichtungen inspiriert.
Professionelle Mode-Erschnüffler
Wer nicht selbst auf die Suche nach Vintage-Schätzchen gehen möchte, kann sich dafür professionelle Hilfe holen. Ein solcher Treasure Hunter bzw. Fashion-Detektiv ist Johnny Valencia. Vor allem vor grossen Events wie den Oscars ist er sehr gefragt, schreibt die Welt. Er geht für Stars und andere wohlhabende Kundschaft auf die Suche nach Vintage-Teilen, die zu deren gewünschtem Look passen. In seinem Online-Shop «Pechuga Vintage» in Los Angeles bietet er eine umfangreiche Sammlung ikonischer und seltener Vintage-Teile von Vivienne Westwood oder Dior by John Galliano an. Zuvor arbeitete er für Westwood.
Wenn er eine Anfrage zu einem bestimmten Teil bekommt, klappert er sämtliche Sammler und Insider aus der Modewelt ab und fragt nach Tipps, wie er am besten an das Stück kommt. Die Suche kann manchmal Wochen dauern.
Zu seiner hochkarätigen Kundschaft gehören etwa Rihanna, Katy Perry, Kourtney und Kim Kardashian oder Beyoncé. Letztere trug beispielsweise seine strassbesetzte Schmetterlingssonnenbrille von Alain Mikli auf ihrer letzten Tour.
Laut Valencia ist das Vintage-Geschäft heute zwar lukrativer, aber auch schwieriger, da jeder auf die Suche nach den begehrten Teilen geht.
Einen ähnlichen Service bietet Luminaire in London. Hier zahlen Mitglieder pro Jahr etwa 5000 Pfund (ca. 5500 Franken) und bekommen dafür Zugang zu exklusiven Designerevents oder können die Mitarbeitenden auf ein bestimmtes Vintage-Teil ansetzen. Beliebt ist vor allem «Future Vintage». Gemeint sind damit Stücke, die gerade gehypet werden, aber vergriffen sind. Das Unternehmen ist jedoch darauf spezialisiert, die besondere Vintage-Stücke in Boutiquen auf der ganzen Welt aufzuspüren und damit die exklusiven Wünsche der High Society zu erfüllen.
