Wirtschaft
Schweiz

Turbulente Zeiten bei Tages-Anzeiger und NZZ – die Hintergründe

Mark Dittli (NZZ) und Jessica Peppel-Schulz (Tamedia)
Mark Dittli wird neuer NZZ-Chefredaktor, während Tamedia-Chefin Jessica Peppel-Schulz Leute entlassen muss.Bild: Keystone/watson
Analyse

Zeitungsmarkt Zürich: Turbulenzen bei Tagi und NZZ

Bei den Zürcher Tageszeitungen ist einiges in Bewegung. Während beim «Tages-Anzeiger» fast nur noch abgebaut wird, sorgt ein neuer NZZ-Chefredaktor für Aufbruchstimmung.
27.10.2026, 16:1127.10.2026, 16:11

Zürich ist die Medienhauptstadt der Schweiz. Hier erscheinen zwei Tageszeitungen mit überregionaler Ausstrahlung. Die «Neue Zürcher Zeitung», kurz NZZ oder Zürizytig, existiert seit bald 250 Jahren und richtet sich an eine bürgerliche, traditionell freisinnige Leserschaft. Der «Tages-Anzeiger» oder Tagi spricht ein linksliberales Publikum an.

Lange war er sehr erfolgreich. In seinen besten Zeiten erreichte der «Tages-Anzeiger» eine Auflage von gegen 300'000 Exemplaren. Damit war er die Nummer zwei hinter dem «Blick» und die grösste abonnierte Tageszeitung der Schweiz. Heute ist sie auf weniger als ein Drittel geschrumpft. Die Krise des Printjournalismus hat den Tagi geknüttelt.

Das Medienhaus der TX Group AG, ehemalig Tamedia, aufgenommen am Freitag, 3. Januar 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Der Hauptsitz von TX Group und Tamedia in Zürich.Bild: KEYSTONE

Die NZZ kam glimpflicher davon, wenn auch nicht ungeschoren. Schon 2015 verkaufte sie ihr Druckzentrum in Schlieren. Seither wird sie sinnigerweise beim Tagi gedruckt. Doch nicht nur die Auflagen sinken. Noch schlimmer ist der Einbruch bei den einst üppigen Werbeeinnahmen, der durch die Online-Ausgaben nicht kompensiert werden kann.

Ein grosser Teil der Schweizer Werbegelder fliesst an die US-Techgiganten wie Google und Meta. Die Zürcher Zeitungen reagierten darauf ganz unterschiedlich. Beim Tagi folgt eine Abbaurunde auf die nächste. Die NZZ hingegen expandiert nach Deutschland. Und zuletzt sorgte sie mit der Ernennung eines neuen Chefredaktors für Aufsehen.

Tages-Anzeiger

Der an der Zürcher Werdstrasse domizilierte Verlag reagierte auf den Auflageschwund beim «Tages-Anzeiger» mit einer Vorwärtsstrategie: Mehrere Zürcher Regionalzeitungen wurden übernommen, ausserdem Verlage und Publikationen in Basel, Bern und der Romandie. Sie wurden unter dem Dach der Tamedia gebündelt, die wiederum zur TX Group gehört.

Diese erwirtschaftet mit diversen Beteiligungen sowie Auto-, Immo- und Jobplattformen satte Gewinne. Mit solchen «Kleinanzeigen» wurde früher der Journalismus finanziert, doch bei der TX Group gilt diese Maxime nicht mehr. Die Gewinne fliessen überwiegend in Dividenden für die Aktionäre. Die Tamedia-Zeitungen müssen sich hingegen selbst finanzieren.

Weil das immer schwieriger ist, wird seit Jahren abgebaut, nicht zuletzt beim Personal. Nach der vorletzten Runde wurde ein Entlassungsmoratorium verfügt, das Ende September auslief. Nur fünf Tage später wurde der nächste Abbau in den News-Redaktionen der Deutsch- und Westschweiz angekündigt. Insgesamt verlieren 41 Mitarbeitende ihre Stelle.

Am letzten Dienstag fand einmal mehr eine Protestdemo vor dem Tamedia-Sitz statt. Nur wenige Stunden später wurden die ersten Betroffenen zum Entlassungsgespräch bestellt. Einige gingen an die Öffentlichkeit, etwa die Literaturredaktorin Nora Zukker. Sie war zweimal Kulturjournalistin des Jahres, was sie nicht vor dem Rauswurf bewahrte.

Auf Instagram machte Zukker ihrem Ärger Luft: «Die Kultur wird beim Tages-Anzeiger derart weggespart, dass es einem schwindelig wird.» Was alle nachvollziehen können, die die Zeitung seit langem lesen. Kultur findet im Tagi nur noch als Minimalangebot statt, und das in einer Stadt wie Zürich, die mit Recht stolz ist auf ihr vielfältiges kulturelles Angebot.

Der Niedergang beschränkt sich nicht auf das Kulturressort. Der «Tages-Anzeiger» ist nicht nur umfangmässig gegenüber seinen Glanzzeiten enorm geschrumpft. Auch qualitativ lässt er nach, was kaum verwundert. Die ständige Angst vor Entlassung wirkt alles andere als motivierend. Und bessere Zeiten sind nicht in Sicht, ganz im Gegenteil.

Eine Person liest auf einem Mobiltelefon neben der gedruckten Ausgabe des Tages-Anzeigers, in dieser gestellten Aufnahme aufgenommen am Donnerstag, 21. September 2023 in Zuerich. Tamedia hat im Rahmen ...
Der gedruckte «Tages-Anzeiger» und seine Ableger sind stark geschrumpft. Dennoch liefern sie den Grossteil der Einnahmen.Bild: KEYSTONE

Tamedia-CEO Jessica Peppel-Schulz schilderte in einem Interview mit dem österreichischen «Standard» das Dilemma des Verlags: «Wir hängen noch zu mehr als 85 Prozent von Print-Einnahmen ab.» In Skandinavien sehe es umgekehrt aus. Als gesunden Mix bezeichnet sie «60 Prozent Print und 40 Prozent Digital in den nächsten drei bis fünf Jahren».

Selbst das wirkt ambitioniert. Die eher älteren Abonnentinnen und Abonnenten in der Schweiz sind konservativ und hängen am gedruckten Produkt, auch wenn sie immer mehr für weniger Inhalt bezahlen müssen. Das Ende von Print ist deshalb für Tamedia laut Peppel-Schulz kein Thema, obwohl Produktion und Vertrieb von Zeitungen teuer sind.

Also wird beim anderen grossen Kostenblock gespart, dem Personal. Der Abbau wird weitergehen, wie Tamedia-Sprecher Edi Estermann gegenüber watson indirekt einräumte, etwa indem Abgänge nicht ersetzt werden. Dabei hat das Segment Tamedia zuletzt profitabel gearbeitet. Doch die Zitrone soll immer weiter ausgepresst werden.

Dazu soll auch KI beitragen. Ob dies der journalistischen Qualität hilft, ist zumindest zweifelhaft. Eher besteht die Gefahr, dass Leserinnen und Leser ihr Abo kündigen. Eine ehemalige Tagi-Journalistin, die auch Mitglied der Chefredaktion war, sagte mir kürzlich, sie habe dieses Jahr ernsthaft erwogen, das Abo nicht zu erneuern und zur NZZ zu wechseln.

NZZ

Ein Mann liest am Freitag, 11. April 2003, die Neue Zuercher Zeitung, gegenueber dem NZZ-Sitz, an der Falkenstrasse in Zuerich. Die NZZ-Gruppe ist letztes Jahr mit 50 Millionen Franken in die roten Za ...
Ein Leser vor dem NZZ-Hauptsitz an der Falkenstrasse.Bild: KEYSTONE

Die «alte Tante» von der Falkenstrasse neben dem Opernhaus, wie die NZZ noch heute ehrfürchtig genannt wird, steht finanziell und inhaltlich solid da. Sie hat noch eigene Auslandskorrespondenten und einen Kulturteil, der diesen Namen verdient. Dennoch gab es auch hier Entlassungen. Hinzu kamen Turbulenzen inhaltlicher Art.

2014 wurde der damalige Chefredaktor Markus Spillmann vor die Tür gestellt. Er hatte das stramm freisinnige und wirtschaftsliberale Blatt ideologisch geöffnet. Der Verwaltungsrat unter dem Präsidium des Pharmaunternehmers Etienne Jornod jedoch machte eine Rolle rückwärts. Er wollte Spillmann durch den rechten Polemiker Markus Somm ersetzen.

Die Berufung scheiterte an Protesten aus Redaktion und Leserschaft. Zum Chefredaktor wurde der bisherige Auslandschef Eric Gujer ernannt. Auch er war sehr konservativ, was er durch das Engagement von rechten Journalistinnen und Journalisten unterstrich. Für Furore sorgte Gujer aber vor allem mit der Expansion nach Deutschland.

Das Berliner Büro der NZZ wurde aufgestockt. Allerdings hat im Norden niemand auf eine Zeitung aus Zürich gewartet. Die Deutschlandausgabe richtete sich denn auch primär an frustrierte Bürgerliche, die zur AfD tendieren. Hier gab es eine Marktlücke. Nach eigenen Angaben hat die NZZ in Deutschland mehr als 50’000 Digital-Abonnenten.

Eric Gujer, chief editor of the Neue Zuercher Zeitung (NZZ), in the committee room at the Falkenstrasse in Zurich, Switzerland, on May 22, 2015. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Eric Gujer, Chefredaktor  ...
Eric Gujer nach seiner Ernennung 2015 im berühmten Komiteezimmer der NZZ.Bild: KEYSTONE

Offiziell ist Eric Gujers Deutschland-Strategie ein Erfolg, inhaltlich aber sorgt sie immer wieder für Stirnrunzeln. Zumal sich der Chefredaktor keineswegs gemässigt hat, sondern Sympathien für Donald Trump oder die AfD erkennen lässt. Ende Januar 2027 tritt Gujer ab. Letzte Woche wurde sein Nachfolger ernannt, und dies sorgte für Aufsehen.

Chefredaktor wird der Wirtschaftsjournalist Mark Dittli, Gründer der Plattform «The Market» und zuvor Redaktor beim linken Onlinemedium «Republik». Allein dies sorgte schon im Vorfeld für Schnappatmung («Weltwoche»-Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann hatte die Personalie Dittli geleakt). Tatsächlich passt er kaum ins Schema F der NZZ.

So befürwortet Mark Dittli die harten Eigenkapitalregeln für die Grossbank UBS, die von der NZZ-Wirtschaftsredaktion abgelehnt werden. Dennoch soll nicht zuletzt seine Beliebtheit auf der Redaktion für die Ernennung verantwortlich sein. Konfliktpotenzial aber ist vorhanden, nicht zuletzt mit Eric Gujer, der Herausgeber der Deutschland-Ausgabe bleiben soll.

Dittlis Berufung wirkt wie ein Bruch mit der bisherigen Linie. Eine mögliche Erklärung ist ein Unbehagen in der klassisch-freisinnigen Schweizer NZZ-Leserschaft über Gujers immer unverhohlenere Annäherung an die AfD. Der Verwaltungsrat unter der neuen Präsidentin Isabelle Welton geht jedenfalls ein Risiko ein. Aber die NZZ wagt etwas.

Man kann von einem Umbruch oder gar Aufbruch sprechen, im Gegensatz zum permanenten Abbruch bei Tamedia. Es sind interessante Zeiten auf dem Medienplatz Zürich. Es wäre jedenfalls keine Überraschung, wenn das erwähnte ehemalige Tagi-Chefredaktionsmitglied im nächsten Jahr tatsächlich zur NZZ «überlaufen» würde.

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quelle: keystone / georgios kefalas
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