Salz statt Lithium: Wie eine Schweizer Firma vom Boom der Solarbatterien profitieren will
Er wollte kein Lithium im eigenen Keller, sagt der Unternehmer Hans-Ulrich Zwahlen. «Auf keinen Fall.» Also musste eine alternative Speicheroption her für den überschüssigen Strom, den er mit den Solarpanels auf dem Dach seines Hauses in Boll-Vechigen bei Bern produzierte. Fündig wurde er bei einer Firma, die Salzschmelze-Batterien anbot.
Doch die Technologie setzte sich nicht durch, die Leistung war zu schwach, die Firma ging Konkurs. Zwahlen, der sich gerade aus dem von ihm gegründeten Unternehmen, dem Schaltschränke- und Gehäusehersteller Swibox, operativ zurückgezogen hatte, schlug zu – zusammen mit zwei norwegischen Partnern, die bereits in Zürich eine Firma hatten. Zu dritt übernahmen sie 2024 die Ingenieure des konkursiten Unternehmens, firmierten die Firma der Norweger in Inesco um und richteten sie neu aus: Statt Salzschmelze-Batterien entwickelt und verkauft sie heute Natrium-Ionen-Batterien. Oder einfacher gesagt: Salzbatterien.
Rund zwei Jahre später schreibt Inesco schwarze Zahlen, wie Zwahlen und sein Geschäftsführer Roger Nyffenegger nicht ohne Stolz betonen. «Im Juni haben wir zum ersten Mal einen Gewinn geschrieben.»
Anders als viele andere Firmen, die hierzulande grosse Batterien-Träume wälzen, haben die beiden bewusst «klein» angefangen, wie sie erzählen. Mit Batterien fürs Einfamilienhaus, dann fürs Mehrfamilienhaus, dann für Landwirtschafts- und Gewerbebetriebe oder Energieversorger. «Im Kleinen wollten wir die Kinderkrankheiten ausmerzen und lernen», sagt Nyffenegger. «Nun können wir darauf aufbauen, unser Wissen skalieren.»
Rund 400 Batterien haben Nyffenegger und sein Team bis heute insgesamt verkauft. Ein durchschnittlicher Haushalt benötigt vier Stück, die zusammen 18 Kilowattstunden Strom speichern können. Werden diese tagsüber mit überschüssigem Solarstrom vollständig geladen, versorgen sie den Haushalt in der Regel die ganze Nacht, rechnet der Inesco-Chef vor. «Und – je nach Stromverbrauch – noch bis weit in den nächsten Tag.» Kostenpunkt für das besagte Batteriesystem: Rund 13'000 Franken – inklusive Energiemanagementsystem, Wechselrichter und Support.
Damit sind die Salzbatterien für das Modell-Einfamilienhaus rund 2000 Franken teurer als von der Leistung her vergleichbare Lithiumbatterien. Im Gegenzug sei aber der Rohstoff ökologisch besser abbaubar, enthalte keine kritischen Rohstoffe wie Kobalt und sei geopolitisch weniger problematisch, sagt Zwahlen. Zudem seien die Salzbatterien auch brandsicherer und bei Temperaturen von minus 20 bis plus 55 Grad einsetzbar. «Sie eignen sich also perfekt für die Schweiz.» Man könne sie auch draussen aufstellen.
Die Salzbatterien brauchen etwas mehr Platz als Lithiumbatterien. Das dürfte so bleiben, auch wenn Inesco jetzt ein etwas kleineres Modell, das einem schmalen Schuhschäftchen gleicht, im Angebot hat. Hinzu kommt der eigene Wechselrichter, der oberhalb an der Wand befestigt werden muss.
Zwahlen und Nyffenegger gehen davon aus, dass ihre Batterien dank günstigerer Rohstoffe mittelfristig billiger und Lithiumbatterien preislich gar unterbieten werden. Mit der steigenden Nachfrage sollte zudem auch die Herstellung günstiger werden. Wie die meisten Batterien stammen auch die Natrium-Ionen-Zellen aus China, Inesco bezieht sie von Biwatt, einer Firma aus Shenzhen. Auch die Gehäuse werden «noch» in China gefertigt, wie Zahlen anfügt, allerdings auf Auftrag. Die Software hingegen wurde hierzulande vom Inesco-Team entwickelt. Montiert und verkabelt wird das Batteriensystem ebenfalls in der Schweiz, von den Mitarbeitenden der Genossenschaft Vebo in Solothurn, die Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen beschäftigt.
Im Vebo-Park sind Zwahlen und seine Mitstreiter auch mit ihren Büro- und Laborräumlichkeiten eingemietet. Die 14 eigenen Angestellten kümmern sich mehrheitlich um die Produktentwicklung, die Software, das Marketing und um den Aufbau des Verkaufsnetzes.
Denn für den Vertrieb setzt die Firma auf die Zusammenarbeit mit Installateuren. «Heute sind es rund 35, die unsere Natrium-Ionen-Batterien anbieten», sagt Nyffenegger. «Wir wollen aber bei 100 bis 150 Installateuren erhältlich sein.» Diese sollen, so die Hoffnung, ihren Kunden vermehrt eine Alternative zu Lithium anbieten.
Als «wichtigen Startkunden» für grössere Batterien bezeichnet Nyffenegger die Elektra Gams. Der Stromversorger im St. Galler Rheintal setzt die Salzbatterien ein, damit das Netz angesichts der steigenden Zahl von Solarpanelbesitzern auch an sonnigen Tagen stabil bleibt. Die dort in Metallschränken gestapelten Salzbatterien können 200 Kilowattstunden Strom speichern. «Es reicht, um in diesem Quartier die Spannungsspitzen zu brechen», sagte Elektra-Gams-Chef Heinz Kolb dem «St. Galler Tagblatt». «Nachts, wenn der Strom gebraucht wird, entladen wir die Batterien wieder.»
Der Einsatz von Batterien sei für Energieversorger günstiger als der kostspielige Netzausbau, sagt Nyffenegger. Das Geld dürfte laut ihm auch mehr Besitzer von Solaranlagen dazu motivieren, sich eine Batterie anzuschaffen. Denn ab 2027 können diese ihren überschüssigen Strom nicht einfach zu einem Fixpreis ins Netz ihres lokalen Stromversorgers einspeisen, sondern sind stärker den Marktpreisen ausgeliefert. Während kleine Anlagen weiterhin durch eine Mindestvergütung von 6 Rappen pro Kilowattstunde geschützt sind, dürften jedoch die Erlöse bei hoher Solarproduktion deutlich sinken. «Finanziell wird es sich also lohnen, selbst eine Batterie zu installieren», sagt der Inesco-Chef. «Umso mehr, als unsere Software fähig ist, dynamische Preise abzubilden.»
Noch setzen die meisten dabei auf Lithium. Für Hans-Ulrich Zwahlen jedoch hat sich die Suche nach einer Alternative zu einem neuen Geschäftsmodell entwickelt. (schweizheute.ch)
