Warum der Klimaschutz in der Schweiz trotz Hitze und Trockenheit kaum vorankommt
Der Sommer ist erst zur Hälfte vorbei. Und bereits haben wir mehrere Hitzewellen erlebt. Besonders heftig war jene in der zweiten Junihälfte, als die Temperaturrekorde pulverisiert wurden. Nun zeichnet sich eine Entspannung ab. Nächste Woche dürften die Temperaturen im für die Jahreszeit «normalen» Bereich liegen. Doch was heisst heutzutage schon normal?
Nicht normal ist die anhaltende Trockenheit. Zwar regnete es in den vergangenen Tagen ab und zu, doch flächendeckende Niederschläge sind weiter nicht in Sicht. Seit Wochen versperren Hochdrucklagen den Tiefdruckgebieten über dem Atlantik den Weg nach Europa. Doch das Problem reicht weiter zurück: Schon im Winter gab es wenig Regen und Schnee.
Im Frühjahr setzte sich dies fort. Die Folgen sieht man in ganz Europa. Selbst auf den als eher feucht bekannten Britischen Inseln sind die Böden mehr braun als grün, wie ich in den letzten Wochen aus eigener Anschauung feststellen konnte. Ozeane, Seen und Flüsse sind viel zu warm, und die Wasserstände sinken auf ein bedrohlich niedriges Niveau.
Baden und Fischen verboten
Das beeinträchtigt nicht nur den Warentransport, etwa auf dem Rhein. In der Schweiz wurde das Baden und Fischen in kleineren Fliessgewässern teilweise verboten, um Fische und andere Lebewesen zu schützen. Dennoch ist es absehbar, dass Tier- und Pflanzenarten, die an kühlere Temperaturen gewöhnt sind, mit der Zeit «verschwinden» werden.
Die Trockenheit stresst auch die Bauern. Einige holen ihr Vieh von den Alpen, weil es zu wenig Wasser und Futter hat. Andere müssen ihre Tiere notschlachten lassen. Die Bewässerung von Feldern führt zu Konflikten. Selbst wasserreiche Länder wie die Schweiz oder Österreich werden um ein besseres Wassermanagement kaum herumkommen.
Matterhorn ohne Schnee und Eis
Die Rekordhitze macht sich auch in den Alpen bemerkbar. Das Matterhorn, der ikonischste Berg der Schweiz, ist weitgehend schnee- und eisfrei. Zermatter Bergführer warnen deshalb gemäss dem Portal Ponoma vor Bergtouren. Sie selbst gehen nur noch mit «Stammgästen» aufs Matterhorn. Erst am letzten Sonntag stürzten dort zwei Alpinisten in den Tod.
Das sind nur einige Beispiele. Man könnte weitere erwähnen. So zählen die Städte bereits Mitte Juli so viele Hitzetage, wie laut Prognosen erst für einen durchschnittlichen Sommer 2045 erwartet werden, schreibt der «Tages-Anzeiger». Trotzdem behaupten Klimaleugner, das sei eigentlich ganz normal und habe es früher schon gegeben.
Stets kältere Perioden
Tatsächlich gab es beispielsweise 1911 oder 1947 abnormal heisse Sommer. «Darauf folgten aber stets kältere Perioden», betont der «Tages-Anzeiger». In den letzten Jahrzehnten jedoch hat es eigentlich nie mehr einen kühlen Sommer gegeben. Vielmehr sind Hitzewellen und Trockenperioden mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme.
«Der Juni 2026 hat deutlich gemacht, wie tiefgreifend sich das Klima verändert», sagte Samantha Burgess, strategische Leiterin für Klima beim EU-Programm Copernicus in Bonn. Das belastet nicht nur Natur und Landwirtschaft, sondern führt auch zu Todesfällen. Und der Boom bei Klimaanlagen bekämpft nur die Symptome, aber nicht die Ursachen.
Bis 45 Grad
Dabei sind die Szenarien düster: Bei einer mittleren globalen Erwärmung um drei Grad, auf die wir derzeit zusteuern, drohen noch heftigere Hitzewellen und Trockenphasen. Davor warnt der Bund in seinen Klimaszenarien. Laut einer Studie von MeteoSchweiz könnte es im Extremfall Tageshöchsttemperaturen über 45 Grad und Tropennächte mit 25 Grad geben.
Das könnte der Klimapolitik einen neuen Schub verleihen. Die Grünen, die in den letzten Jahren schwächelten, haben eine Hitzekampagne lanciert, die an die Corona-Plakate des Bundes angelehnt ist. Ausserdem hat die Partei einen Hitzeplan erstellt «für eine resiliente Schweiz, in der alle Menschen und die Umwelt auch an heissen Tagen geschützt sind».
Rückgang beim Solarzubau
Der Plan orientiert sich bewusst am Machbaren und verzichtet auf Moralisierung. Er zieht die Lehren aus dem Klimaaktivismus am Ende des letzten Jahrzehnts, der langfristig dem Klimaschutz wohl mehr geschadet als genutzt hat. Das zeigt sich unter anderem am zuletzt erlahmten Photovoltaik-Zubau und am schleppenden Absatz von Elektroautos.
2025 gab es bei den Neuinstallationen von Solaranlagen einen Rückgang von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr, teilte der Verband Swissolar letzte Woche mit. Das liegt auch an einer Verunsicherung bei den finanziellen Anreizen. In diesem Punkt gab es in den letzten Jahren keine klare Linie. Der Bundesrat will deshalb die Einmalvergütung anheben.
Mehr Interesse an Elektroautos
Einen Schub könnte es auch durch den Iran-Krieg und damit verbundene Folgen für die Energieversorgung geben, ähnlich wie bereits nach Wladimir Putins Ukraine-Invasion. Bei der Elektromobilität scheint sich dies bereits abzuzeichnen. Gemäss dem am Donnerstag veröffentlichten «Mobilitätstacho» des Versicherers Axa steigt das Interesse an Elektroautos.
Nur noch 39 Prozent wollen demnach als Nächstes einen Verbrenner kaufen, gegenüber 48 Prozent im Vorjahr. Für 46 Prozent machen die gestiegenen Treibstoffpreise den Kauf eines Elektroautos wahrscheinlicher. Wobei man sich auch fragen kann, warum sich immer noch 39 Prozent von Ölimporten aus geopolitisch instabilen Regionen abhängig machen wollen.
Mehr günstige Fahrzeuge
Das Auf und Zu an der Strasse von Hormus könnte neben dem heissen und trockenen Sommer der E-Mobilität zum Durchbruch verhelfen. Zudem kommen immer mehr günstige Fahrzeuge auf den Markt, besonders von den in der Schweiz beliebten deutschen Marken. Denn die Kosten sind laut Axa ein zunehmend wichtiger Faktor beim Autokauf.
Rekordhitze und Iran-Krieg sind die besten Argumente für die Dekarbonisierung, die Abkehr von fossilen Energieträgern. Ob das auch klappt? Der Blick auf die jüngere Vergangenheit stimmt eher skeptisch, aber das Problem lässt sich immer schlechter verdrängen. Deshalb stellt sich nur eine Frage: Wenn nicht jetzt, wann dann?
