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Angeklagter im Raiffeisen-Prozess packt aus: «Es gab keine konspirativen Absprachen»

Lange hat er geschwiegen. Nun, drei Wochen vor Prozessbeginn, tritt der Hauptangeklagte Beat Stocker an die Öffentlichkeit und weist die Betrugsvorwürfe von sich.
02.01.2022, 09:0602.01.2022, 12:14

Einer der Hauptangeklagten im Raiffeisen-Prozess hat wenige Wochen vor Verhandlungsbeginn erstmals in einem Interview Stellung bezogen. Der frühere CEO und spätere Verwaltungsrat der Kreditkartengesellschaft Aduno, Beat Stocker, wies in der «NZZ am Sonntag» die Betrugsvorwürfe gegen sich zurück. Er habe mit umstrittenen privaten Engagements zuerst in seiner Rolle als CEO und später als Verwaltungsrat «stets im Interesse» seines Arbeitgebers gehandelt, sagte der 61-Jährige.

Bricht sein Schweigen: Beat Stocker.
Bricht sein Schweigen: Beat Stocker.Bild: linkedin

Die Zürcher Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, sie hätten sich verdeckt privat an mehreren Startups beteiligt und ihre Rollen als Chefs bei der Bankengruppe Raiffeisen und der Kreditkartenfirma Aduno ausgenützt. Sie hätten auf die Übernahme der Start-ups hingearbeitet und Millionen in die eigenen Taschen geleitet. Der Prozess gegen die sieben Beschuldigten beginnt am 25. Januar. Den beiden Hauptangeklagten Vincenz und Stocker drohen mehrjährige Haftstrafen.

Die wichtigsten Aussagen aus dem Interview mit der «NZZ am Sonntag»:

Beat Stocker über...

... den Entscheid, nun doch noch an die Öffentlichkeit zu gehen.

«Das ist für mich unüblich. Es war nie meine Art, den Kopf in die Kamera zu halten. Früher riefen die Fotografen bei gemeinsamen Auftritten, ob der Mann neben Pierin Vincenz bitte aus dem Bild gehen könne. Jetzt will ich erzählen, wer ich wirklich bin. Ich befürchte, heute einzig als eine Art Schatten von Vincenz wahrgenommen zu werden. Ich war nie ein Schatten von Pierin Vincenz. Vier Jahre habe ich versucht, der Staatsanwaltschaft zu erklären, wie ich ticke, wie ich Geschäfte mache und dass der Vorwurf, Pierin und ich hätten uns verschworen, um die Raiffeisen und die Aduno zu betrügen, keine Basis hat. Das hat nicht funktioniert.»

... die Zeit in Untersuchungshaft

«Ich war zuerst einmal naiv. Zwar war Pierin wegen der laufenden Untersuchungen von Aduno, Raiffeisen und der Finanzmarktaufsicht bereits zur Persona non grata geworden. Dennoch war ich, als die Kantonspolizei an jenem Morgen um sechs Uhr bei mir klingelte, noch sehr zuversichtlich. Erst mein Anwalt erklärte mir, wie ernst die Situation ist. Auf dem Polizeiposten wurden mir das erste Mal Handschellen angelegt, und ich verbrachte die Nacht im Polizeigefängnis mit einem Mexikaner, der offensichtlich einen Drogenflash hatte. Was danach folgte, war der Horror. [...] Gleich zu Beginn wurde mir im Gefängnis Pfäffikon Zürich ein Stapel mit Bettlaken und einem Badetuch gereicht. Obendrauf lag ein rosarotes Kondom. Und dann hiess es, Sie können jetzt duschen, Herr Stocker. Ich dachte, ou Stocker, das kommt nicht gut.»

... seine Krankheit

«Im Jahr 2013, mit 53 Jahren, war bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert worden. Ich bin heute stark eingeschränkt, was das Laufen angeht, der Kopf ist nicht betroffen. In der Haft wollte ich die Therapie fortsetzen, doch hätte ich dazu mit dem Zug ins Berner Inselspital fahren müssen, jeweils flankiert von zwei Polizisten und mit Handschellen gefesselt. Das wollte ich nicht. Nachdem ich zweimal hingefallen war, weil ich mich wegen der hinten festgebundenen Hände nicht abstützen konnte, wurden mir die Handschellen dann vorne angelegt.»

... wie er Pierin Vincenz kennengelernt hat

«Über Barend Fruithof, den späteren Raiffeisen-Finanzchef. Er war Student bei mir und holte mich als Berater, bevor er zur Zürcher Kantonalbank wechselte. Er und ich schrieben gemeinsam den Geschäftsplan für den Aufbau einer Kreditkartenfirma, der späteren Viseca. Unsere Idee war, die Nicht-Grossbanken in einem Pool zusammenzufassen, um so für die digitalen Herausforderungen gewappnet zu sein. Mit dem Businessplan gingen wir zu den Chefs der Kantonalbanken, Regionalbanken und Raiffeisen. Dort lernte ich den neuen Chef Pierin Vincenz kennen, einen jungen Bergler mit halblangen Haaren.»

... Vincenz' Geldprobleme

«Pierin hatte rund um seinen Rücktritt als CEO der Raiffeisen immer wieder Liquiditätsprobleme. Wie gross die wirklich waren, erfuhr ich aber erst im Verlauf der letzten vier Jahre. Die erste konkrete Anfrage von Pierin kam im Juni 2014 rund um eine private Angelegenheit im Zürcher Hotel Park Hyatt. Die Medien haben darüber auch berichtet. Er rief mich an jenem Abend aufgelöst an und sagte: ‹Ich brauche sofort eine Million. Es ist etwas passiert. Frag nicht nach, ich brauche das Geld dringend, und ich brauche es cash.›»

... wie er darauf reagiert hat

«Für mich war klar: Das ist jetzt nicht der Moment zum Diskutieren. Ein Jahr später kam es zu einem zweiten Darlehen. Wir diskutierten verschiedene Beträge, die er für ein Immobilienprojekt im Tessin brauchte. Zum Schluss überwies ich im Juni 2015 2,9 Mio. Fr. von meinem Konto bei der Bank Julius Bär auf das Gemeinschaftskonto von Pierin und seiner Frau bei der Raiffeisen in Lugano. Diese Transaktion wurde an den Finanzblog ‹Inside Paradeplatz› geleakt und löste bekanntermassen die ganze Affäre aus.»

... die 38 Mio. Fr, die Vincenz zwischen 2005 und 2015 verdient hat

«Ich wusste damals nicht, wie viel er verdiente. Ich möchte nicht spekulieren. Ich weiss aber: Er hat nebenbei immer wieder einmal in Projekte investiert, die von Bekannten, der Familie und von vielen Leuten, die ihn als öffentliche Person kannten, an ihn herangetragen wurden.»

... über den Vorwurf, dass die 2,9 Mio. Fr die Weitergabe des Anteils an einer verdeckten Beteiligung sei, die er mit Vincenz am Private-Equity-Start-up Investnet hielt

«Das ist falsch, es handelte sich um ein privates Darlehen. Pierin kam im Mai 2015 auf mich zu und sagte, er brauche erneut Geld. Jedes Mal, wenn er in eine neue Lebensphase trete, kaufe er sich ein neues Haus. Sein Abgang als CEO der Raiffeisen stand an, nun wollte er eine Villa in Morcote im Tessin für ungefähr 10 Mio. Fr. erwerben. Doch habe er gerade Liquiditätsprobleme und könne das Eigenkapital nicht aufbringen.»

... den Missbrauch von Spesen im Rotlichtmilieu

«Konkret wird mir vorgeworfen, dass ich in sechs Jahren 16'835 Fr. in Bars und Striplokalen mit der Geschäftskreditkarte ausgegeben habe. Etwas mehr als 200 Fr. im Monat. Diese Spesen seien nicht geschäftsbegründet gewesen und hätten gegen die Interessen der Aduno verstossen. Natürlich war ich auch einmal in Bars oder in Striplokalen, oftmals sind das die einzigen Orte, wo man spätabends noch Abendessen oder einen Drink nehmen kann nach einer Sitzung. Als CEO der Aduno ging ich zudem mit Gästen bewusst zu Aduno-Kunden wie dem King’s Club in Zürich.»

Köpferollen bei Raiffeisen – die Rücktritte im Überblick

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Köpferollen bei Raiffeisen – die Rücktritte im Überblick
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... den Vorwurf, mit Vincenz ihre damaligen Arbeit- und Auftrageber betrogen zu haben

«Nein, das habe ich nicht. Auch hier muss ich ausholen. Als ich in der Untersuchungshaft erstmals mit den damaligen Vorwürfen der Staatsanwaltschaft konfrontiert wurde, bin ich wirklich erschrocken. Ich ging davon aus, dass die Behörden gut vorbereitet sind, wenn sie so heftig gegen mich und die anderen Beschuldigten vorgehen. Ich sagte im Dialog mit meinem Anwalt stets: Falls ich irgendeine rote Linie überschritten haben sollte, werde ich dafür geradestehen. Doch dann vertieften wir uns in unzähligen Einvernahmen mit der Staatsanwaltschaft in die Details und kamen zum Schluss, dass diese nach unserer Auffassung einer genauen Prüfung nicht standhalten können.»

... die Tatsache, dass er und Vincenz mit vorab getätigten Investitionen privat von Beteiligungen profitierten

«Die Frage ist aber, ob ich verpflichtet gewesen wäre, Gewinne, die ich privat erzielte, der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen herauszugeben. Ich denke, das ist nicht der Fall.»
«Mit meinen frühen privaten Engagements ging ich ein privates unternehmerisches Risiko ein. Im Start-up-Bereich kann sehr schnell sehr viel schieflaufen. Businesspläne funktionieren nicht, oder ein Investor steigt aus. Ein zu früher Einstieg in ein Startup wäre für die Aduno oder die Raiffeisen ein Risiko gewesen und keine Geschäftschance.»

... private Beteiligung und das Hinarbeiten auf eine Übernahme. Ist das nicht konspirativ?

«Es gab bei keiner Transaktion eine solche konspirative Absprache zwischen uns. Vielmehr standen jeweils private, unternehmerische Ideen im Zentrum. Dabei war der Ablauf stets ähnlich: So wandte sich beispielsweise der Hauptaktionär der Commtrain an Pierin und erklärte, er suche kurzfristig eine Liquiditätslösung für seine Firma. So begann das Ganze. Pierin und ich besprachen nie eine taktische Dimension. Hätten wir uns damals verschworen, hätten wir doch irgendwann darüber reden müssen, so quasi: Schau du, dass in der nächsten Sitzung etwas ganz Konkretes besprochen wird, damit wir ein ganz bestimmtes Ergebnis erzielen können. Das haben wir nie gemacht.»

... über die Notwendigkeit, den Verwaltungsrat über sein privates Engagement zu informieren

«Aus heutiger Sicht heraus, auch nach den Erlebnissen in den letzten vier Jahren, muss ich selbstkritisch sagen: Ja, ich habe dort den Moment verpasst, das mit den Kollegen zu diskutieren. Damals aber war für mich klar, und das ist es heute noch, dass ich diese privaten Positionen in meiner Rolle als selbständiger Unternehmer tragen durfte. Und dass ich in meiner Rolle als CEO und dann als Verwaltungsrat der Aduno stets im Interesse meines Arbeitgebers handelte. Dass ich also die zwei Hüte separat tragen konnte, ohne automatisch in einem Interessenkonflikt zu sein. Für mich sollte jeder Verwaltungsrat skin in the game haben und risikobehaftete Investitionen nicht einfach der Gesellschaft zumuten. Eine kriminelle Energie war ganz bestimmt nicht da.»

Mit Material der Nachrichtenagentur sda.

(saw)

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