«Es ist unverschämt»: Ärger an der Zapfsäule über hohen Dieselpreis
Tomasino ist gerade aus den Ferien in Sardinien zurückgekehrt und hängt seine Volvo-Occasion an den Dieselschlauch. «Normalerweise bin ich ja mit der Vespa unterwegs, um Treibstoff zu sparen», sagt der Mann im Pensionsalter. Exakt 132 Franken und 14 Rappen kosten ihn die rund 60 Liter für die Tankfüllung. Für Tomasino ist das viel Geld. Drei Jahre habe er für die drei Wochen Ferien in Sardinien gespart.
Eigentlich würde er ja gerne ein Elektroauto fahren, aber realistisch sei das bei deren Preisen und seinen derzeitigen Ausgaben nicht. Tomasino konstatiert: «Miete, Krankenkasse, Strom, Handy, Essen: Alles wird teurer.»
Zuletzt sind die Treibstoffpreise nochmals angestiegen, besonders der Diesel. Unter anderem kriegerische Handlungen und brennende Raffinerien in Nahost und der tiefe Wasserstand des Rheins machen Diesel zu einem knappen, teureren Gut in der Schweiz.
Am Freitag erreichte er mit einem durchschnittlichen Literpreis von 2.41 Franken einen neuen Allzeitrekord. Doch die Preise variieren: Die Agrola-Zapfsäule in Lufingen gehört mit einem Dieselpreis von 2 Franken und 25 Rappen pro Liter zu den günstigsten im Zürcher Unterland.
watson wollte vor Ort herausfinden, ob Menschen nun extra für die günstigere Zapfsäule nach Lufingen reisen.
Marcel wünscht sich eine Demo für tiefere Spritpreise
Kurz vor Mittag fährt Marcel mit einem Mercedes-Bus vor. Gekauft, um Material an Flohmärkte zu schaffen. Auch Marcel ist Pensionär, doch seine Worte sind deutlicher als jene von Tomasino: «Es ist grausam und unverschämt, dass man auf den kleinen Leuten mit diesen Preisen herumhackt», sagt er.
Auch wenn er mehr Diesel tanken könne, belasse er es bei einer Füllung von höchstens 30 Franken. «Aus Prinzip.» Bei einer Demo gegen hohe Spritpreise und Kriege wäre er sofort dabei. «Ich habe drei Enkel. Manchmal frage ich mich, was ihre Zukunft bereithält», sagt er.
Mit Jahrgang 1959 habe er eine wunderbare Kindheit gehabt, das wünsche er sich auch für seine Enkel. Gerade vor kurzem habe er mit einem Kollegen über die 70er-Jahre geredet. «Wie schön wir es damals hatten», sagt Marcel etwas wehmütig. Aber ist Marcels Kindheit die ganze Geschichte?
Anfang der 70er-Jahre verbrauchte die Schweiz immer mehr Öl für Autos und Heizungen, in der Öffentlichkeit ist der Klimawandel noch kaum ein Thema. Und 1973 spürt die Schweiz die weltpolitische Lage beim Tanken noch stärker als heute. Infolge des Jom-Kippur-Kriegs erhöhen die arabischen Staaten den Ölpreis drastisch, es kommt zu einer globalen Ölkrise. Der Bundesrat ruft autofreie Sonntage aus und es folgte eine schwere Rezession.
«Immerhin gab es in den 70er-Jahren weniger Autos auf den Strassen», sagt Marcel. Aus seiner Sicht hat es heute nämlich auch zu viele Fahrzeuge auf der Strasse. Die Erinnerung an früher ist damit also nicht getrübt.
Operationsfachfrau: «Es könnte schlimmer sein»
Auch eine Operationstechnikerin kommt an der Zapfsäule auf frühere Zeiten zu sprechen. Doch bei ihr ist weniger Nostalgie, sondern die Einordnung der Gegenwart der Grund dafür. «Klar schmerzen die Preise, aber es könnte schlimmer sein. In der Schweiz haben wir es heute vergleichsweise gut», sagt sie.
Ihre Eltern seien Ende der 60er-Jahre aus Jugoslawien in die Schweiz eingewandert. Oft hätten sie aber die Ferien im heutigen Slowenien verbracht. «Da konnte man manchmal nicht tanken. Es gab teils kein Waschpulver und keinen Kaffee in den Supermärkten», erzählt sie. Vieles habe man jeweils aus der Schweiz mitgenommen.
Sie hätte nichts gegen tiefere Treibstoffpreise, doch ist sie auch der Meinung, dass man den Dieselpreisen keineswegs ausgeliefert ist: «Ich fahre oft mit dem E-Bike zur Arbeit und versuche, meine Fahrzeit zu begrenzen. Wer nur zum Spass herumfährt, muss nicht über die Preise jammern.»
Deutscher Tierarzt: Die Schweizer motzen weniger
Einigermassen gelassen auf den hohen Dieselpreis blickt auch ein 40-jähriger Tierarzt. Er tanke nie voll und müsse sich glücklicherweise keine Sorgen über seine Spritausgaben machen.
«Die Strasse von Hormus ist ja immer wieder geschlossen, klar werden diese Kosten teils an den Konsumenten überwälzt.» Ihn verwundert etwas anderes. Nämlich, dass der Dieselpreis in der Schweiz ähnlich hoch oder teils tiefer sei als in Deutschland, trotz höherer Löhne in der Schweiz. Aktuell liegt der durchschnittliche Dieselpreis in Deutschland bei 2 Euro und 47 Cent.
Seit er in der Schweiz lebe, sei ihm auch aufgefallen, dass die Treibstoffpreise in der Schweiz deutlich weniger bewegten als in Deutschland. «In Deutschland ist der Sprit eines der bestimmenden Themen. In der Schweiz ist das Motto eher: ‹Augen zu und durch›.»
Er glaube, das Vertrauen in den Staat sei in der Schweiz nochmals grösser als in Deutschland. «Und in Deutschland ist Meckern ja eine Tugend.»
44-Jährige wählt ihre Tankstelle bewusst
Morgens sei sie schon bei der Tankstelle in Lufingen gewesen, doch es hätte da keinen Platz mehr gegeben, um ihr Auto zu parken. Sie kam deshalb ein zweites Mal vorbei, erzählt eine 44-Jährige, die ihren Namen nicht bei watson sehen möchte.
Die hohen Preise spüre sie vor allem bei ihrem eigenen Verhalten. Sie hätte auch in Bülach tanken können, doch für den tieferen Preis in Lufingen habe sie die Rückfahrt in Kauf genommen. Sie fährt zwar einen Benziner, doch auch der Liter Bleifrei war schon günstiger. In Lufingen liegt er bei 2 Franken und 5 Rappen. Auch das ist ein vergleichsweise guter Preis.
«Man fragt sich, wann der Preisanstieg endlich aufhört», sagt sie. Dennoch sei es nicht so, dass sie und ihr Mann Ausflüge oder andere Freizeitaktivitäten streichen müssten.
