Warum Genf und die G7-Gegner sich wegen einer Brücke in die Haare geraten
Zwar haben die Genfer Behörden die Anti-G7-Demonstration vom 14. Juni bewilligt, doch über die Route wird heftig gestritten. Der Genfer Staatsrat hat entschieden, dass der Demonstrationszug ausschliesslich am rechten Seeufer stattfinden darf. Die Organisatoren wollten hingegen auch durch die linke Seeseite ziehen. Die von ihnen gewünschte «U-Route» entlang des Genfersees wurde abgelehnt – genauso wie die Überquerung der Mont-Blanc-Brücke.
Die Route der Anti-G7-Demonstration in Genf
Am Dienstag, dem 2. Juni, teilten die Organisatoren mit, dass sie den Vorschlag der Regierung akzeptieren – auch wenn sie weiterhin für die sogenannte «U-Route» entlang des Sees kämpfen. «Aus unserer Sicht ist das die beste Lösung», sagt Teo Frei, Mitglied des Bündnisses No G7.
Die Mont-Blanc-Brücke hat für Demonstrationen in Genf eine besondere symbolische Bedeutung. Zahlreiche Demonstrationen führen regelmässig über die Brücke, die als zentrale Verbindung zwischen den beiden Seeufern gilt.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Ist die Brücke zu instabil?
Genau deshalb stösst eines der Argumente des Staatsrats bei der No-G7-Koalition auf Unverständnis. Die Behörden verweisen auf eine angebliche statische Schwäche der Mont-Blanc-Brücke. Eine grosse Menschenmenge könnte demnach sowohl die Sicherheit der Demonstrierenden als auch die Brücke selbst gefährden.
Bereits vergangene Woche hatte Staatsrätin Carole-Anne Kast auf eine Richtlinie der Stadt Genf aus dem Jahr 2014 verwiesen, die in diese Richtung argumentiert. Für die Organisatoren ist diese Begründung jedoch schwer nachvollziehbar.
Das Dokument, das watson einsehen konnte, listet eine Reihe von Sicherheitsauflagen für Veranstaltungen auf der Mont-Blanc-Brücke auf. Darin heisst es unter anderem, dass «jede Ansammlung von mehr als drei Personen, die auf den Trottoirs synchron springt», «umgehend aufgelöst» werden müsse.
Auch DJs und Veranstalter werden ausdrücklich in die Pflicht genommen: Sie dürfen das Publikum weder zu synchronem Hüpfen animieren noch Musik abspielen, deren Frequenzen in einen als kritisch eingestuften Bereich fallen. Die Sorge dahinter: Resonanzeffekte könnten die Brückenkonstruktion zusätzlich belasten.
«Man kann sich das wie eine schwingende Saite vorstellen. Gibt man ihr Impulse im gleichen Rhythmus wie ihre Eigenfrequenz, werden die Ausschläge immer grösser», erklärt Philippe Menétrey, Geschäftsführer des Ingenieur- und Architekturbüros INGPHI. Bei einer Brücke funktioniere das nach demselben Prinzip, so der Experte weiter:
Kann das bei der Brücke passieren, über die die G7-Gegner unbedingt marschieren wollen? Der Experte bestätigt dies. «Die seitlichen Fussgängerstege der Mont-Blanc-Brücke können tatsächlich in Resonanz geraten», fügt Philippe Menétrey hinzu. «Wer die Brücke zu Fuss überquert, merkt schnell, dass die beiden Trottoirs deutlich vibrieren.»
Für Philippe Menétrey ist deshalb klar: Demonstrationszüge sollten die Mont-Blanc-Brücke möglichst meiden. «Dafür gibt es einen technischen Grund – und der wird immer offensichtlicher», sagt er. Aus Sicht des Ingenieurs ist die Gefahr von Resonanzeffekten auf den seitlichen Fussgängerstegen real und sollte bei der Planung von Grossveranstaltungen ernst genommen werden.
«Nicht sehr seriös»
Bleibt die Frage, weshalb andere Grossanlässe die Brücke in der Vergangenheit passieren durften – trotz der statischen Bedenken. Darauf verweisen die Organisatoren. Sie werfen der sozialdemokratischen Regierungsrätin vor, das Argument aus dem Hut gezaubert zu haben. «Seit Jahren ziehen grosse Demonstrationen über die Brücke – und das war nie ein Problem», sagt Teo Frei. Als Beispiel nennt er die Lake Parade: Am Umzug nahmen 2024 rund 70'000 Personen teil. Der Vertreter der No-G7-Koalition ergänzt:
Der Kanton weist diese Kritik entschieden zurück. «Diese Richtlinie wird grundsätzlich immer dann angewendet, wenn eine Veranstaltung die Mont-Blanc-Brücke überqueren soll. Für alle Anlässe gelten dieselben Vorgaben», sagt Laurent Paoliello vom Departement für Institutionen und Digitalisierung (DIN).
Der Unterschied liege vielmehr im Profil der Teilnehmenden, sagt Paoliello. «Bei der Demonstration gegen den G7-Gipfel handelt es sich nicht einfach um einen gewöhnlichen Umzug.» Der Sprecher verweist auf das Risiko, dass einzelne Personen die Brücke symbolisch blockieren, stehen bleiben oder gar zu springen beginnen könnten. «Das könnte sowohl die Brücke selbst als auch die Demonstrierenden und die Einsatzkräfte gefährden.»
Paoliello betont zudem, dass auch frühere Veranstaltungen auf der Mont-Blanc-Brücke «sehr strengen Sicherheitsauflagen» unterstanden hätten:
Für Paoliello handelt es sich ohnehin um eine «Scheindebatte». Die mögliche Anfälligkeit der Brücke sei «nur eines von mehreren Argumenten» gewesen, die der Staatsrat für seinen Entscheid angeführt habe. «Dieser Punkt scheint in der Diskussion etwas vergessen gegangen zu sein», sagt er.
Bleibt eine letzte Frage: Die vom Staatsrat vorgeschlagene Route führt über eine andere Brücke – jene auf der Avenue de France über den Bahngleisen. Bestehen dort ähnliche Risiken?
Laurent Paoliello verneint. «Für diese Brücke gelten nicht dieselben sicherheitsrelevanten Einschränkungen wie für die Mont-Blanc-Brücke», sagt er. Und er fügt an: «Die Polizei wird spezifische Massnahmen ergreifen, um sowohl die Demonstrierenden als auch das Bauwerk zu schützen.»
