Rätsel um plötzliche Bücher-Bestellungen bei Antiquariaten – das steckt dahinter
Tobias Flückiger* ist gerade unterwegs, als die Mail mit der Bestellung eintrifft. An einem Samstagabend Ende Mai kauft ein kanadisches Unternehmen elf Bücher aufs Mal. Das ist ungewöhnlich.
Die Firma heisst Zoom Books und schreibt auf ihrer Webseite, dass sie sich dem «Erwerb, Weiterverkauf und Recycling von Büchern verschrieben» hat und «Publikationen in nachhaltige Ressourcen» umwandelt. Flückiger, der jahrzehntelang in der Verlagsbranche tätig war, hat noch nie etwas vom Unternehmen gehört.
Der Buchhändler betreibt seit seiner Pensionierung ein kleines Antiquariat mit Kunst-, Fotografie-, Grafik- und Architekturbüchern. Die Bücher lagern in seinen Kellerräumen. Flückiger verkauft sie online über die gängigen Verkaufsplattformen.
Normalerweise kaufen seine Kundinnen und Kunden, überwiegend Museen oder Galerien, jeweils ein Buch, im besten Fall zwei aufs Mal. Doch diese Bestellung ist anders. Elf Titel, das gab es noch nie.
Und noch etwas macht ihn stutzig: Die bestellten Bücher passen überhaupt nicht zusammen. Einmal geht es um den Kreuzplatz in Zürich, einmal um Hans Arp, ein anderes Mal um bauliche Veränderungen im Bundeshaus oder um eine soziologische Studie über das Verhältnis zwischen der Schweiz und China.
Auffällige Bestellungen häufen sich
Was Flückiger beschreibt, erleben zeitgleich auch viele andere Buchhändlerinnen und Buchhändler im deutschsprachigen Raum.
Als seine Frau den Käufer recherchiert, findet sie in Onlineforen Berichte anderer Antiquare und Händlerinnen, die seit Ende April ebenfalls auffällige Bestellungen von Zoom Books erhalten haben. Diese berichten von einem ähnlichen Muster: Zoom Books bestellt Sachbücher, ältere Titel, manche bereits vergriffen, darunter auch viele Ladenhüter. Und sie fragen sich:
In den Tagen und Wochen nach der ersten grossen Bestellung folgen immer wieder neue, kleinere Bestellungen von Zoom Books. Flückiger kommt ihnen nach, er verschickt die Bücher. Die Lieferadresse ist ein Lager in Deutschland, nahe der polnischen und tschechischen Grenze. Bei den Bestellungen läuft alles problemlos ab: «Sie haben immer im Voraus bezahlt», erzählt der Antiquar. Für ihn ist es ein gutes Geschäft: Um die 800 Euro erzielt er durch die Verkäufe.
Doch die Frage bleibt: Warum bestellt ein kanadisches Unternehmen deutschsprachige Bücher, die keinen grossen Wert mehr haben?
Eine Recherche der Badischen Zeitung von Anfang Juni und später auch Beiträge der Taz und SRF sehen vor allem eine Theorie als plausibel an: Die Bücher werden gekauft, um damit KI-Modelle zu trainieren.
Gescannt und zerstört
Dass KI-Entwickler Bücher nutzen, um ihre Sprachmodelle damit zu füttern und zu trainieren, belegt eine Recherche der «Washington Post» von Anfang Jahr.
Aus Gerichtsakten weiss die Zeitung, dass das US-Unternehmen Anthropic, das hinter dem KI-Chatbot Claude steht, Millionen von Büchern eingescannt und danach entsorgt hat. Das «Project Panama» kam nur wegen eines Urheberrechtsstreits ans Licht, bei dem sich Buchautorinnen und -autoren gegen das Unternehmen wehrten.
Die «Washington Post» konnte in ihrer Recherche zeigen, dass Bücher im Konkurrenzkampf der Tech-Konzerne eine wichtige Rolle spielen. Denn um ihre Sprachmodelle zu trainieren, benötigen diese immer neue Daten. Auch andere Tech-Konzerne wie Meta, OpenAI, Microsoft oder Google sind mit Urheberrechtsklagen von Buchautorinnen und -autoren konfrontiert.
Anhand der Gerichtsakten zu Anthropic konnte die «Washington Post» zeigen, dass sich der Tech-Riese zunächst sogenannter Schattenbibliotheken bediente, um digitale Raubkopien von Büchern herunterzuladen. Später, so schreibt es die US-Zeitung mit Bezug auf die Gerichtsakten, habe Anthropic physische Bücher, auch von Gebrauchthändlern, gekauft und ein Unternehmen beauftragt, sie zu scannen. Dafür seien sie zerlegt und somit zerstört worden.
Zoom Books stritt in der Vergangenheit bereits gegenüber der «Badischen Zeitung» und der «Taz» ab, Bücher zu digitalisieren und zu zerstören. Auf die Frage, ob die Firma für ein anderes Unternehmen als Zulieferer agiert, gab Zoom Books beiden Zeitungen keine Antwort.
Auf eine Anfrage von watson antwortete Reed Panell, der «Chief Growth Officer» von Zoom Books:
Zu den weiteren Fragen, etwa dazu, was mit den Büchern geschieht, die Zoom Books seit einigen Monaten in deutschen und Schweizer Antiquariaten bestellt, gab Panell keine Auskunft.
Somit ist unklar, wofür Zoom Books die Bücher tatsächlich bestellt und was mit der Ware geschieht. Klar ist aber: Gemäss Medienberichten bestellt Zoom Books nicht nur in Deutschland und in der Schweiz, sondern weltweit. Antiquare berichten, dass die Bücher zunächst in Lager in die USA bestellt worden seien.
Später, so auch bei den Bestellungen, die bei Flückiger eingegangen sind, gingen die Bücher an eine deutsche Lieferadresse, ein Lager in Kodersdorf nahe der Grenze zu Polen und Tschechien. Medienberichte vermuten, dass sie von diesem Lager aus in die USA geliefert werden könnten.
Gemischte Gefühle
Auch Flückiger weiss jetzt: Zoom Books ist wohl kein normaler Käufer. Verschickt er die Bücher, werden diese womöglich gescannt und zerstört. «Da habe ich mir schon überlegt, wie ich dazu stehen soll.»
Auch auf Reddit und anderen Foren diskutieren Buchhändlerinnen und -händler, wie mit den Bestellungen umzugehen sei: stornieren, trotzdem liefern oder Bestellungen über die betroffenen Verkaufsplattformen ganz blockieren?
Widerstand gegen die Bestellungen von Zoom Books kann Antiquare jedoch teuer zu stehen kommen. Ein weiterer Schweizer Buchhändler, mit dem watson gesprochen hat, sagt: Liefert er die bestellte Ware nicht oder storniert er die Bestellung, werde dies von grossen Verkaufsplattformen sanktioniert. Antiquariate mit Online-Shops seien von eben diesen Plattformen abhängig.
Zurück zu Flückiger: Er hat die Bücher verkauft. Hat er das mit einem unguten Gefühl getan? Der Antiquar sagt: «Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits war ich froh, ein paar Ladenhüter verkaufen zu können.» Dass Zoom Books nicht deklariert, was mit den Büchern passiert, stört ihn:
Aus der Recherche über Anthropic ist bekannt, dass die Bücher nach dem Scannen entsorgt wurden. «Das Zerstören ist unschön», sagt Flückiger. Er, der sein ganzes Berufsleben lang im Verlagsbereich gearbeitet hat, weist jedoch darauf hin, dass auch Verlage unverkäufliche Bücher entsorgen. «Ich würde behaupten, dass mindestens die Hälfte der produzierten Bücher am Schluss entsorgt wird.» Grund seien die hohen Lagerkosten und Überproduktion.
Flückiger hat keine Angst davor, dass die Inhalte in einem KI-Modell verschwinden. «Dafür gibt es Archivbibliotheken, die sammeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das allerletzte Exemplar eines Buches kaufen und es dann unwiederbringlich verloren ist.» In den Bestellungen, die bei ihm eingegangen sind, waren keine Raritäten darunter: «Das waren Bücher, die es noch hundertfach gibt.»
Kritisch sieht er hingegen den Umgang mit den Autorinnen und Autoren: «Dass sie nicht bezahlt werden, finde ich total daneben.»
Die Verantwortung sieht er nicht bei den Antiquaren, sondern bei der Politik:
Er befürwortet darum klare gesetzliche Regelungen und dass Autorinnen und Autoren entschädigt werden, wenn KI-Entwickler deren Werke für das Training ihrer Sprachmodelle nutzen.
Seit gut einer Woche sind beim Antiquar Flückiger keine Bestellungen von Zoom Books mehr eingegangen. Und auch eine Beanstandung seiner Lieferung habe er nicht erhalten. Denn zwei bestellte Titel lieferte er Zoom Books nicht. «Ich habe mir überlegt: Welche Bücher will ich schützen?», sagt er. Diese kleine Subversion habe er sich dann doch erlaubt.
(*Name geändert)
