KI wird zum Horrortrip: Kommt das Comeback des Analogen?
Bis vor wenigen Jahren war die Künstliche Intelligenz (KI) für die meisten Menschen ein abstraktes Konstrukt. Dann lancierte OpenAI im November 2022 ChatGPT. Das generative Sprachmodell wurde zu einem eigentlichen Gamechanger. Immer mehr Menschen nutzen KI-Tools, auch in der Schweiz, wie eine gerade veröffentlichte Umfrage von Comparis zeigt.
Noch erfolgt die Nutzung rudimentär, etwa als avancierte Suchmaschine. Das Potenzial der Technologie aber ist immens. Sie macht rasante Fortschritte. Bereits gibt es KI-Agenten, die selbstständig agieren, statt auf menschliche Inputs zu reagieren. Als Trendsetter gilt die US-Firma Anthropic mit ihrer Anwendung Claude, die mehr ist als ein simpler Chatbot.
Für Schlagzeilen sorgte Anthropic mit der Weigerung, seine Software dem Pentagon uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Worauf US-Präsident Donald Trump kurzerhand allen Regierungsbehörden die Verwendung von Claude untersagte. Was das US-Militär nicht daran hinderte, genau dieses KI-Tool im Angriffskrieg gegen den Iran einzusetzen.
Viele Einstiegsjobs gefährdet
Deutlicher lässt sich kaum illustrieren, wie gross die Abhängigkeit von KI in vielen Bereichen geworden ist. An warnenden Stimmen fehlt es nicht. Dazu gehört Anthropic-Gründer Dario Amodei. Er war Forschungsleiter bei OpenAI und angeblich nicht einverstanden, dass CEO Sam Altman das gemeinnützige Unternehmen zur Profitmaschine umbauen wollte.
Amodei ging und gründete mit seiner Schwester Daniela Anthropic. Er spielt gerne den Good Guy, der vor den negativen Folgen von KI warnt, etwa beim Einsatz autonomer Waffensysteme im Streit mit dem Verteidigungsministerium oder für den Arbeitsmarkt. Laut einer Anthropic-Studie wird ein grosser Teil aller Einstiegsjobs von KI übernommen.
Dystopische Befindlichkeit
Nicht alle nehmen Amodei die Altruismus-Masche ab. Offenbar will er Anthropic an die Börse bringen. Der Erlös könnte gigantisch sein, denn KI beflügelt die Fantasien. Sie soll enorme Effizienzgewinne und damit Profite erwirtschaften. Die Trump-Regierung lässt den Entwicklern weitgehend freie Hand, nicht zuletzt wegen des Konkurrenzkampfs mit China.
Die Euphorie im Silicon Valley und bei vielen Unternehmen aber wird von der breiten Bevölkerung in den USA keineswegs geteilt. Das Gegenteil ist der Fall. Sie beurteilt die rasante Entwicklung der generativen KI pessimistisch bis dystopisch, schreibt das Newsportal Axios, das sich intensiv mit KI und ihren potenziellen Folgen befasst.
Bedrohung für die Menschheit
Diese negative Stimmung ist auch bei US-Politikern angekommen. Die meisten Wählerinnen und Wähler würden die Auswirkungen von KI auf ihre Kinder und Jobs nicht nur fürchten. Die Entwicklung sei ihnen geradezu unheimlich, schreibt Axios. Den Beleg liefern Umfragen, laut denen eine Mehrheit der Amerikaner KI kaum oder gar nicht vertraut.
Fast zwei Drittel gehen in einer Erhebung von «Economist» und YouGov davon aus, dass KI die Zahl der Arbeitsplätze in den USA reduzieren wird. Sie glauben den Versprechungen der Industrie nicht, wonach KI neue Arbeitsfelder generiert. Und in einer weiteren Umfrage von YouGov zeigten sich 77 Prozent besorgt, dass KI die Menschheit bedrohen könnte.
«Todesmaschine» KI
Mit anderen Worten: Die Amerikaner haben nicht nur Angst vor Jobverlust und höheren Stromrechnungen wegen Datenzentren. «Sie haben ein Problem mit der Technologie an sich: Die Leute setzten KI gleich mit Überwachung, Täuschung und Kontrollverlust. Sie fürchten, dass KI Kriege beginnt und die Technologie uns beherrscht», schreibt Axios.
In unseren Breiten verläuft die Diskussion weniger aufgeheizt, vielleicht weil die Europäer bei KI eine Nebenrolle spielen. Aber unterschwellig dürften identische Ängste vorhanden sein. Erst kürzlich warnte der «Spiegel» in seiner Titelstory vor der «Todesmaschine» KI. Und erste tiefgreifende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind heute schon erkennbar.
IT-Entwickler auf Jobsuche
Betroffen ist ausgerechnet die IT-Branche, die die Künstliche Intelligenz entwickelt hat und nun von ihr bedroht wird. Oder um es in Abwandlung eines berühmten Zitats des deutschen Dramatikers Georg Büchner zu umschreiben: «Die Revolution frisst ihre Väter.» Die Devise lautet: Wer KI-Tools nicht beherrscht, wird von ihnen beherrscht und aussortiert werden.
Noch vor wenigen Jahren galten IT-Jobs als lukrativ und zukunftssicher. Jetzt häufen sich Berichte über Entwickler, die entlassen wurden und auf Stellensuche sind. Gefährdet sind weitere Bürojobs, vor allem wenn es um Routinearbeiten geht. Die oft verpönten manuellen Tätigkeiten hingegen gelten als relativ sicher, weil sie nicht von KI gemacht werden können.
Deepfakes und Cybercrime
Fast noch schlimmer aber sind die Bedrohungen im Internet, wobei Elon Musks Grüsel-KI Grok vergleichsweise harmlos ist. Die Gefahr durch Deepfakes sollte seit Collien Fernandes in der Öffentlichkeit angekommen sein, auch wenn sie in diesem Fall vielleicht keine Rolle spielten. Die grösste Bedrohung besteht ohnehin durch Cybercrime.
Zu den ersten Nutzniessern neuer Technologien gehören Kriminelle. In letzter Zeit häufen sich alarmierende Berichte über den Missbrauch von KI, um Unternehmen und Menschen noch effizienter zu betrügen und zu erpressen. Ein neues Phänomen nennt sich Quishing. Gemeint ist die Bedrohung durch KI-gestützte QR-Code-Betrügereien.
KI als Brandbeschleuniger
Besonders verwundbar sind Kinder. Die Gefahren für sie gehen weit über eine ungesunde Nutzung von Social Media hinaus. Vor nichts fürchten sich die amerikanischen Wählerinnen und Wähler stärker, heisst es in der Axios-Auswertung. Der Aufenthalt im einst «unschuldigen» Internet droht immer mehr zu einem Horrortrip zu werden.
Für die NZZ ist KI ein Brandbeschleuniger. Nun drohe «in unserem digitalen Leben der totale Kontrollverlust», warnte die Zeitung in einem Kommentar. Denn wir seien «weitgehend auf uns allein gestellt in einer digitalen Welt, in der uns Datenkraken, Computerwürmer, Cyberkriminelle und Spammer aus allen Herren Ländern auflauern», lautet der Befund.
Persönlich statt Social Media
Als «Gegengift» listet der Autor zwölf Grundsätze auf, die sich als Anleitung zur Paranoia umschreiben lassen, gerade im Umgang mit KI. Die Online-Welt wird nicht verschwinden, sie bietet zu viele Vorzüge. Aber ein vorsichtiger bis misstrauischer Umgang ist unerlässlich, nicht erst morgen, sondern schon heute. Und vielleicht kommt es zu einer Art Backlash.
«Je weniger die digitale Sphäre Echtheit und Authentizität garantiert, desto stärker wird man diese Qualitäten in der realen Welt suchen», meinte der Ethiker und Technologieexperte Markus Christen im Interview mit dem «Tagesanzeiger». Man lege Wert darauf, sich wieder persönlich gegenüberzusitzen, statt sich über «soziale» Medien zu connecten.
Revival der gedruckten Zeitung?
Man könnte von einem Comeback des Analogen sprechen. Handfeste Dinge werden an Bedeutung gewinnen, also Musik live und auf Tonträgern statt KI-generiertem und gestreamtem Sound, und sei er noch so raffiniert. Filme mit «echten» Schauspielern werden zum Gütesiegel, und auch das gebeutelte Theater könnte eine Renaissance erleben.
Betroffen ist auch unser Metier. «Seriöse Medien, bei denen man davon ausgeht, dass sie ihre Quellen sorgfältig prüfen, erhalten einen Vertrauensbonus», sagt Christen. Vielleicht kommt es sogar zum Revival der gedruckten Zeitung als Ausdruck von Qualität. Das könnte schlecht für watson sein, doch unser Verlag CH Media investiert in neue Druckmaschinen.
Politische Zeitbombe
Dieser «antizyklische» Entscheid könnte sich als weitsichtig erweisen, während es «20 Minuten» bereuen könnte, die Pendlerzeitung Ende letzten Jahres eingestampft zu haben. Eine Welt, die auf realen Werten basiert statt auf virtuellem Hokuspokus, wäre ein Gewinn. «Künftig haben im digitalen Raum nur noch Paranoide eine Chance», warnt die NZZ.
Die Gefahren durch die Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz aber sind unbestreitbar. Axios spricht von einer «politischen Zeitbombe». Die Industrie wehrt sich gegen eine griffige Regulierung, doch ohne diese könnte die Menschheit ernsthaft gefährdet werden. Denn wie gesagt: Wenn wir KI nicht beherrschen, wird sie uns beherrschen.
