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Mehrheit der Schweizer will strengere Regulierung von PFAS-Chemikalien

FILE - Vials containing PFAS samples sit in a tray April 10, 2024, at a U.S. Environmental Protection Agency lab in Cincinnati. (AP Photo/Joshua A. Bickel, File)
EPA PFAS Drinking
Das Thema PFAS beschäftigt die Schweizer Bevölkerung.Bild: keystone

PFAS-Chemikalien: Ruf nach staatlicher Regulierung wird lauter

Eine grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung spricht sich laut einer von der ETH Zürich und dem Bundesamt für Umwelt durchgeführten Umfrage für eine strengere Regulierung von PFAS-Chemikalien aus. Die Zustimmung zu staatlichen Massnahmen ist trotz insgesamt geringem Wissen über die Stoffgruppe hoch.
09.07.2026, 15:3209.07.2026, 15:32

Dieses grundsätzlich hohe Risikobewusstsein für die Auswirkungen von PFAS auf Mensch und Umwelt führt laut den Umfrageergebnissen jedoch kaum zu einem angepassten Konsumverhalten. Über 60 Prozent gaben an, dass die Möglichkeit von PFAS in Produkten ihre Kaufentscheidung nicht beeinflusse.

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) bezeichnen eine Gruppe von über 10'000 synthetischen Chemikalien, die aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften in zahlreichen Alltagsprodukten enthalten sind und so auch in die Umwelt gelangen. Wegen ihrer extremen Langlebigkeit werden sie auch als Ewigkeitschemikalien bezeichnet.

PFAS kommen laut einer unlängst veröffentlichten Auswertung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Schweizer Böden denn auch fast flächendeckend vor. Besonders hohe Belastungen finden sich auf Flächen, auf denen vermutlich Löschschaum oder Klärschlamm zum Einsatz kam. Auch zahlreiche Lebensmittel sowie Alltagsgegenstände enthalten PFAS.

In Lebensmitteln kaum wahrgenommen

Zwar hat laut der neuesten Ausgabe des Umweltpanels gut jede zweite Person schon einmal von PFAS gehört. Die grosse Mehrheit derjenigen, die den Begriff kennen, schätzt ihr eigenes Wissen zu PFAS jedoch als mittel bis gering ein.

Dass 40 Prozent der insgesamt 5893 im Sommer 2025 Befragten noch nie etwas von PFAS gehört hatten, erstaunt Thomas Bernauer, Projektleiter beim Schweizer Umweltpanel an der ETH Zürich, aber nicht. Als einen Hauptgrund sieht er die mangelnde Sichtbarkeit von PFAS an. Denn etwa Lärm oder eine Gewässerverschmutzung seien hör- oder sichtbar, und die Menschen wüssten, dass sie erkranken könnten. PFAS wiederum sehe man nicht, die Risiken seien «sehr komplex», für einige gebe es Evidenz, für andere nicht.

Die Teilnehmenden der Umfrage verorteten PFAS korrekt in Produkten wie Imprägniersprays, Outdoorbekleidung oder beschichteten Pfannen. Weniger bekannt war laut der Auswertung des Umweltpanels, dass die Stoffe auch in Backpapier oder Zahnseide vorkommen können. Die Anreicherung von PFAS in Böden und Grundwasser schätzten die Befragten mehrheitlich richtig ein.

Das Vorkommen der potenziell gesundheitsschädlichen Chemikalien in Fleisch, Gemüse, Milchprodukten und Obst wurde im Vergleich zu Böden und Grundwasser derweil kaum wahrgenommen. Dabei ist die Aufnahme über Lebensmittel – neben dem Trinkwasser – der Hauptübertragungsweg für den Menschen.

Trotz der Wissenslücken betrachtete ein überwiegender Teil der Befragten PFAS als ein Risiko für Mensch und Umwelt. Die wahrgenommenen Risiken überwogen den subjektiven Nutzen der Chemikalien deutlich.

Konsum mangels besseren Wissens

Dieses grundsätzlich hohe Risikobewusstsein für die Auswirkungen von PFAS auf Mensch und Umwelt führt laut den Umfrageergebnissen jedoch kaum zu einem angepassten Konsumverhalten. Über 60 Prozent gaben an, dass die Möglichkeit von PFAS in Produkten ihre Kaufentscheidung nicht beeinflusse.

Als Hauptgrund gaben die Befragten an, nicht zu wissen, in welchen Produkten die Chemikalien enthalten sind. Konsumverhalten und Wissen korrelierten laut ETH-Projektleiter Bernauer hierbei stark.

Als Folge von Regulierungen wären die Konsumentinnen und Konsumenten allerdings zu Einschränkungen bereit. 83 Prozent der Befragten etwa zeigten eine hohe Bereitschaft, eine kleinere Produktauswahl zu akzeptieren. Auch höhere Preise für PFAS-freie Alternativprodukte stiessen bei rund zwei Drittel der Befragten auf Akzeptanz. Eine reduzierte Produktqualität wiederum fand in der Umfrage keine Mehrheit.

Ruf nach staatlicher Regulierung

Die Verantwortung für den Schutz vor PFAS sahen die Befragten primär beim Staat und nicht bei den einzelnen Konsumenten. Politisch links orientierte, ältere Menschen und solche mit hohem Umweltbewusstsein sprachen sich tendenziell stärker für Verbote aus.

«Elf von zwölf potenziellen Massnahmen finden eine Mehrheit von mindestens 60 Prozent», sagte Bafu-Vizedirektorin Galliker. Besonders gross war die Zustimmung für eine Kennzeichnungspflicht für Produkte, die PFAS enthalten. Und auch strengere Grenzwerte für Lebensmittel und Trinkwasser befürwortete eine breite Mehrheit der Befragten.

Auch ein staatliches Monitoring-System wurde breit unterstützt. Ein generelles Verbot von PFAS in Alltagsprodukten befürworteten rund drei Viertel aller Befragten.

Umweltpanel-Projektleiter Bernauer rechnet in Zukunft mit einem noch stärkeren öffentlichen Druck auf den Staat, was PFAS angeht. «Es gibt ein grosses Ausmass an wissenschaftlicher Unsicherheit.» Diese reduziere die Unterstützung von Einschränkungen und Verboten. Je mehr die Unsicherheit reduziert und je intensiver gemessen werde, desto mehr würden Massnahmen gefordert.

Massnahmen schweizweit koordinieren

Für den Bund sind die PFAS-Chemikalien «eine komplexe Herausforderung», sagte Bafu-Vizedirektorin Galliker. Man habe sie «sehr vielseitig eingesetzt». Auch bestünden zu vielen Stoffen noch Wissenslücken. «Dieses Wissen brauchen wir, um Massnahmen festzulegen», so Galliker. Daher gebe es «keine kurzfristigen Lösungen».

Bis Ende 2027 soll ein Aktionsplan zu PFAS unter Federführung des Bafu erarbeitet werden. Der amtsübergreifende Austausch soll institutionalisiert werden. Massnahmen sollen schweizweit koordiniert und die Öffentlichkeit noch stärker informiert werden.

Weiter sollen Alternativen für gesellschaftlich unverzichtbare PFAS-Anwendungen gesucht werden, Verfahren für die Entfernung von PFAS – etwa aus dem Abwasser – entwickelt und neue PFAS-Höchstwerte für Lebensmittel festgelegt werden. (sda)

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