Gasspeicher so leer wie im Krisenherbst 2022
Die sommerlichen Temperaturen lassen es derzeit kaum vermuten, aber die Schweiz steht vor dem Beginn der Heizperiode. Und wer sich jetzt für den Winter eindecken muss, dem kann schon mal ein Schauder den Rücken hinunterlaufen. Die Preise für Heizöl sind in den vergangenen Wochen fast kontinuierlich gestiegen.
Auch beim Gas ist die Lage äusserst angespannt. «Die Versorgung für den Winter 2026/27 gestaltet sich herausfordernd», schreibt das Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung in seinem jüngsten Lagebericht. Gemäss aktuellen Zahlen des Bundes sind die europäischen Gasspeicher nur zu rund 70 Prozent gefüllt.
Das ist der tiefste Wert in den vergangenen fünf Jahren. Tiefer sogar als im Krisenherbst 2022, als der Bundesrat vor einer Mangellage warnte. Zum mehrjährigen Mittel beträgt die Differenz inzwischen fast 16 Prozent.
Europa deckte sich lange nur zögerlich ein
Der Grund ist schnell gefunden: Im vergangenen Frühjahr attackierten die USA den Iran, was zu einer Blockade der Strasse von Hormus führte – einem Nadelöhr nicht nur für Mineralöl, sondern auch für Tankschiffe mit Flüssiggas. Dies liess die Preise hochschnellen und führte dazu, dass sich Europa zögerlich mit Gasreserven eindeckte.
Von den grossen Kavernen in Deutschland oder Frankreich hängt auch die Schweiz ab, die über keine eigenen Speicherkapazitäten verfügt. Nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs verpflichtete der Bundesrat die hiesigen Gasversorger, 15 Prozent des Schweizer Gasbedarfs im Ausland als Reserve zu beschaffen.
Versorgungsengpässe sind trotzdem immer möglich: Bereits Anfang August berichtete «SRF», dass die zuständige Taskforce den Sitzungstakt erhöht hat. Seither trifft sie sich wöchentlich, um über neue Massnahmen zu diskutieren.
Die Möglichkeiten sind allerdings beschränkt. Nach wie vor gilt: Als erste Massnahme würde der Bund zum Sparen aufrufen. Fruchtet dies nicht, könnte Wirtschaftsminister Guy Parmelin zu einem besonderen Trick greifen: Unternehmen mit Zweistoffanlagen könnten von Gas auf Öl umschalten.
In der Industrie werden diese Anlagen üblicherweise zum Heizen oder zum Produzieren eingesetzt. Im Normalfall laufen sie mit Gas, sie können bei Bedarf aber auch mit Heizöl betrieben werden und so rasch dafür sorgen, dass die Schweiz ihren Gasverbrauch drosselt.
Den Preis dafür zahlt die Umwelt. Verbrennen die Zweistoffanlagen Öl statt Gas, setzen sie viel mehr CO2 und Stickstoff frei. Für ihren Betrieb muss der Bundesrat kurzfristig die Luftreinhalteverordnung lockern.
Energieunternehmen raten zur Reserve
Gemäss Informationen dieser Zeitung halten erste Energieversorgungsunternehmen ihre Kunden in der Industrie bereits dazu an, sich mit genügend Heizöl für eine Gasmangellage im kommenden Winter einzudecken.
Beim Bund ist man dankbar für diese Eigeninitiative. «Ein solcher Aufruf ist nicht durch den Bund in Auftrag gegeben worden, aber durchaus nachvollziehbar», heisst es beim Bundesamt für Landesversorgung auf Anfrage. Zweistoffanlagen könnten nur flexibel eingesetzt werden, «wenn tatsächlich Heizöl für den Betrieb vorhanden ist».
Gegen diese Art der Vorkehrung wehrt sich der Branchenverband der Schweizer Industrie Swissmem. «Swissmem geht nicht davon aus, dass ihre Mitglieder sich derzeit darauf vorbereiten, die Zweistoffanlagen für auf einen Betrieb mit Heizöl umzustellen. Bei den aktuellen Mineralölpreisen wäre dies eine ausserordentlich teure Angelegenheit.», sagt Vizedirektor Jean-Philippe Kohl. Und: «Sollte der Bund dies von den Firmen tatsächlich verlangen, bräuchte es eine behördliche Entschädigung.»
Fehlt damit der Schweiz in einer plötzlichen Mangellage ein entscheidendes Mittel? Beim Bund weiss man zumindest, dass die Industrie derzeit unter hohen Mineralölpreisen ächzt. Gleichzeitig warnt das zuständige Amt vor allzu zögerlichem Einkauf: «Dies könnte zu logistischen Herausforderungen bei den Energieversorgern führen, wenn dann beim ersten Kälteeinbruch die Nachfrage nach Heizöl abrupt steigen würde.»
Ein Blick auf die Meteodaten zeigt: Vorerst zeichnet sich ein plötzlicher Kälteschub nicht ab. Für die Schweiz ist das eine gute Nachricht. Der wichtigste Faktor für die Versorgungssicherheit bleibt einer, den weder Bundesrat noch Energieunternehmen beeinflussen können: das Wetter.
