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Trump geht die Zeit aus: Der richtige Öl-Schock könnte erst bevorstehen

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Donald Trump will sich angeblich nicht unter Druck setzen lassen von den hohen Benzinpreisen.Bild: keystone

Donald Trump geht die Zeit aus: Der richtige Öl-Schock könnte erst bevorstehen

Warnung der Erdöl-Branche: Die Reserven seien bald aufgebraucht, dann beginnt eine neue Phase in der Energiekrise.
30.05.2026, 19:3230.05.2026, 19:32
Niklaus Vontobel
Niklaus Vontobel

Ein Deal mit dem Iran sei «weitgehend ausgehandelt», so oder so ähnlich hat es Donald Trump kürzlich gesagt. So oder so ähnlich hat es der US-Präsident allerdings schon vor vier Wochen gesagt. Am 20. April postete Trump auf Truth Social, er werde den Deal «relativ bald haben».

Derweil wartet die Welt und bleibt die Strasse von Hormus gesperrt. Vor dem Krieg gingen dort ungefähr 20 Prozent des weltweiten Ölangebots durch – seit der Sperrung so gut wie nichts mehr. Die bange Frage ist, was die Folgen sein werden. Auch wenn Trumps Deal tatsächlich «relativ bald» kommen sollte, gehen die Meinungen hier weit auseinander. Sehr weit.

Wo ist das Problem?

Auf der einen Seite stehen die Finanzmärkte mit ihrer unerschütterlichen Zuversicht. Derzeit handeln sie das Barrel Erdöl lediglich zu etwas mehr als 90 Dollar. Das ist zwar mehr als vor der Sperrung. Aber es ist weniger als in der letzten Energiekrise, als Russland die Ukraine überfiel. Es ist weit weniger, als es Öl-Experten erwartet hatten, wenn sie sich eine solche Sperrung vorgestellt hatten in ihrem «Albtraum-Szenario».

Sprich, die Märkte zucken gleichgültig mit den Schultern. Auf der anderen Seite stehen Vertreter der Energiebranche, die sich über so viel  Gleichgültigkeit verzweifelt die Haare zu raufen scheinen.

Paul Sankey, ein altgedienter Energie-Experte, sagt der Nachrichtenagentur «Bloomberg» mit Selbstironie, er und seine Kollegen hätten zunächst ihre finsteren Vorhersagen laut in die Welt herausgebrüllt. Als die Börse gleichgültig blieb und stattdessen in neue Rekordhöhen abhob, seien die Energie-Experten fast verstummt. «Aber eigentlich verlaufen die Dinge fast genauso, wie wir es vorhergebrüllt haben.»

Laut Sankey verbraucht die Welt gerade sorgenfrei ihre Öl-Reserven. Ab einem gewissen Punkt, den man nicht genau kenne, seien diese Reserven zu tief und funktioniere das Energiesystem nicht mehr. Sankey warnt: «Wir werden diesen Punkt erreichen, und dann spielen die Preise verrückt.»

Wettlauf mit der Zeit

Ähnlich, wenn auch weniger blumig, sagt es der Chef von Chevron, einem der weltgrössten Öl-Konzerne. Der Ölpreis sei bislang nicht so stark wie erwartet gestiegen. Doch habe die Welt dies vor allem ihren Öl-Reserven für Notlagen zu verdanken. Diese Vorräte würden nun zur Neige gehen. Für Juni und spätestens für Juli erwartet er deshalb laut der «Financial Times» einen sprunghaften Anstieg des Ölpreises.

Für die Experten der US-Denkfabrik Brookings könnte es gegen Ende Juni kritisch werden. Wenn die Sperre bis dann nicht gefallen sei, werde absehbar sein: Die Welt werde ihre Öl-Reserven aufbrauchen müssen, der Deal zwischen Trump und dem Iran werde zu spät zustande kommen. Dann seien starke Preissprünge möglich, bis hinauf auf 150 Dollar.

Es ist also ein Wettlauf mit der Zeit – der jedoch auch bei einem Deal nicht sofort endet. Der Iran kann die Strasse von Hormus freigeben, dennoch wird die frühere Normalität erst nach einiger Zeit zurückkehren. Davor warnt etwa der Chef von Adnoc, dem Staatskonzern der Vereinigten Arabischen Emirate. Es werde mindestens bis Anfang 2027 dauern, bis wieder so viel Öl wie früher durch die Meerenge fliesst.

Warnung vor weltweitem Mangel an Motoröl

Schon zu spät ist es laut Fatih Birol, dem Chef der Internationalen Energieagentur (IEA). Für ihn ist die Frage anscheinend nicht mehr, ob die Welt den Wettlauf gegen die Zeit verliert. Sie befindet sich bereits «mitten in der grössten Energieversorgungs-Krise, mit der sie je konfrontiert war».

Während die Welt also auf den Deal zwischen Trump und dem Iran wartet, häufen sich weltweit die kleinen und grossen Folgen der Sperre. Wie zuvor schon in der Coronakrise und nach Russlands Angriff auf die Ukraine zeigen sie sich nicht unbedingt dort, wo man sie erwartet hätte.

Das US-Magazin «Fortune» etwa schreibt: Die Ölkrise treffe die Amerikaner nicht zuerst an der Zapfsäule, sondern unter der Motorhaube. Den USA geht das Motoröl aus. Der entsprechende Verband warnt vor «kurz bevorstehenden Knappheiten und einer weltweiten Motorölangebots-Krise».

Wobei die Amerikaner auch mit ihren Benzinpreisen unzufrieden sind. An ihrem Memorial Day, einem Gedenktag für gefallene Soldaten, hatten 16 Bundesstaaten rekordhohe Preise, noch höher als während der letzten Energiekrise im Jahr 2022.

In Malaysia stehen im Supermarkt auf einmal die Regale halb leer, wo sonst Milchflaschen zu finden sind. Einem Hersteller von Milchprodukten sind die Plastikflaschen ausgegangen, wie eine lokale Zeitung berichtet. Die Erklärung findet sich in der Strasse von Hormus. Die Sperre hat die Lieferketten von Petrochemikalien unterbrochen.

Schweiz laut Studie gut geschützt

In Japan sind dem Snack-Hersteller Calbee die Farbstoffe ausgegangen. Die Packungen seiner Chips und Cracker erscheinen nun nicht mehr in den üblichen grellen Farben – sondern nur noch in Schwarz-Weiss. Das ist, als würden Zweifel-Chips nicht mehr im üblichen Orange daherkommen.

Und in Indien werden die Diät-Colas knapp. Diese werden dort nur in Dosen verkauft, an denen es ebenfalls fehlt: In normalen Zeiten geht durch die Strasse von Hormus ein bedeutender Teil des globalen Angebots an Aluminium. Man nimmt es mit Humor. Der Genuss der verbliebenen Dosen wird an Diet-Coke-Partys zelebriert.

Die Folgen werden weltweit sehr unterschiedlich ausfallen, wie der Länderverein OECD in einer Analyse festhält. Wie gross der Schock in einem Land werde, hänge vor allem von einer Frage ab: Wie viel müssen die Haushalte von ihrem Einkommen für Energie ausgeben? Die Schweiz kommt hier mit 5,5 Prozent auf einen der tiefsten Anteile aller OECD-Länder. Zudem liegen ihre Öl-Reserven weit über dem Durchschnitt. Die Schweiz gehört demnach zu den am besten geschützten Ländern.

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