Endspiel um VW – das hat auch Folgen für die Schweiz
Nach vier Wochen Werksferien geht der Existenzkampf bei VW richtig los. Am Dienstag trat Konzernchef Oliver Blume im Stammwerk Wolfsburg auf einer ersten von mehreren Betriebsversammlungen auf, wo das Top-Management des angeschlagenen Automobilkonzerns in den nächsten Tagen in mehreren Fabriken in ganz Deutschland Kante zeigen will.
Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern hörten zum ersten Mal direkt aus dem Mund ihres Chefs, wie dieser seine Pläne begründet, die in den nächsten Jahren allein innerhalb des VW-Konzerns mehr als 50'000, ja vielleicht sogar 100'000 Jobs kosten könnten.
Deutsche Medien berichten, Blume sei während seiner Rede mehrfach ausgepfiffen worden. Die Mitarbeitenden kamen mit Transparenten zu der Veranstaltung, auf denen die Distanz der Belegschaft im Blaumann zur Konzernleitung im weissen Hemd überdeutlich zum Ausdruck kam: «Unsere Jobs sind nicht Eure Bilanzkorrektur.»
Blume hatte dem Verwaltungsrat des VW-Konzerns bereits im Juli erklärt, dass der aus dem Jahr 2024 stammende Restrukturierungsplan bis 2030 nicht ausreiche und drastischere Massnahmen nötig seien. «Wir haben die Fabrikkosten an den deutschen Fahrzeugbau-Standorten allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt», hielt Blume in einem am Wochenende erschienenen Intranet-Interview fest: Das sei «eine starke Leistung», lobte er. «Aber zur Wahrheit gehört auch: Es reicht noch nicht.»
Eine Antwort auf die Frage, wie tief der Schnitt bei VW genau gehen wird, wollte Blume den Mitarbeitenden aber auch auf seiner anstehenden Tour de VW nicht geben.
Angst vor Werkschliessungen
Der Konzernchef wird in den nächsten Tagen auch im Audi-Werk Neckersulm bei Heilbronn in Baden-Württemberg erwartet. Neckersulm ist eine von vier Betriebsstätten des Konzerns in Deutschland, für die Blume nach eigener Aussage «heute keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre darstellen kann».
Die Gewerkschafter interpretieren solche Aussagen als Ankündigung von Werkschliessungen, die es in der überaus erfolgreichen Geschichte von VW noch nie gegeben hat. Vor der grossen Betriebsversammlung in Wolfsburg krebste der Konzernchef in dem erwähnten Intranet-Interview etwas zurück. Er sagte: «Eine fehlende Nachfolgebelegung ist noch keine Werkschliessung.»
Blumes Pläne sind offensichtlich noch lange nicht Realität. Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sagte dem Deutschlandfunk, Werkschliessungen seien «keine Zukunftslösung». Die Grösse des VW-Konzerns, den Blume auch schon als «überdimensioniert» bezeichnet hatte, sei eine Chance. Diese infrage zu stellen, wäre für Lies «wirklich fatal». Niedersachsen hat in der Diskussion über die Zukunft von VW ein gewichtiges Wort mitzureden. Das Bundesland ist ein grosser Aktionär des Konzerns.
Blume möchte dessen Einfluss zwar begrenzen. Zunächst aber braucht er für die Umsetzung seines Restrukturierungsplanes das politische Plazet von Olaf Lies und seiner Regierung. Im Juli hatte der VW-Chef im Verwaltungsrat keine Mehrheit für seinen Restrukturierungsplan gefunden. Am 4. September will Blume den angepassten Zukunftsplan erneut zur Abstimmung bringen. Gut möglich, dass der Widerstand seit Anfang Juli noch gewachsen ist.
Christiane Benner, Chefin der Gewerkschaft IG Metall und Vizepräsidentin im VW-Verwaltungsrat, sagte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Zuletzt standen in dem Plan Dinge, die wir definitiv nicht mittragen werden: Werkschliessungen oder eine angestrebte Ausgliederung der Marke VW kommen nicht infrage.»
Auch einem Abbau von bis zu 50'000 Stellen sagt die Gewerkschafterin den Kampf an: «Einen Job-Kahlschlag wird es mit uns nicht geben. Sonst wird VW dieses Jahr einen der härtesten Konflikte erleben.» Beim Konflikt um die Zukunft von VW geht es nicht nur um sehr viele Jobs, sondern vor allem auch um sehr viele weit überdurchschnittlich gut bezahlte Industriejobs in Deutschland. Und es geht auch um den Job von Oliver Blume. «Für 9 Millionen Euro Gehalt pro Jahr erwarte ich bessere Ideen als nur: mehr Leute rausschmeissen», warnt Benner den CEO.
Doch auch die Gewerkschaftschefin verhehlt nicht: «Der Einbruch des chinesischen Automarktes, die US-Zölle, riesige technologische Veränderungen durch Elektroantrieb und Digitalisierung – das sind extreme Herausforderungen für VW», aber auch für die ganze deutsche Autoindustrie, wie sie hätte anfügen können.
VW-Krise trifft Schweizer Zulieferer
In der Schweiz verfolgen viele die Krise dieser Branche mit ihrem immensen Know-how und einer 130‑jährigen Tradition mit einem Schaudern. Unser Land hat zwar keine eigene Autoindustrie, aber viele kleine und grössere Industriefirmen liefern hochpräzise und oft auch sehr innovative Teile oder auch Maschinen nach Deutschland, wo sie im Automobilbau benötigt werden.
Die Grösse und Aufstellung der Schweizer Zulieferindustrie wird von Anja Schulze, Professorin für Technologie- und Innovationsmanagement an der Universität Zürich alle paar Jahre durch eine umfangreiche Betriebsbefragung vermessen. Zuletzt wurden in der Branche etwa 34'000 Beschäftigte gezählt. «Sehr viel von dem, was die Firmen hier produzieren, geht in den Export und das meiste davon nach Deutschland», sagte Schulze im Dezember 2025 im Gespräch mit «Schweiz heute». «Die Schweiz ist also sehr stark in die Wertschöpfungskette der deutschen Automobilindustrie eingebunden.»
Die daraus entstehenden Belastungen lassen sich leicht aus den Statistiken des Industrieverbandes Swissmem ablesen: Zwischen Januar und Juni sind die Exporte nach Deutschland zwar um 2,2 Prozent gestiegen, aber die Ausfuhr von Teilen und Zubehör für die Automobilindustrie war um nahezu 12 Prozent rückläufig. Das allein muss allerdings noch keine schlechte Nachricht sein. Sogar das Gegenteil ist möglich. Anja Schulze attestierte der Schweizer Industrie schon vor geraumer Zeit, dass sie dabei sei, ihre Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu lösen. Inzwischen gibt es mehr und mehr Beispiele wie den Luzerner Maschinenbauer Komax, dem diese Abnabelung zu gelingen scheint.

