Neuer Steuerchampion: Das ist die wichtigste Firma der Schweiz, die kaum jemand kennt
Es sind Zahlen, die selbst etablierte Konkurrenten in den Schatten stellen. Mehr als 65 Milliarden Dollar setzte der US-amerikanische Pharmakonzern MSD letztes Jahr um. Rund die Hälfte davon steuerte das Medikament Keytruda bei. Das Mittel gegen unzählige Krebsarten ist das umsatzstärkste verschreibungspflichtige Arzneimittel der Welt. Unter dem Strich erwirtschaftete MSD letztes Jahr einen Reingewinn von 18 Milliarden Dollar.
Davon profitiert auch die Schweiz. 2025 lieferte das Unternehmen, das in Luzern eine wichtige Niederlassung betreibt, hierzulande Gewinnsteuern von rund 2,1 Milliarden Dollar ab, wie es im Geschäftsbericht heisst. Das sind umgerechnet 1,7 Milliarden Franken.
Und der Höhenflug geht weiter. Kürzlich konnte Konzernchef Robert Davis vermelden, dass die Verkäufe im ersten Halbjahr weiter gestiegen sind, hauptsächlich dank Keytruda.
Pharma-Milliarden retten Keller-Sutter
Inzwischen gehört MSD zu den besten Steuerzahlern der Schweiz. Die Firma liefert mehr ab als die Basler Schwergewichte Roche und Novartis. Die Abgaben freuen nicht nur den Kanton Luzern, sondern auch Finanzministerin Karin Keller-Sutter (FDP). Aufgrund der Einnahmen, die höher als erwartet ausfielen, konnte sie ein geplantes Sparprogramm des Bundes abblasen.
Dass der Konzern gerade den Bundeshaushalt rettet, hat mit seinen drei Standorten in der Schweiz zu tun – und einem geheimen Steuerdeal mit dem Kanton Luzern.
Hinter dem Luzerner Bahnhof, im Quartier Rösslimatt, hat das Unternehmen erst im Mai seinen neuen Schweizer Hauptsitz eröffnet. Er gehört weltweit zu den wichtigsten Ablegern des Konzerns. Hier arbeiten rund 750 Angestellte verschiedenen Abteilungen weltweit zu.
Direkt von Luzern aus steuert MSD auch das Marketing für alle Länder ausserhalb der USA. Daneben sitzen hier Vertreter der Tiergesundheitsabteilung. Weitere etwa 250 Mitarbeitende arbeiten am Zürcher Flughafen in der Datenanalyse oder im Verkauf.
Der Konzern setzt in der Schweiz aber nicht nur auf Verwaltungsfunktionen. Im luzernischen Schachen betreibt das Unternehmen ein Labor, das Arzneimittelfälschungen aufdecken soll. Zudem arbeiten dort über 300 Angestellte an der Entwicklung, Herstellung und Analyse biotechnologischer Wirkstoffe, führen Stabilitätsstudien durch und unterstützen klinische Studien weltweit.
Für diese Studien stellen die Angestellten in Schachen kleine Mengen an Wirkstoffen her. Diese exportiert MSD dann in die ganze Welt. Derzeit zählt MSD weltweit mehr als 30 klinische Entwicklungsprogramme, die sich in der letzten Phase befinden. Auch für die Entwicklung von Keytruda spielte der Standort Schachen eine wichtige Rolle. Eine Zeit lang wurde dort der Wirkstoff des Medikaments hergestellt.
Eine der ältesten Pharmafirmen der Welt
In der Schweiz ist MSD seit 1963 tätig. Die Geschichte des heutigen Weltkonzerns reicht allerdings noch viel weiter zurück. Als Keimzelle gilt die Apotheke des Darmstädter Apothekers Friedrich Jacob Merck, gegründet 1668. Die Familie führte dieses Geschäft weiter und expandierte 1891 als Merck & Co. in die USA. In den Vereinigten Staaten ist die Firma noch heute unter diesem Namen bekannt – ausserhalb heisst sie MSD. Die unterschiedlichen Firmennamen führen regelmässig zu Verwirrung, zumal es noch ein deutsches Pharmaunternehmen aus Darmstadt gibt, das Merck KGaA heisst.
Der Namenswirrwarr hat historische Gründe. Im Ersten Weltkrieg konfiszierten die USA den amerikanischen Ableger des deutschen Merck-Konzerns, die Merck & Co. 1919 kaufte eine Gruppe um Georg Merck, ein in die USA emigriertes Familienmitglied, diese Firma. Seither ist die amerikanische Merck von ihren deutschen Wurzeln abgekoppelt. Zurück blieb die Merck-Gruppe in Darmstadt.
Aufgrund der damaligen Konfiszierung darf sich Merck & Co. ausserhalb der USA nicht mehr so nennen. Seit der Fusion mit Sharp & Dohme 1953 bezeichnet sich der Konzern deshalb als MSD. Die deutsche Merck-Gruppe wiederum nennt sich in den USA und Kanada EMD.
Ein beträchtliches Klumpenrisiko
Die Apothekerfamilie legte früh den Grundstein für zwei weltweit einflussreiche Pharmariesen. Beide konnten in den vergangenen Jahrzehnten ihre Verkäufe stark steigern. Doch MSD spielt mittlerweile in einer eigenen Liga. Seit der Lancierung des Krebsmedikaments Keytruda 2014 hat der Konzern seinen jährlichen Umsatz um 20 Milliarden Dollar gesteigert. Kritiker sprechen von einer «Gelddruckmaschine», die MSD durch unzählige Patente so lange wie möglich am Laufen halten will.
Das sieht MSD anders und verweist regelmässig auf die kostspielige Forschung und Entwicklung. Klar ist: Die Gelddruckmaschine wird ins Stottern geraten, denn 2028 läuft ein erstes wichtiges Patent ab. Das öffnet die Türen für Nachahmerpräparate; der Basler Generikariese Sandoz entwickelt bereits ein solches Produkt.
In der Branche spricht man von einer sogenannten Patentklippe, die Pharmafirmen mit auslaufenden Kassenschlagern überwinden müssen. Der drohende Fall ist bei Keytruda besonders tief. MSD muss ab 2028 rund die Hälfte seines Umsatzes mit neuen Medikamenten ersetzen.
Um den Fall abzubremsen, hat MSD neue Medikamente für Milliardenbeträge eingekauft. MSD-Chef Robert Davis gab sich letzte Woche vor den Medien zuversichtlich. Er sprach «eher von einem Hügel, nicht einer Klippe». Demnach rechnet Davis nach einem kleinen Taucher wieder mit anziehendem Wachstum.
Ob das gelingen wird? Für das laufende Jahr jedenfalls musste der Konzern seine Gewinnprognose um die Hälfte nach unten korrigieren, weil die teuren Zukäufe auf den Ertrag drücken. Wenn die Gewinne schwinden, könnte dies auch der Schweizer Fiskus zu spüren bekommen. Wie sich der Geschäftsgang konkret auf die in der Schweiz abgelieferten Steuern auswirkt, will MSD nicht kommentieren.
Die Entwicklung zeigt, dass sich nicht nur MSD mit Keytruda einem Klumpenrisiko ausgesetzt sieht. Auch der Bund und insbesondere der Kanton Luzern mit seiner Tiefsteuerstrategie machen sich stark von einzelnen Unternehmen wie MSD abhängig. Wie dem Geschäftsbericht zu entnehmen ist, hat Luzern dem Pharmariesen noch bis ins Jahr 2032 einen «additional Cantonal tax holiday», also zusätzliche Steuerrabatte, zugesichert – ein beliebtes Mittel kantonaler Verwaltungen, um internationale Firmen anzulocken. In den USA sorgt das schon länger für Kritik.
Luzerner Finanzdirektor schweigt
Wie reagiert Luzern, wenn MSD seinen Blockbuster Keytruda nicht ersetzen kann und seine Gewinne nicht mehr in die Schweiz verschiebt? Was, wenn der Druck aus den USA steigt? Wohin steuert die längerfristige Steuerstrategie des Kantons Luzern?
Solche Fragen will Finanzdirektor Reto Wyss (Die Mitte) nicht beantworten, auch nicht in einem Hintergrundgespräch. Er könne auch off the record das Steuergeheimnis nicht verletzen, lässt seine Sprecherin ausrichten. Dass Wyss in Deckung geht, zeigt, wie heikel die Steuerfrage in Luzern inzwischen geworden ist. Natürlich hätte der Politiker, wie vorgeschlagen, auch über die grösseren Linien seiner Steuerpolitik Auskunft geben können, ohne das Steuergeheimnis zu brechen. Doch selbst das ist ihm offensichtlich zu heiss.
Bei der Eröffnung des neuen MSD-Sitzes in Luzern liess er immerhin verlauten: «MSD schafft hochwertige Arbeitsplätze, bringt internationale Vernetzung in unsere Region und leistet einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Stärke unseres Kantons.»
Wie hoch dieser Beitrag künftig ausfällt, hängt auch davon ab, wie MSD die bevorstehende Patentklippe überwindet. Reto Wyss in Luzern sowie der Konzernchef in New Jersey müssen hoffen, dass es sich dabei tatsächlich nur um einen kleinen Sprung von einem Hügel handelt – und nicht um den Fall von einer Klippe. (schweizheute.ch)

