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Das sagt Roches Hoffnungsträger Adam Steensberg über Abnehmspritzen

Der Wettlauf um die Abnehmmedikamente der nächsten Generation läuft.
Der Wettlauf um die Abnehmmedikamente der nächsten Generation läuft.BILD: IMAGO
Interview

Roches Hoffnungsträger über Abnehmspritzen: «Viele werden sie ihr Leben lang nehmen»

Die Firma Zealand unter Chef Adam Steensberg soll Roche im Fett-weg-Geschäft gross rausbringen. Dieser sagt im Interview, warum es neue Abnehmspritzen braucht – und was dies für die Krankenkassen bedeutet.
17.05.2026, 11:2517.05.2026, 11:25
Pascal Michel / ch media

Als Sie 2022 das Steuer von Zealand übernahmen, mussten Sie die Firma aus der Krise führen. Sie fokussieren nun ganz auf den Abnehmmarkt und haben mit Roche einen Partner gefunden, der für Petrelintide 5,3 Milliarden Dollar zahlte. Wie gehen Sie nun mit dem Erfolgsdruck um?
Wir sind seit 25 Jahren im Bereich der Stoffwechselkrankheiten tätig. Wir haben früh auch GLP-1-Agonisten entwickelt, einer wurde dann von Sanofi-Aventis lizenziert. Seit 2022 konzentrieren wir uns auf Übergewicht. Wir sind sehr froh, mit Roche einen Partner gefunden zu haben, der das Problem ganzheitlich angehen möchte. Zudem sind wir zu gleichen Teilen an Gewinn und Verlust beteiligt. Wir sind also sehr bestrebt, Petrilintide erfolgreich auf den Markt zu bringen.

In der Pharmaindustrie läuft gerade ein Wettlauf darum, wer das nächste Medikament lanciert, das die Kilos noch schneller purzeln lässt. Sie haben das als «Abnehm-Olympiade» kritisiert. Was meinen Sie damit?
Adam Steensberg: Wir sollten aufhören, allein auf einen möglichst grossen Gewichtsverlust hinzuarbeiten. Die meisten Patienten wollen nämlich gar nicht so schnell so viel abnehmen. 80 Prozent sagen in Umfragen, dass sie weniger als 20 Prozent ihres Gewichts verlieren möchten.

Dann können die Patienten die bekannten Abnehmspritzen auf GLP-1-Basis einfach weniger lange nutzen. Wo liegt das Problem?
Das Problem sind die erheblichen Nebenwirkungen, die bei den aktuellen Mitteln auftreten: Durchfall, Verstopfung, Erbrechen. Unabhängige Daten für die USA zeigen, dass nach einem Jahr nur noch ein Fünftel der Patienten die Medikamente nehmen. Der Hauptgrund dafür sind die Nebenwirkungen. Das ist ein grosses Dilemma.

Warum?
Diese Menschen nutzen zwar die potenten Abnehmspritzen. Doch sie brechen schnell ab und nehmen dann wieder an Gewicht zu. Damit verschwinden auch die positiven gesundheitlichen Effekte des Gewichtsverlusts. Das Risiko, an Diabetes zu erkranken oder einen Schlaganfall zu erleiden, steigt wieder. Es braucht deshalb Medikamente, die besser verträglich sind und eine geringere Abbruchquote aufweisen.

Ein solches Produkt namens Petrilintide auf Amylin-Basis entwickeln Sie zusammen mit Roche. Die Resultate einer Phase-2-Studie fielen kürzlich allerdings enttäuschend aus. Vergleichbare Mittel der Konkurrenz brachten mehr Gewichtsverlust.
Wir sind sehr zufrieden. Nach 42 Wochen konnten die Patienten ihr Gewicht um 10,7 Prozent reduzieren. Und das mit einem ausgezeichneten Nebenwirkungsprofil. Bei der maximal wirksamen Dosis gab es keine Fälle von Erbrechen und keine Therapieabbrüche aufgrund von Magen-Darm-Beschwerden. Das ist für uns entscheidend.

Zealand-Chef Adam Steensberg.
Zealand-Chef Adam Steensberg.bild: getty

Was unterscheidet Amylin von der Wirkungsweise von GLP-1?
Die bekannten GLP-1-Präparate sorgen dafür, dass man weniger Appetit verspürt und dementsprechend weniger isst. Das funktioniert sehr gut, wird aber von vielen als Verlust von Lebensqualität gesehen. Es ist schwierig, sich auf einen Besuch in einem guten Restaurant zu freuen, wenn man keinen Appetit verspürt. Amylin hingegen sorgt dafür, dass man sich schneller satt fühlt. Man hat also weiterhin Appetit und isst einfach eine kleinere Portion. Wir glauben, dass diese Erfahrung zusammen mit den geringeren Nebenwirkungen mehr Patienten dazu bringen wird, ihre Therapie fortzuführen.

Wer mit den Medikamenten abnimmt, verliert nicht nur Fett, sondern oft auch Muskelmasse. Das ist nach wie vor ein grosses Problem.
Tierversuche zeigen klar, dass Amylin den Muskelabbau begrenzen kann. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, den sogenannten Jojo-Effekt zu bekämpfen. Denn viele Menschen nehmen nach dem Absetzen der Abnehmmedikamente wieder zu, weil sie auch Muskeln abgebaut haben. Mit weniger Muskeln verbrennt der Körper weniger Kalorien, wodurch eine erneute Gewichtszunahme wahrscheinlicher wird. Inwiefern Amylin auch beim Menschen denselben Effekt hat, bleibt abzuwarten. Es gibt aber noch andere interessante Daten.

Welche?
Wir haben für den deutschen Konzern Boehringer Ingelheim ein Mittel namens Survodutide lizenziert. Vor Kurzem wurden positive vorläufige Ergebnisse aus einer Phase-3-Studie bekannt gegeben, weitere Daten werden im Verlauf des Jahres erwartet. Erste Analysen deuten darauf hin, dass die Gewichtsreduktion unter Survodutide überwiegend auf den Verlust von Fettgewebe zurückzuführen war. Diese Daten werden demnächst vorgestellt.

Kritiker sagen, Roche und Zealand kämen mit ihrer Lösung viel zu spät. Im Englischen würde man sagen: You’re late to the party.
Ich würde behaupten, die Party hat noch gar nicht begonnen! Es geht um eine der grössten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit. Ja, es gibt die GLP-1-Produkte seit einigen Jahren. Und ja, Geschwindigkeit ist wichtig. Aber schauen Sie sich die Folgekrankheiten an, Diabetes oder Bluthochdruck. Da hat es noch viel Platz, auch in den kommenden Jahren. Deshalb haben wir uns mit Roche zusammengetan. Wir wollen nicht die Fussstapfen unserer Konkurrenten nachtreten, sondern eigene Spuren ziehen.

Als Sie 2022 das Steuer von Zealand übernahmen, mussten Sie die Firma aus der Krise führen. Sie fokussieren nun ganz auf den Abnehmmarkt und haben mit Roche einen Partner gefunden, der für Petrelintide 5.3 Milliarden Dollar zahlte. Wie gehen Sie nun mit dem Erfolgsdruck um?
Wir sind seit 25 Jahren im Bereich der Stoffwechselkrankheiten tätig. Wir haben früh auch GLP-1-Agonisten entwickelt, einer wurde dann von Sanofi-Aventis lizenziert. Seit 2022 konzentrieren wir uns auf Übergewicht. Wir sind sehr froh, mit Roche einen Partner gefunden zu haben, der das Problem ganzheitlich angehen möchte. Zudem sind wir zu gleichen Teilen an Gewinn und Verlust beteiligt. Wir sind also sehr bestrebt, Petrilintide erfolgreich auf den Markt zu bringen.

Stand jetzt müssen Patienten die Medikamente nehmen, um nicht wieder zuzunehmen. Sehen Sie eine Lösung, damit ein nachhaltiger Erfolg auch nach der Therapie möglich ist?
Viele Leute werden diese Medikamente ihr Leben lang nehmen müssen. Das hat mit unserer Evolution zu tun. Unser Stoffwechsel ist quasi auf Steinzeit programmiert, doch heute sind wir mit einem riesigen, oft ungesunden Nahrungsangebot konfrontiert. Die Verlockung ist riesig. Wir müssen deshalb wohl akzeptieren, dass viele Leute Medikamente brauchen, um ein gesünderes Leben zu führen. Es gibt im Moment keine Anzeichen dafür, dass die Leute weniger Kohlenhydrate oder Zucker konsumieren. Hier wäre die Lebensmittelindustrie in der Pflicht. Doch ich zweifle daran, dass sich hier bald etwas ändern wird.

Das heisst, die Krankenkassen werden bald riesige Summen für Abnehmmedikamente bezahlen müssen. Das dürften die Prämienzahler kaum akzeptieren.
Die Alternative ist, dass die Gesundheitssysteme zusammenbrechen. Wenn wir nichts tun, werden wir künftig massiv mehr übergewichtige Patienten mit Herz- oder Leberproblemen haben. Das wäre teuer – viel teurer als die Kosten für die Abnehmmedikamente.

Für die Pharmaindustrie ist das ein Traumszenario: Sie kann so den Patienten eine lebenslange Therapie verkaufen. 
Sobald die Patente auslaufen, werden diese Medikamente viel günstiger werden. Im Bereich Übergewicht wird es nicht anders sein als bei anderen chronischen Krankheiten: Es wird günstige Generika geben, aber auch neue Moleküle, die einen Mehrwert bringen. So funktionieren die Innovationszyklen in unserer Branche.

Das Beratungsunternehmen Deloitte warnte kürzlich davor, dass der Hype um die Abnehmmedikamente zu einer Blase geworden ist. Haben Sie Angst davor?
Ich glaube nicht, dass es eine Blase in der Adipositasforschung gibt. Möglicherweise gibt es eine GLP-1-Blase, aber das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. In unserer Branche muss man zu den ersten drei oder vier Firmen in einem Gebiet gehören, um sich abzuheben. Dieses Zeitfenster schliesst sich bei GLP-1-Produkten. Adipositas ist jedoch eine komplexe Erkrankung, die nicht durch einen einzigen Wirkmechanismus gelöst werden kann. Mit Petrelintide glauben wir, an der Spitze der nächsten Generation von Adipositas-Therapien zu stehen.

Ein hitzig diskutiertes Thema in der Branche ist die Preisgestaltung in den USA. Donald Trump hat die G7-Länder, Dänemark und die Schweiz als Referenzländer ausgewählt. Er will künftig nicht höhere Preise bezahlen als diese Länder. Um das US-Geschäft zu schützen, fordert die Branche deshalb höhere Preise in Europa. Wie erleben Sie die Diskussion?
Wie in der Schweiz spielt die Pharma- und Biotechbranche in Dänemark eine wichtige Rolle. Wir müssen uns überlegen, ob wir – in Dänemark, Europa, aber auch in der Schweiz – weiterhin vorne mitspielen wollen. Ich finde: Ja, das sollten wir. Deshalb sollten wir in Europa mehr für Medikamente bezahlen.

Das ist politisch schwer zu verkaufen. Zudem stellt sich die Frage, wie viel mehr Länder wie die Schweiz oder Dänemark bezahlen sollten. Die Amerikaner nehmen die Kaufkraft als Massstab. Das setzt reiche Länder stark unter Druck. Sehen Sie einen Kompromiss?
Nein. Das sind sehr komplexe Fragen. Es ist aber wichtig zu sehen, dass die Medikamentenkosten nur einen kleinen Teil der Gesundheitskosten ausmachen. Das sollte in die Diskussion einfliessen. Aber es ist halt einfach, über Medikamentenkosten zu sprechen, statt bei den komplexen Versorgungsstrukturen etwas zu ändern. Und das sage ich als Arzt, der selbst in Spitälern gearbeitet hat.

Spritzen-Manager
Adam Steensberg (51) ist seit 2022 Chef des dänischen Pharmaunternehmens Zealand. Er hat sich an der Universität Kopenhagen zum Arzt ausbilden lassen und hat einen Master in Business Administration. Diesen erwarb er an der renommierten Genfer Hochschule IMD. Bevor er CEO wurde, arbeitete er bei Zealand als ärztlicher Leiter und Forschungs- und Entwicklungschef. Seine Karriere in der Pharmaindustrie begann Steensberg beim dänischen Konzern Novo Nordisk. Der Sitz des heutigen Konkurrenten liegt in Kopenhagen nur unweit der Büros von Zealand. (mpa)
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