Just Eat kündigt Massenentlassung an: 700 Kuriere bangen um ihren Job
Der Essenslieferdienst Just Eat will von Festanstellungen zu Selbständigen und externen Partnern wechseln. Das kündigt der Chef des Unternehmens, Lukas Streich, im Interview mit dem Tages-Anzeiger an. Damit nähert sich Just Eat dem Modell von Uber Eats an, das von Gewerkschaften schon öfter kritisiert wurde.
Wie viele Kuriere entlassen werden, steht noch nicht fest. Die genaue Zahl werde in etwa zwei Wochen nach Abschluss des Konsultationsverfahrens vorliegen, so Streich. Derzeit beschäftigt Just Eat rund 700 solche. Entlassene hätten die Möglichkeit, als Selbständige weiterhin für das Unternehmen zu arbeiten, erklärt Streich.
Grund für den Schritt seien veränderte Gewohnheiten der Kundschaft. Mit dem neuen Modell sollen flexiblere Lieferzeiten möglich sein. «Es handelt sich nicht um eine Sparmassnahme, sondern wir reagieren damit auf die Kundenbedürfnisse, die sich in den letzten fünf Jahren stark verändert haben», so Streich. Die Leute würden nicht mehr nur zu gewohnten Zeiten essen. «Sie wollen auch etwa nachts um 2 Uhr einen Hamburger oder nachmittags Kuchen und Matcha Latte», sagt der Just-Eat-Chef gegenüber dem Tages-Anzeiger.
Diese Flexibilität sei mit der momentanen Schichtplanung zwei Wochen im Voraus nicht machbar. Aktuell sei es etwa aufgrund des Arbeitsgesetzes nicht möglich, nach Mitternacht Lieferungen anzubieten. Mit dem Selbstständigenmodell ist dies hingegen möglich. Dies wird bei anderen Anbietern bereits so gehandhabt. «Das sind die Wünsche der Kunden, und wir erfüllen sie, weil das sonst unser Mitbewerber tut», sagt Streich.
Das neue Modell sieht laut Streich je nach Region unterschiedliche Lösungen vor. In Städten wie Zürich, Bern, Basel und Winterthur sowie in der Ostschweiz sollen vermehrt selbstständige Kuriere zum Einsatz kommen. Im Tessin arbeite Just Eat vor allem mit dem Flottenpartner On Duty zusammen. In der Westschweiz sollen die Kuriere aufgrund eines Gerichtsurteils weiterhin angestellt bleiben.
Für Arbeitnehmende hat dieser Schritt auch abgesehen von möglichen Kündigungen Folgen. So haben selbstständige Kuriere etwa keine bezahlten Ferien oder kein Einkommen bei Unfall oder Krankheit. Gleichwohl sieht Streich bei diesem Schritt auch positive Aspekte. «Ein selbstständiger Kurier kann selbst entscheiden, ob er zu einem bestimmten Betrag einen Auftrag annehmen will oder nicht», sagt er. Dies sei ein «Riesenvorteil», welchen das aktuelle Modell nicht biete.
Die Gewerkschaft Syndicom verurteilt das Vorhaben von Just Eat. «Wettbewerb und kurzfristige Verfügbarkeit dürfen nicht dazu führen, dass unternehmerische Risiken auf einzelne Kuriere abgewälzt werden», heisst es am Donnerstag in einer Mitteilung. Die Gewerkschaft fordert die Kantone auf, nach dem Beispiel Genf und Waadt Feststellungsverfügungen zu machen, dass die Firma als Arbeitgeber agiert. «Syndicom erwartet von den zuständigen Stellen, dass sie die Arbeitsverhältnisse und die Einhaltung der arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Vorgaben per Feststellungsverfügung durchsetzen und das Katz und Mausspiel beenden.»
(dab/vro/sda)
