Goldene Zungen für das Jenseits
Marina El Alamein liegt rund 240 Kilometer nordwestlich von Kairo an der ägyptischen Mittelmeerküste und ist heute ein Touristenort. In der Antike befand sich dort bereits eine Siedlung, die besonders vom ersten bis vierten Jahrhundert n. Chr. blühte. Für Archäologen ist diese Fundstätte von Bedeutung, weil der Friedhof dieser antiken Siedlung eine enorme Vielfalt an Bestattungsformen aufweist.
Dies zeigt auch der jüngste Fund, wie das Portal Live Science berichtet: Es handelt sich um 18 Gräber, die laut Informationen des ägyptischen Ministeriums für Tourismus und Altertümer auf Facebook vermutlich aus der ptolemäischen (322 bis 30 v. Chr.) oder der römischen (30 bis 295 n. Chr.) Epoche stammen. Die Ptolemäer waren eine griechisch-ägyptische Dynastie, die auf einen General Alexanders des Grossen zurückgeht. Sie erlosch mit dem Tod Kleopatras; danach wurde Ägypten römisches Protektorat und kurz darauf römische Provinz.
Goldblech im Mund
Besonderes Interesse erregte beim Fund in Marina El Alamein eine spezifische Grabbeigabe, die sich bei mehreren der in diesen Gräbern bestatteten Mumien fand: ein goldenes Blech im Mund. Solche sogenannten goldenen Zungen wurden bereits früher bei anderen Grabungen gefunden, so vor mehr als 100 Jahren in Edfu, wo der sogenannte Goldene Junge mit einem Zungen-Amulett aus Gold in seinem Sarkophag lag, oder etwa 2021 im Taposiris Magna Tempel bei den Mumien einer Frau, eines Mannes und eines Kindes. Ihre Zungen waren bei der Bestattung entfernt und durch goldene Plättchen ersetzt worden. Deren mutmassliche Funktion wirft ein Licht auf die altägyptischen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod.
«Goldene Zungen sind ein gut dokumentiertes Merkmal einiger Bestattungen aus der ptolemäischen und römischen Zeit in Ägypten», erklärt Hesham Hussein, Unterstaatssekretär im Ministerium, gegenüber Live Science. «Sie werden im Allgemeinen als symbolische Grabamulette interpretiert, die dazu dienen, dem Verstorbenen zu ermöglichen, im Jenseits zu sprechen.»
Unschuldserklärung vor dem Totengott
Nach dem Tod, so glaubten die alten Ägypter, mussten sie sich in einem Gerichtssaal von Osiris, dem Gott der Unterwelt und Richter der Seelen, den Fragen von 42 Göttinnen und Göttern stellen, bevor sie in das himmlische Paradies, das «Schilffeld», eintreten durften. In dieser Halle der zwei Wahrheiten wurde ihr Herz auf eine Waage gelegt und gegen die Feder der Ma'at gewogen, die die kosmische Ordnung repräsentierte, quasi als moralisches Gewicht. Diesen Vorgang beaufsichtigte der schakalköpfige Gott Anubis, während daneben das Mischwesen Ammit – teils Löwe, teils Nilpferd, teils Krokodil – lauerte, um die Herzen jener zu verschlingen, die sich als unwürdig erwiesen hatten. Dies entsprach der endgültigen und vollständigen Auslöschung der Seele.
Bevor ihr Herz gewogen wurde, mussten die Verstorbenen jedoch ihr Bekenntnis vor den Göttern ablegen. Sie mussten eine lange Unschuldserklärung abgeben, in der sie konkrete Sünden nannten und bestritten, sie begangen zu haben. Um dies tun zu können, mussten sie sprechen können. Eine Seele ohne Stimme konnte sich nicht verteidigen und hatte keine Zukunft in der Unterwelt. Indem die Einbalsamierer und Priester dem Toten vor dem Anlegen der letzten Bandagen eine goldene Folie in den Mund legten, stellten sie sicher, dass er auch über den Tod hinaus sprechen konnte – und dies mit goldener, göttlich inspirierter Sprache.
«Fleisch der Götter»
Gold war dabei nicht so sehr Ausdruck materiellen Reichtums – in der ägyptischen Mythologie galt das Edelmetall, das nicht rostet, als «Fleisch der Götter», als Material, das Unsterblichkeit verlieh. Altägyptische Texte schreiben den Göttern goldene Haut, silberne Knochen und Haare aus Lapislazuli zu; auf Tempelreliefs und Statuen sind sie mit goldfarbenen Körpern dargestellt – Symbol für ihre Unsterblichkeit und göttliche Natur. So war es nur folgerichtig, dass die Pharaonen, die als lebende Götter galten, Goldschmuck trugen und sich in goldenen Särgen und mit goldenen Masken – wie jene des Tutanchamun, die aus massivem Gold besteht – bestatten liessen.
Scheintür zur Totenwelt
Bei der Grabung in Marina El Alamein stiessen die Archäologen zudem auf eine unvollendete Marmorstatue, die wahrscheinlich die Göttin Aphrodite darstellt, die Überreste einer Sphinx-Statue aus Gips und einen Wasserbrunnen, der in einer späteren Epoche zu Bestattungszwecken umfunktioniert worden war. Ausserdem fanden sie einen Opferaltar aus Kalkstein, in den eine für den altägyptischen Totenkult charakteristische «Scheintür» eingearbeitet ist. Diese fungierte als Schnittstelle zwischen den Welten der Lebenden und der Toten, durch die der Verstorbene Opfergaben erhalten konnte, die von den Lebenden vor der Tür platziert wurden.
- «Kosmische» Grabbeigabe: Tutanchamuns Dolch besteht aus ausserirdischem Metall
- Geheimkammer in Tutanchamuns Grab: Archäologen hoffen Nofretetes Mumie zu finden
- Tutanchamun hatte Hasenzähne, weibliche Hüften und einen Klumpfuss
- Neues aus dem Alten Ägypten: Endlich wieder mal ein Pharaonengrab!
- Kleopatra falsch dargestellt – Ägypten reagiert mit eigener Doku
